»Die Präsenz von Mikrofonen beunruhigte sie und störte ihre Affinität zum Spontanen«, schreibt János Mácsai über die Pianistin Annie Fischer. Trotz – oder gerade wegen? – ihrer Angst vor der Aufnahmesituation, ihrer Liebe zum Live-Konzert und vor allem aufgrund der sprudelnden Frische ihres Klavierspiels, ihrer vermittelten Authentizität im Erfühlen der Werke Mozarts, Beethovens und Schuberts darf Fischer zweifelsohne eine der wichtigsten Pianistinnen des 20. Jahrhunderts genannt werden. Geboren wurde sie am 5. Juli 1914 in Budapest, wenige Tage also nach dem Attentat von Sarajevo, das letztlich zur »Julikrise« und infolgedessen zum Ersten Weltkrieg führte. Zwischen ihrem achten und zehnten Lebensjahr spielte sie ihre ersten Konzertabende am Klavier, mit zwölf Jahren ging Fischer zum ersten Mal auf Konzerttour, zu dieser Zeit war Ernö von Dohnányi Fischers Mentor. Am Budapester Konservatorium lernte sie Zoltán Kodály und Béla Bartók kennen. Wettbewerbserfolge ebneten ihr den Weg auf die Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. 1935 heiratete Fischer den Musikkritiker Aladar Toth. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verbrachte Fischer die Zeit von 1941 bis 1945 in Schweden, wo sie, um ihr Leben zu finanzieren, Klavierstunden gab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Fischer nach Ungarn zurück. Es begann eine aufregende, arbeitsame Phase im Leben der Pianistin, deren Repertoire von Mozart bis Bartók reichte. Fischer arbeitete mit Dirigiergrößen wie George Szell und Otto Klemperer zusammen. Ihre Diskografie liest sich eindrücklich – und erscheint, für heutige Verhältnisse, doch recht im »großen Repertoire« verankert. Mit ihrer Gesamtaufnahme der 32 Sonaten Ludwig van Beethovens, heutzutage allzu oft erklommener Mount-Everest-Touri-Gipfel beziehungsweise Neues Testament der Klavierkunst, war Fischer selbst nie zufrieden. Immer wieder hörte sie sich die Mitschnitte Zuhause an; im Bestreben, mit der legendären Beethoven-Gesamtaufnahme von Artur Schnabel der 1930er Jahre – der ersten überhaupt – mithalten zu können. Wieder und wieder verschob Fischer die Veröffentlichung ihrer Beethoven-Gesamteinspielung, die erst nach ihrem Tode – sie starb am 10. April 1995 im Alter von 80 Jahren in Budapest – erscheinen konnte. Zu ihrem 30. Todestag empfehlen wir eine  Auswahl besonders frischer, fesselnder, fulminanter Fischer-Fundstücke.


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... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.