Oper ist in vielerlei Hinsicht eher ein Marathon als ein Sprint. Nicht nur, was die Werklängen angeht: Stimmen brauchen Zeit, um zu reifen (deshalb spielen so viele 40-jährige Sänger:innen jugendliche Liebhaber:innen). Wer auf die Bühne will, setzt sich aber dem Druck aus, sich schon früh auf diese Karriere festlegen zu müssen, um an die richtigen Hochschulen und zu den richtigen Lehrer:innen zu gelangen. Selbst exzellente Stimmen feilen oft lange an kleinen regionalen Häusern an ihrem Handwerk, bis das Gesamtpaket stimmt.
Vor diesem Hintergrund sind Geschichten wie die von Lise Davidsen besonders beeindruckend: Geboren im norwegischen Stokke (einer Stadt mit etwas mehr als 11.000 Einwohner:innen) als Kind einer Mutter, die im Gesundheitswesen arbeitet und eines Elektriker-Vaters, sah Davidsen ihre erste Oper (Der Rosenkavalier) erst, als sie 20 war. Bis dahin sang sie lieber Eva Cassidy und Bonnie Raitt. Sie studierte zunächst barocken Chorgesang als Mezzosopran, bevor sie einen Master in Kopenhagen absolvierte, wo ihre Lehrerin ihr mitteilte, dass sie als Sopranistin auf die Opernbühne gehöre. Im Jahr 2015 wurde sie in die internationale Opernwelt katapultiert, nachdem sie kurz hintereinander die beiden Wettbewerbe Queen Sonja und Operalia gewonnen hatte. Peter Gelb nannte sie »das stimmliche Aushängeschild der Met für die kommenden Jahrzehnte«.
In diesem Jahr kehrte Davidsen zu den Bayreuther Festspielen zurück, sowohl für den neuen Ring, in dem sie Sieglinde sang, als auch für eine Wiederaufnahme von Tobias Kratzers Meta-Inszenierung des Tannhäuser, in der die Titelrolle ein Wagner-Sänger ist, der zwischen einer Opernkarriere mit seinem Co-Star (Elisabeth) und einem Leben am Rande der Gesellschaft mit einer Aktivistin (Venus) hin- und hergerissen ist. Kratzers Inszenierung, zu der auch Live-Videobilder aus dem Backstage-Bereich gehören, zeigt Davidsens Elisabeth als eine Figur, die von ihren Gefühlen überwältigt ist, aber auch versucht, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Anstatt am Ende in Ohnmacht zu fallen, bringt sie sich auf visuell sehr eindrückliche Weise um.
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