Oper ist in vielerlei Hinsicht eher ein Marathon als ein Sprint. Nicht nur, was die Werklängen angeht: Stimmen brauchen Zeit, um zu reifen (deshalb spielen so viele 40-jährige Sänger:innen jugendliche Liebhaber:innen). Wer auf die Bühne will, setzt sich aber dem Druck aus, sich schon früh auf diese Karriere festlegen zu müssen, um an die richtigen Hochschulen und zu den richtigen Lehrer:innen zu gelangen. Selbst exzellente Stimmen feilen oft lange an kleinen regionalen Häusern an ihrem Handwerk, bis das Gesamtpaket stimmt.

Vor diesem Hintergrund sind Geschichten wie die von Lise Davidsen besonders beeindruckend: Geboren im norwegischen Stokke (einer Stadt mit etwas mehr als 11.000 Einwohner:innen) als Kind einer Mutter, die im Gesundheitswesen arbeitet und eines Elektriker-Vaters, sah Davidsen ihre erste Oper (Der Rosenkavalier) erst, als sie 20 war. Bis dahin sang sie lieber Eva Cassidy und Bonnie Raitt. Sie studierte zunächst barocken Chorgesang als Mezzosopran, bevor sie einen Master in Kopenhagen absolvierte, wo ihre Lehrerin ihr mitteilte, dass sie als Sopranistin auf die Opernbühne gehöre. Im Jahr 2015 wurde sie in die internationale Opernwelt katapultiert, nachdem sie kurz hintereinander die beiden Wettbewerbe Queen Sonja und Operalia gewonnen hatte. Peter Gelb nannte sie »das stimmliche Aushängeschild der Met für die kommenden Jahrzehnte«.

In diesem Jahr kehrte Davidsen zu den Bayreuther Festspielen zurück, sowohl für den neuen Ring, in dem sie Sieglinde sang, als auch für eine Wiederaufnahme von Tobias Kratzers Meta-Inszenierung des Tannhäuser, in der die Titelrolle ein Wagner-Sänger ist, der zwischen einer Opernkarriere mit seinem Co-Star (Elisabeth) und einem Leben am Rande der Gesellschaft mit einer Aktivistin (Venus) hin- und hergerissen ist. Kratzers Inszenierung, zu der auch Live-Videobilder aus dem Backstage-Bereich gehören, zeigt Davidsens Elisabeth als eine Figur, die von ihren Gefühlen überwältigt ist, aber auch versucht, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Anstatt am Ende in Ohnmacht zu fallen, bringt sie sich auf visuell sehr eindrückliche Weise um. 

VAN: Wie war es, diesen Sommer wieder in Bayreuth zu singen?

Lise Davidsen: Es war wirklich schön. 2019 und 2021 war wegen der Pandemie vieles anders als sonst. Da hat sich viel getan.

War es dieses Jahr eher wie 2019 oder wie 2021? 

Oh, definitiv wie 2021. Ich glaube nicht, dass wir uns an die Welt des sozialen Beisammenseins schon wieder richtig gewöhnt haben. Aber es ist wirklich schön. Vor allem das Tannhäuser-Team und sein Spirit – die machen immer noch nicht nur einen großer Teil meiner Karriere aus, sondern meines Lebens … Es ist definitiv eine meiner Lieblingsproduktionen. Tobias hat mit seiner Inszenierung wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Es gibt gewisse Dinge, die man einfach nicht voraussagen kann. Man kann nie wissen, ob die Ideen, die man hat, mit den Sänger:innen, die einem zur Verfügung stehen, so funktionieren, wie man es sich vorgestellt hat.

In einem Interview für die Deutsche Oper haben Sie über Sieglinde gesagt: ›Eigentlich lebt sie nicht richtig, sie existiert nur.‹ Ihre Elisabeth ist dagegen sehr proaktiv.

Was ich in dem Interview über Sieglinde meinte – und das ist in der Oper immer schwierig – ist, dass man sozusagen in medias res springt, direkt in die Handlung hinein. Man sieht also nicht, woher sie kommt und wohin sie geht. Wenn man Sieglinde trifft, ist sie schon fest im Griff dieser Männer. Und ich habe Tannhäuser-Inszenierungen gemacht, in denen das genauso war: wo Elisabeth als Figur ein Symbol des Reinen, des Jungfräulichen ist. Und das ist sie natürlich auch. Aber sie ist noch viel mehr, so wie wir alle viele Facetten haben. Und ich denke, das kommt in dieser Inszenierung durch. Ich finde sogar, dass Wolfram in dieser Inszenierung eine viel interessantere Figur ist. Da ist ein größerer Kontrast zum Tannhäuser. Er ist nicht nur der feine Kerl, der sagt: ›Ich tu immer nur Gutes.‹ Man sieht immer noch, wie freundlich und gutmütig er ist. Aber es geht auch um Macht.

Foto © Enrico Nawrath

Und darum, wer aus moralischer Sicht die Oberhand behält. Mal ist man auf Wolframs Seite, dann auf der von Venus, dann auf der von Elisabeth – es gibt kein Schwarz-Weiß-Denken.

Ja, genau. Ich weiß nicht, ob es das trifft, was Wagner im Sinn hatte … Aber man macht es sich zu einfach, wenn man sagt, dass er nur darstellen wollte: Hier ist das Reine, da ist das Schlechte. Hier ist Sex und da ist Jungfräulichkeit. Ganz schwarz-weiß, wie Schachfiguren. Manchmal finde ich, dass das auf eine seltsame Art und Weise der Sinn von Oper ist: diese verschiedenen Charaktere gegenüberzustellen. Das hätte dann aber mit dem wirklichen Leben wenig zu tun. Ich glaube, wir sind alle beides. Und ich denke, das sieht man in dieser Elisabeth und dieser Venus: dass Venus nicht nur böse war, und Elisabeth nicht nur dumm und naiv.

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Haben Sie Alex Ross’ Buch über Wagner gelesen?

Nein.

Es gibt da einen Abschnitt, indem er über Wagner-Merchandise schreibt, zum Beispiel eine Rheintöchter-Badewanne.

Naja … Manche Leute sollten sich vielleicht mal eine Opernpause gönnen. 

Foto © Enrico Nawrath

Sie haben Ihre erste Oper erst mit zwanzig gesehen, ist häufig über Sie zu lesen. 

Ja, ich bin in dieser Welt eher eine Spätzünderin. In nochmal zwanzig Jahren gehöre ich dann vielleicht zu denen, die sagen: ›Eine Rheintöchter-Badewanne ist doch klasse.‹ Ich habe eine kleine Wagner-Büstemein Freund hat sie mir gekauft.

Es ist immer noch nicht gerade typisch, dass Profi-Musiker:innen aus Familien kommen, die nicht mit Musik ihr Geld verdienen. 

Ohne das norwegische System wäre ich nie Sängerin geworden. Meine Eltern konnten sich die Ausbildung nicht leisten, also zahlte der Staat. Wenn es das nicht gegeben hätte … [zuckt mit den Schultern]

Wie stehen Sie zur Präsenz auf Social Media? 

Ich möchte wirklich da sein, vor allem für jüngere Sängerinnen und Sänger, die wissen wollen, wie man eine Karriere startet. Ich möchte ihre Fragen beantworten und ihnen Ratschläge geben, aber es gibt einfach so viele Meinungen da draußen. Und ich bin nicht stark genug, um direkt nach dem Aufstehen so viele Meinungen zu haben.

Ich habe schon von Kolleg:innen gehört, die meinen: ›Ja, aber man offenbart da so viel!‹ Nein, nein, nein. Du entscheidest, mein Freund, was du dort veröffentlichen willst! Wenn man genau hinsieht, erfährt man nur sehr wenig von meinem Privatleben auf Instagram. Aber ich glaube, dass die Leute mir für das folgen, was ich tue. Wenn ich ständig diese ›Was mache ich gerade‹-Posts teile, verliere ich mich. Also habe ich einfach beschlossen, dass ich das nicht mache. Anna Netrebko postet nonstop ihr Leben auf Instagram. Und dann gibt es andere, die nur teilen: ›Ich werde morgen hier singen.‹ Und dann gibt es viele Abstufungen dazwischen.

Spüren Sie einen Druck, ein Narrativ um Ihre Karriere herum zu bauen? 

Ich war mir von Anfang an sehr, sehr klar in dem, was ich will, denn ich habe mir Zeit genommen, um herauszufinden, was für mich richtig ist. Ich war mir von Anfang an darüber im Klaren, dass ich keine Wagner-Sopranistin werden wollte; ich war mir darüber im Klaren, dass ich mein Fach ›lyrisch-dramatischer Sopran‹ statt ›dramatisch‹ nennen wollte. Vielleicht ist das jetzt weniger der Fall, aber vor fünf Jahren dachte ich: ›Ach komm, ich habe noch Zeit, bevor ich mich so sehr einschränken muss.‹ Ich glaube, ich wollte eben die Rollen, die ich gespielt habe, und zwar an Orten, an denen ich aufgetreten bin – das war wichtiger als ein Image zu schaffen, dem ich nicht gerecht werden kann.

Ich glaube, die Wettbewerbe, an denen ich teilgenommen habe, haben es mir leichter gemacht. Sie haben alles auf den Kopf gestellt, und dadurch war ich dann einfach so, wie ich eben war. Ich hatte nicht das Bedürfnis, etwas zu kreieren und das dann zu präsentieren. Vielleicht war das der wichtigste Grund , dass ich nicht mehr das Bedürfnis hatte, ›etwas zu sein‹, mehr als das, was ich eben tue. Und darüber bin ich sehr froh.

Stimmt es, dass Sie während Ihres Studiums überlegt haben, das Singen aufzugeben?

Ja, bei meiner Lehrerin in Kopenhagen. Sie war die Art von Lehrerin, die alles verändert, und sie ist der Grund dafür, dass ich heute meine Technik habe. Aber bei der ersten Stunde war sie ziemlich streng. Sie hat 45 bis 50 Minuten lang nur gesprochen, was ziemlich lang ist, wenn man denkt, dass man eigentlich zum Singen da ist. Ich hab die Stunde aufgenommen und sie mir später noch einmal angehört, und sie hat mir wirklich gute Sachen gesagt: Sie war die erste, die meinte, ich gehöre auf die Opernbühne. Damals habe ich Barockmusik gesungen. Aber sie meinte auch, dass ich mich nicht richtig um mich selbst kümmere, meine Stütze, meine Haltung, all das müsse besser werden. Und ich glaube, damals dachte ich: OK, wenn ich all das machen muss – dafür bin ich nicht stark genug. Ich habe einfach geweint und geweint und geweint. Ich war so traurig und so sauer. Und so schockiert, weil ich dorthin gekommen war mit dem Gedanken: ›Jetzt zeige ich einen Mezzosopran, der Barock singen kann!‹ Und sie meinte nur: ›Du bist kein Mezzo.‹ Ich glaube, da war dieser Kontrast zwischen Erwartung und Realität. Ich wollte überhaupt keine Opernsängerin sein. Alles stand plötzlich Kopf und das war zu viel für mich.

Also habe ich meine Mutter angerufen, was ich damals oft gemacht habe – jedes Mal, wenn es schwierig wurde – und sie meinte: ›Vielleicht ist das nicht dein Ding.‹ Nicht im Sinne eines Aufgebens; wir geben nicht so leicht auf. Ich glaube, sie meinte eher: ›Okay, das ist die tolle Lehrerin, die dir helfen kann. Wenn das so schwer ist, dann ist es vielleicht nicht das richtige Leben.‹ Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, was es war, das mich umgestimmt hat. Sie meinte auch, dass ich eine gute Stimme hätte, also überlegte ich: Wenn ich jetzt wechsle und mein volles Potenzial ausschöpfe und das nicht funktioniert, dann höre ich auf. Und so ging ich zu ihr und lernte vier Jahre lang von ihr. Und es kam zu einem guten Ende. Wir haben bis heute eine sehr professionelle Beziehung. Ich schätze sie sehr, und sie hat mir all diese Techniken beigebracht. Aber sie ist sehr, sehr streng. Sie hatte starke Meinungen. Immer, wenn ich bei ihr war, überlegte ich, was ich davon annehme und was nicht. Ihre Meinung zu meinem Aussehen zum Beispiel – dafür war ich nicht bei ihr. Das kann ich von anderen Leuten lernen oder selbst entwickeln. Aber die eigentliche Technik? Sie war perfekt für mich. Es war eine seltsame Umgebung, in der ich mich jede Woche befand, aber ich denke, ich habe meinen Weg gefunden.

Was meinen Sie mit Ihrem Aussehen – Ihre körperliche Erscheinung oder Ihre Haltung?

Alles. Ich musste mehr Sport treiben. Ich musste meine Haltung verbessern – denn ich kam so rein [geht lässig, ein bisschen zusammengesackt], weil ich so schüchtern und ängstlich war. Ich war nur zum Singen da und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, dieses ganze Drumherum. Also ja, es war buchstäblich alles. Ich glaube, sie meinte auch: ›Du kannst nicht mehr in der Kirche singen.‹ Ich glaube, sie dachte, ich hätte aus religiösen Gründen angefangen, Barockmusik zu singen. Aber es war nur, weil ich Bach liebe! Bis heute fühle ich mich nicht wohl, wenn ich an diese Stunden mit ihr denke. Ich war dort, um zu singen, nicht um wie ein Roboter oder eine Maschine analysiert zu werden. Immer wieder hieß es: ›Und das ist es übrigens, was mit dir nicht stimmt.‹

Glauben Sie, dass das zum Teil daran lag, dass Sie erst spät zur Oper gekommen? Ich habe von jüngeren Sänger:innen gehört, dass ein solches Verhalten von Lehrer:innen etwas ist, woran sie sich schon früh gewöhnen müssen.

Ja, ich denke aber, es liegt auch an den sozialen Medien. Darin unterscheidet sich unsere Generation von der jüngeren, weil sie mehr als wir in jungen Jahren daran gewöhnt sind, Scheiße abzubekommen. Zumindest mehr als ich es war. Aber wie gesagt, das sollte nicht so sein. Können wir nicht einfach sein und unserem Aussehen weniger Beachtung schenken?

Aber ich glaube, Sie haben Recht: Ich glaube, die Jungen sind eher an das ›Produkt‹ gewöhnt, von dem wir immer sprechen. Ich habe mit einer Mentaltrainerin gesprochen, die mit dem norwegischen Olympiateam arbeitet. Ich meinte: ›Ich fühle mich so hin- und hergerissen, wenn ich auf der Bühne Lise bin, dann die private Lise, mit Freund:innen, ich komme nach Hause und …‹ Und ich glaube, das geht allen so, aber irgendwann war es bei mir sehr stark. Und sie sagte: ›Je stärker du diese Persönlichkeiten kombinieren kannst, desto einfacher wird dein Leben sein, damit du dich nicht ständig ändern musst.‹

Und ich glaube, das wird heute bei jüngeren Menschen zu wenig kommuniziert, denn wir wollen ja die Persönlichkeit. Wir wollen hören, was sie zu sagen haben. Wir wollen sie sehen. Wir wollen nicht sehen, dass du vorgibst, jemand anderes zu sein. Aber das ist schwer … Ich bin froh, dass ich jetzt 35 und nicht 25 bin.

Bei Ihnen habe ich das Gefühl, dass Ihre Persönlichkeit aus viel mehr als Oper besteht. Aber Sie singen gleichzeitig Wagner, der vielleicht die größte Fangemeinde innerhalb der Oper hat. Ist das für Sie jemals ein Konflikt gewesen?

Das ist eigentlich erstaunlich einfach. Man würde nie so über Strauss sprechen. Aber ich weiß, dass ein paar Freund:innen aus Norwegen extra nach Bayreuth gekommen sind, es ist ein Muss für sie. Sie übernachten im Hotel, fahren mit dem Bus auf den Hügel. In der Pause sprechen sie über die Aufführung. Auf dem Weg nach unten reden sie drüber. Sie trinken was, gehen ins Bett, frühstücken, und fangen wieder an zu diskutieren. Aber das ist ein Teil des Ganzen, wissen Sie? Die Hingabe ist so einzigartig, und ich glaube, das ist eines der Dinge, die mir hier besonders gefallen. Es klingt verrückt, aber ich denke: Das Publikum ist der Grund, warum wir hier sind, also ist es auch schön zu hören, dass es sich so sehr dafür interessiert. Einige von ihnen kennen den Ring viel besser als ich. Und dann stellen sie diese Fragen und du entgegnest nur: [lacht nervös] ›Können Sie mich nicht nach der Arie fragen?‹

Foto © Enrico Nawrath

Die Premiere des Ring hier in Bayreuth wurde aufgrund von COVID verschoben. Wie war der erste Lockdown für Sie? Der kam ja auch genau zu dem Zeitpunkt, als es so aussah, als würde Ihre Karriere gerade so richtig in Fahrt kommen.

Und dann: Bumm! Ich glaube, das war für alle ziemlich überwältigend. Aber für mich war es in gewisser Weise notwendig, um einen Blick für das zu bekommen, was tatsächlich passiert ist. Denn das Tempo war ziemlich hoch und das ist es seitdem immer noch. Aber ich weiß jetzt mehr darüber, wie ich meine Zukunft planen möchte, anstatt ihr ständig hinterher zu rennen.

Wie denn?

Ich denke, ich werde versuchen, die Rollen anzunehmen, auf die ich Lust habe, aber vielleicht ein bisschen ruhiger werden. Alle meine Rollen sind neu. Das ist die Hauptsache. Ich brauche Zeit, um diese Rollen einzustudieren. Ich brauche Zeit, um sie kennenzulernen. Es braucht auch Zeit für meine Stimme. Es war so verrückt. Ich sollte Meistersinger und Elektra konzertant singen. Und dann, wegen COVID – bumm! – waren es zwei Debüts an der Met. Und da fragt man sich: ›Seit wann ist das geplant?‹ Natürlich bin ich dankbar dafür, aber es lässt keinen Raum für mein Privatleben. Ich kann meine Familie nicht sehen. Ich sehe niemanden, ich bin nur in der Oper. Das will ich nicht für immer. Ich glaube, dass das Publikum das nicht sieht, aber ich spüre es. Ich versuche, mir zwischen den Produktionen ein bisschen mehr Zeit zu lassen, anstatt von einer direkt in die nächste zu gehen. Ein Konzert bedeutet acht Stunden im Auto. Neulich war ich in Norwegen und dann auf dem Weg nach Finnland. Und dann wurde mein Flug gestrichen, so dass ich einen neuen Flug von München aus buchen musste. Und um nach München zu kommen, musste ich drei Züge nehmen, soll das ein Scherz sein? Ich weiß, dass Bayreuth mitten im Nirgendwo liegt, aber das ist einfach das next-level-Nirgendwo.

Gibt es Sachen, die Sie auf der Bühne nicht gerne machen? 

Nicht wirklich. Wenn ich Sachen nicht verstehe, spreche ich das an. Aber ich war noch nie in einer Situation, in der ich nein sagen musste. Bei Stefan Herheims Ring in Berlin hatten wir eine lange Diskussion darüber, wie wir dieses Kind zwischen Sieglinde und Hunding etablieren, und als Siegmund dann das Schwert zückt, sollte sie das Kind töten. Habe ich gemacht. Es war seine Entscheidung. Es ging mehr darum, zu sehen, wie sie das macht – ich glaube, Sieglinde würde so etwas nie tun. Es war eher eine Frage der Figur als eine persönliche. Ich würde nie nackt auf der Bühne stehen, nur um nackt zu sein, aber wenn es einen Grund gibt – wenn man mir einen guten Grund nennen kann – dann mach ich das auch.

Ist diese Art von Produktion interessanter als die Meistersinger an der Met, die sehr traditionell daherkommen?

Der springende Punkt ist, dass das eine alte Inszenierung ist, man ist da nicht Teil des Entstehungsprozesses. Das kann ein bisschen knifflig sein. Es macht Spaß, aber eine neue Produktion macht mehr Spaß. Nicht nur, weil das Konzept neu ist, sondern auch, weil man dabei ist, wenn es entsteht. Man versteht es besser, weil man diesen Einblick bekommt.

Haben Sie etwas Neues an Elisabeth entdeckt, jetzt wo Sie sie hier in Bayreuth dreimal in der gleichen Produktion gesungen haben?

Ich glaube, sie entwickelt sich jedes Mal weiter. Sie bekommt in gewisser Weise mehr und mehr Schichten. Und ich denke, dass diese Produktion so viele Aspekte ihres Lebens offenbart.

Ist es bei Sieglinde schwieriger, weil ihre Geschichte nur so einen kleinen Teil des Rings ausmacht?

Ich verstehe diesen Ring so, dass man dieses riesige Land des Wotan betritt. Er hat alles, er ist wie ein religiöser Führer. Er ist nicht nur an der Macht, er hat seine eigene kleine Welt erschaffen. Sieglinde ist in gewisser Weise frei in dieser Welt. Sie ist natürlich unglücklich: Sie ist schwanger, sie wurde vergewaltigt, es ist nicht so, dass sie eine fröhliche Figur ist. Aber sie macht sich zurecht, sie kümmert sich … Wenigstens kann sie so tun, als hätte sie ein Leben. Und von da aus entwickelt sich die Geschichte.

Aber es ist interessant: Die Figuren haben ein anderes Los, und dann irgendwie auch wieder nicht. Bei der einen geht es um Liebe, bei der anderen ums Überleben. Aber vielleicht ist das auch dasselbe. Es gibt diese seltsame Überschneidung. Ich glaube, beide wollen einfach Ruhe finden. Natürlich könnte Elisabeth im Jahr 2022 zum Psychiater gehen, aber diese Emotion, mit der sie zu tun hat, ist so stark, dass sie nicht klar sehen kann. Und Sieglinde ist buchstäblich auf der Flucht, so dass sie keine Zeit hat, Hilfe zu suchen oder einen anderen Ausweg zu finden, egal in welcher Zeit wir uns befinden. Es kommt auf die Inszenierung an, wie plastisch diese Rollen sein können.

Wie sieht für Sie ein idealer Produktionsprozess aus?

Solange man mir mit Respekt begegnet, bin ich sehr, sehr offen. Es ist schwer zu erklären, aber sobald die Leute anfangen zu denken, dass sie die Tatsache, dass ich hier meine Zeit investiere und mein Bestes gebe, nicht so ernst nehmen müssen, oder wenn sie anfangen, zu herablassend zu sein, dann neige ich dazu, nicht so nett zu sein. [Lacht] Das ist nicht wirklich gut, daran arbeite ich jeden Tag. Aber ich habe im Laufe der Zeit festgestellt, dass ich am besten mit den Regisseur:innen und Dirigent:innen zusammenarbeite, die mich respektieren. Ich weiß, dass man in der Oper die Hierarchie braucht. Aber ich muss trotzdem respektiert werden … und mir muss gezeigt werden, dass meine Zeit wertvoll ist.

Die Sopranistin Lise Davidsen über Bayreuth, unangenehme Gesangsstunden und ihr Leben als Opern-Spätzünderin. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Ich will hier keine Stereotype bedienen, aber das klingt sehr skandinavisch.

Ja, ich glaube, das stimmt. Und das ist auch der Punkt, an dem es bei mir manchmal clasht mit anderen Kulturen. Denn die Leute denken, ich sei viel zu direkt. Aber das ist für mich eine ganz grundlegende Sache in der Zusammenarbeit. Dass ich eine Frage stelle oder meine Meinung sage, hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun. In England muss ich sagen: ›Es tut mir wirklich leid, aber könnten wir vielleicht darüber nachdenken …‹ Sie müssen fünfzehn Mal ›Entschuldigung‹ sagen. In Amerika muss ich sagen: ›Oh mein Gott, so ist es großartig, gleichzeitig habe ich mich gerade gefragt …‹ Ich muss das üben. Aber wenn ich das nicht mache, bin ich am Ende immer frustriert.

Meistens fühle ich mich respektiert. Solange man kommuniziert und sich Raum gibt, geht es mir gut. Ich muss nicht in meine Garderobe geleitet werden und gesagt bekommen: ›Oh mein Gott, was hast du heute für einen tollen Job gemacht, Lise.‹

Singen Sie immer noch Bonnie Raitt?

Nein. Aber ich denke, dass das auch niemand vermisst. [lacht] ¶

Olivia Giovetti

… berichtet über Musik und Kunst für Paper, die Washington Post, NPR, Gramophone und andere. Sie war Teil der Redaktion bei Time Out New York und WQXR/Q2 Music. Auf der Bühne der Brooklyn Academy of Music konnte man ihre Texte auch schon hören – beim Next Wave Festival. Seit 2020 ist sie festes Mitglied der VAN Redaktion. olivia@van-verlag.com