»Regungslos liegen der Zwerg und sein zweites Ich auf der Orchesterbühne. Ghita eilt bestürzt zum Zwerg und kniet sich neben ihn. Fassungslos rüttelt sie an seinen Schultern und hält seine schlaffe Hand. Die Infantin steht abseits und verschränkt trotzig die Arme.« Audiodeskriptorin Anke Nicolai beschreibt eine der Schlüsselszenen von Zemlinskys Zwerg in einer Inszenierung von Tobias Kratzer an der Deutschen Oper Berlin, gefolgt vom Gesang der Infantin: »Geschenkt und schon verdorben. Das Spielzeug zum 18. Geburtstag.« Den klaren Sopran, der von der Bühne schallt, hören alle, die warme Stimme von Anke Nicolai dringt nur zu denen, die einen entsprechenden Kopfhörer tragen: mit nur einer Hörmuschel, bespielt mit Anke Nicolais Live-Kommentar zum Stück, um mit dem anderen Ohr Instrumenten, Gesang und Bewegungen auf der Bühne lauschen zu können. Von einer schalldichten Kabine im hinteren Parkett in der Loge neben der Lichttechnik aus kann die Audiodeskriptorin das Bühnengeschehen genau beobachten und gleichzeitig auf den Punkt das Relevante einsprechen: Bewegungen, Änderungen des Bühnenbildes und der Beleuchtung … »Wir beschreiben nicht nur das Handlungsgeschehen und das, was auf der Bühne passiert«, erklärt Anke Nicolai im Gespräch. »Die Übertitel, die wir als Sehende ja lesen können, sind genauso wichtig.« Damit diese Wechsel schnell zu erfassen sind, wird mit zwei Sprecher:innen gearbeitet. »Dadurch wird es dann fast wie ein Hörspiel.« Besonders in der Oper zählen Timing und die Konzentration aufs Wesentliche: Zwischen Gesangslinien und -einwürfen bleibt oft nur wenig Zeit, zu beschreiben, was sichtbar und für das Verständnis der Inszenierung relevant ist. 


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... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Nach einem Schulmusik- und Geschichtsstudium in Berlin und Bukarest gibt sie Seminare in Musikwissenschaft und Musikjournalismus und ist Redakteurin bei VAN. merle@van-verlag.com