Die Cavatine der Norma Casta Diva zählt zu den berühmtesten Opernarien überhaupt. Vielen gilt sie sogar als Synonym für die Kunst des Belcanto. Ein Mythos, der den Rest der Oper bis heute überragt. Wenn die Sopranstimme von dünnem Orchestergedudel fast alleingelassen in unspektakulärer Mittellage ihre ersten, liedhaft schlicht intonierten Phrasen singt, scheint die Zeit stillzustehen. Die Druidenpriesterin stimmt ein Zwiegespräch mit sich selbst an, ein intimes Gebet, das sich jäh aufschwingt in gleißende Höhen und dort zur dramatisch insistierenden Klage aufreißt. Und als sei das völlig logisch, folgen nun plötzlich Passagen aberwitzigsten Ziergesangs, schier unsingbare Koloraturen, kaum gestützt vom Orchester, Glissandi, die im freien Fall anzusetzen sind, bevor im schnellen Finale explosive Kraft über vollem Chor und Orchester mit gebieterischen Spitzentönen gefordert ist.
Bereits in der Auftrittsarie braucht diese Norma eine Stimme, die so etwas wie die Quadratur des Kreises fordert, nämlich einen »soprano drammatico d’agilità«, einen dramatischen Sopran, der über die Feinmechanik einer leichten Stimme verfügt. Für jedes Opernhaus, das Norma programmiert, hat die Frage nach der Besetzung der Titelrolle also allererste Priorität. Sängerinnen, denen die Monster-Partie gut in der Kehle liegt, sind im internationalen Gastspiel-Zirkus des Opernbetriebs höchst begehrt. Und nur in seltenen Fällen finden sich Norma-Stimmen in einem festen Ensemble. Wie immer bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel: Vor mehr als 20 Jahren war die Sopranistin Alexandra von der Weth der unbestrittene Star der Deutschen Oper am Rhein, sie entwickelte sich mit ihrer betörenden Stimme in kürzester Zeit von der Mozart-Sängerin zu Donizettis Lucia und Verdis Traviata. Gern gesehener Gast-Regisseur am Haus war Werner Schroeter, bekennender Diven-Flüsterer und Callas-Freund. Et voilà: Es kam zum Norma-Deal, Alexandra von der Weth stürzte sich mit Vehemenz in die Titelrolle, Schroeter inszenierte, das Haus brummte. Auch so können Repertoire-Entscheidungen zustande kommen.

