»Das wäre das Schlimmste, wenn sich jetzt alle in Traditionalismus zurückziehen und die Spielpläne darauf reduzieren, nur noch populäre, austauschbare Stücke zu machen«, meinte Sängerin Anna Prohaska vor Kurzem zur Kulturwiedereröffnung in VAN. Im klassischen Konzertwesen hieße das: dieselben fünfzehn Komponisten noch vehementer rauf und runter zu spielen als in den vergangenen Jahren ohnehin schon. Wohlgemerkt: »Komponisten« wird hier nicht als generisches Maskulinum verwendet. Schon vor den Lockdowns hatten Komponistinnen auf den Konzertprogrammen der großen Orchester und Festivals einen schweren Stand. Diese Situation könnte sich jetzt noch zuspitzen. 

Schaut man allein auf die Zahlen, ergab sich schon vor der Pandemie ein ernüchterndes Bild: Nur 1,9 Prozent aller Stücke, die die 129 öffentlich finanzierten deutschen Orchester in der Saison 2019/20 in ihren Abonnement-Konzerten spielten (oder dies zumindest planten), stammten laut einer Studie von Melissa Panlasigui von Komponistinnen. Das typische klassische Orchesterkonzert folgt auch heute noch mehr oder weniger dem traditionellen Aufbau aus Ouvertüre, eventuell einem neueren Werk, Solo-Konzert, Pause, Sinfonie. Dabei wird sich, was das Repertoire angeht, auf eine Spanne vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert konzentriert, geworben wird gerne mit den Namen berühmter Komponisten. Panlasiguis Studie zeigt: In der Saison 2019/20 stammt die Hälfte des gesamten gespielten Repertoires der öffentlich finanzierten Orchester von nur fünfzehn Männern aus dem 19. Jahrhundert oder benachbarten Jahrzehnten. Unbekannte Entdeckungen aus dieser Zeit scheinen bei Entscheidern und Marketingabteilungen genauso ungern gesehen wie Neue Musik. Die Komponistinnen, die schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert arbeiteten, wurden aber von der bürgerlichen Gesellschaft und dem mit der Aufklärung aufkommenden Glauben an natürliche Unterschiede zwischen den geistigen Fähigkeiten von Frauen und Männern systematisch aus dem öffentlichen Raum und dem Konzertleben verdrängt und aus der Musikgeschichtsschreibung ausgeschlossen. Die, die danach kamen, zählen schon zur Neuen Musik. Komponistinnen fallen also zwangsläufig in eine dieser beiden bei vielen Veranstaltern unpopulären Kategorien: »unbekannt« oder »zu neu«.


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... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Nach einem Schulmusik- und Geschichtsstudium in Berlin und Bukarest gibt sie Seminare in Musikwissenschaft und Musikjournalismus und ist Redakteurin bei VAN. merle@van-verlag.com