Über Claudia Jane Scroccaro findet man (noch) nicht sehr viel im Netz. Dafür betreibt sie eine SoundCloud-Seite. Geboren wurde sie 1984 in dem Pariser Vorort Neuilly-Sur-Seine, ist aber italienische Staatsbürgerin. Sie studierte am Konservatorium in Rom und anschließend bei ihrem Landsmann Marco Stroppa (*1959) in Stuttgart. Außerdem schloss sie ein Studium der Musikwissenschaft an der Universität Tor Vergata in Rom ab.

Scroccaros ästhetisches Interesse gilt neben den traditionell-mitteleuropäischen Musikerzeugnissen auch – und insbesondere – der Elektronischen Musik. Außerdem interessiert sie sich für »Oral History in Music«, also für diejenigen Musiktraditionen und deren Protagonist:innen, die nicht – wie eben im »Abendland« – auf eine weit mehr als 1.000 Jahre bestehende Linie der schriftlichen (Noten-)Überlieferung zurückschauen, sondern von Generation zu Generation (aktiv spielend, singend, lehrend) ihre Lieder, Klänge und Gesänge weitergeben.

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Das Interesse und die Beschäftigung mit Musikproduktion mittels Computer führte bei Claudia Jane Scroccaro zu zahlreichen Engagements bei Festivals und Konzertreihen. Scroccaro sitzt also täglich weniger vor dem klischeebehafteten leeren Notenblatt als vielmehr als Computer-Sound-Künstlerin (auch für die Realisierung der Werke anderer Komponist:innen) an den »Turntables«.

Claudia Jane Scroccaro besuchte Meisterkurse bei Philippe Leroux (*1959), Franck Bedrossian (*1971) und Nicolas Tzortzis (*1978), war 2016 »Composer in Residence« am Music Innovation and Science Center im litauischen Vilnius und 2018 in gleicher Funktion bei den Thüringer Symphonikern. In der Saison 2019/2020 war sie Akademistin beim SWR Vokalensemble. Und seit 2021 ist sie Mitarbeiterin beim Institut de recherche et coordination acoustique/musique (IRCAM).

Sie lebt und arbeitet in Paris.


Claudia Jane Scroccaro (* 1984)
[S]toccata für Klavier (2019)

2019 komponierte Claudia Jane Scroccaro das Klavierstück [S]toccata. Mit der Vergabe des Stücktitels zeigt sich Scroccaro in einer gewissen »Tradition« der witzigen Wortspiel-Werküberschriften; etwa in einer Linie mit dem jüngst verstorbenen Hans-Joachim Hespos (der Werke wie CHAMPENG schrieb; den Komponisten Frédéric Chopin und gleichzeitig den Feieranlass – die Arbeit war ein Auftrag zu einem Jubiläum – meinend).

Mit der Bezeichnung [S]toccata begibt sich Scroccaros Stück also, wenn man so will, unter anderem in eine (ihr hier unterstellte) Tradition der meist sehr virtuosen, ratternden, manchmal fast »unmenschlichen« Toccaten von Bach (zwischen 1703 und 1707), Schumann (1830), Prokofjew (1912) und Chatschaturjan (1932). Gleichzeitig sind weitere Assoziationsräume geöffnet, etwa solche voller Stuckverzierungen (frz. »stuc«) oder andere, in denen man (vielleicht auch von der ach so anbetungswürdigen Toccaten-Tradition genervt) feststeckt (engl. »stuck«). Da Scroccaro in Deutschland Komposition studiert hat, kann man auch den Verweis auf das deutsche Wort »stottern« nicht ausschließen.

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Bevor das Stück beginnt, muss man als Interpret:in zunächst einige – in der hörenden Zusammenschau: dissonante – Töne stumm drücken und deren Dämpfung für die Gesamtdauer der Musik aufheben. Das kann man einerseits (denn längst nicht jeder Flügel besitzt diese »Extra-Feature«) durch die Benutzung des »Sostenuto-Pedal« erreichen. Man kann aber auch mit etwas Bastelei die Dämpfung der gewünschten Töne anderweitig verhindern. Nun beginnt also diese – ja: aufregend stotternden! – Toccata. Ein Cluster klatscht immer mal wieder oben am lautesten ins Gebälk. Dazwischen wird (herrlich fies) Rhythmus-Zauber betrieben. Durchaus wuppig, rhythmisiert angeschärft – aber beatmäßig anhörbar (und untanzbar). Die verwendeten Akkorde sind lustig-jazzig angeschrägt und so ergibt sich eine originelle Mischung einiger Werke von Beat Furrer (*1954) mit dem »aufgeschriebenen Jazz« von Nikolai Kapustin (*1937–2020). Und mittels der vorher gedrückten Töne, die durch die Ansprache ihrer oktavierten Partner:innen hüben wie drüben ganz leise und unterschwellig obertönig mitklingen, füllt Scroccaro geschickt die »Lücken« zwischen den zackigen Aktionen ihres Klavierstücks. Dadurch erschafft sie quasi ihren eigenen »Hall« – sollte das Stück mal in der Live-Performance auf einen etwas zu trockenen Saal treffen. Geschickt! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.