Kommt das Publikum zurück? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Das sind die großen Fragen zur Konzertsaison 2021/22. Ich gebe sie weiter an Andreas Schessl, seit den 80er-Jahren Veranstalter, mit MünchenMusik mittlerweile einer der erfolgreichsten in Deutschland. Heute gehören zum Unternehmen auch eine Agentur und Niederlassungen in Nürnberg und Stuttgart, außerdem ist Schessl Teil der Geschäftsführung der Konzertdirektionen Hörtnagel in München und Hans Adler in Berlin.

Schessl ist mit klassischer Musik aufgewachsen, als Veranstalter organisiert er aber auch Shows oder Formate wie Kinoblockbuster mit Liveorchester. Als ich ihn per Zoom-Call erreiche, ist er gerade mit der Isarphilharmonie beschäftigt: »Wir sind dabei, uns dort einzugewöhnen. Es gibt immer viele Fragen, viel Ungewohntes. Und wenn man dann noch einspringen muss mit immer wieder neuen Hygienekonzepten vor und hinter der Bühne … Das ist nicht so leicht.« Trotzdem ist er vom neuen Haus begeistert: »Wir waren bisher in München nicht gesegnet mit einem großem Saal, in dem die Akustik für alle gleichmäßig gut war – sowohl für das Publikum als auch gerade für die Musiker auf der Bühne. Jetzt haben wir einen Saal, der akustisch wirklich sehr gut funktioniert – das ist natürlich das allerwichtigste.« 

Andreas Schessl • © Denise Medve

VAN: Wie sind Sie abseits von der Isarphilharmonie in die neue Saison gestartet?

Andreas Schessl: Der Saisonstart mit Teodor Currentzis und musicAeterna in Berlin war natürlich toll! Aber ansonsten wird der Beginn der Saison erschwert durch die Hygiene-Regelungen, die in den Bundesländern, zum Teil aber auch zwischen den Städten und manchmal ebenso an den verschiedenen Häusern innerhalb einer Stadt jeweils unterschiedlich sind. In Berlin zum Beispiel ist es so, dass in der Philharmonie FFP2-Maskenpflicht gilt, während in der Staatsoper schon ganz ohne Maske gespielt wird. Da macht jedes Haus seine Regelungen und das ist verwirrend für alle: Es ist schlecht für das Publikum, weil es nicht weiß, auf was es sich einstellen darf oder muss, und schlecht für uns, weil wir pausenlos damit beschäftigt sind. Wir schreiben unseren Kunden vor jedem Konzert, welche Regelungen gerade gelten, das ist wahnsinnig aufwendig.

Was würden Sie sich wünschen?

Ein großer Wunsch wäre, dass die Halbwertszeit dieser Regelungen länger ist. Wir hatten in München teilweise Hygieneregelungen, die gerade einmal vier Tage gehalten haben, so schnell kommt man gar nicht hinterher. Oft fehlt auch der Realitätscheck: Wenn zum Beispiel erst die 3G-Regelung gilt und vom einen Tag auf den anderen auf die 3G-plus Regelung [geimpft, genesen, PCR-getestet] umgestellt wird, dann kommt das ›plus‹ so bescheiden daher, macht allerdings einen riesigen Unterschied. Nicht nur das Publikum muss sich dann darauf einstellen – viele sagen da: ›Ich kann nicht für hundert Euro einen Test machen, wenn ich ins Konzert will‹ –, sondern auch das Personal am Einlass. Man erhält für 3G-plus-Veranstaltungen so schnell nur schwer genug Einlasspersonal.

Gleichzeitig merkt man: Die Leute haben Interesse. Das Publikum hat sich gespalten in die, die sagen: ›Jetzt geht’s endlich wieder los!‹, und die, die lieber noch ein bisschen warten. Letztere wollen irgendwann wiederkommen, aber nicht sofort. Das macht es für uns schwer einzuschätzen. Normale Verkaufs- und Abläufe im Marketing – wann bewerbe ich ein Konzert mit welchem Vorlauf? – gelten momentan gar nicht. Da müssen wir uns herantasten.

Bekommen Sie von den Teilen des Publikums, die nicht oder noch nicht kommen, Rückmeldungen, warum sie nicht wollen? Schrecken die die Hygieneregelungen so ab, dass sie einfach keine Lust mehr haben? Oder haben sie Angst vor Ansteckungen?

Hier spielen viele Dinge eine Rolle. Bei der 3G-plus-Regelung haben wir gemerkt, dass die Leute sich wahnsinnig gefreut haben, dass sie im Foyer und im Konzert die Maske abnehmen können. Die, die ängstlicher sind, können ihre natürlich auch aufbehalten. Das hat uns geholfen. Gleichzeitig haben wir jeden Abend Leute, die wir abweisen müssen, weil sie zum Beispiel nicht verstanden haben, dass sie ihren Ausweis zur Identifikation mitnehmen müssen. Das betrifft oft vor allem ältere Menschen, die nicht mal eben schnell im Internet die aktuellen Regelungen nachschauen können. Es bricht einem das Herz, wenn man sie so enttäuscht dastehen sieht, aber man darf sie eben nicht einlassen. Wir sind da konsequent, versuchen den Leuten dann aber zum Beispiel den Besuch eines anderen Konzerts anzubieten. Aber wahrscheinlich wird diese Person, die abgewiesen wurde, in der nächsten Zeit nicht mehr kommen wollen.

Diese Verwirrung ist für die Leute schwer, es bleiben darum ganz klar einige Besucher weg oder sind verprellt, wenn sie kommen. Und es gibt eben auch die, die uns von vornherein schreiben, dass ihnen die PCR-Tests zu teuer sind. So bleiben insgesamt zehn bis fünfzehn Prozent unserer Kunden weg. Das ist für uns als privater Veranstalter ein Problem, wenn sich unsere ohnehin geringen Margen somit in Verluste verwandeln.

Programmieren Sie jetzt besonders, um viel Publikum anzulocken?

Nein. Man kann aber sagen, dass sich durch die Komprimierung von zwei Spielzeiten ein sehr hochwertiges Programm herausgebildet hat. Je spannender die Künstler sind, desto eher versuchen wir, deren Programme nachzuholen und irgendwie möglich zu machen. Alles, was Rang und Namen hat, ist in der aktuellen Saison komprimiert.

Haben Sie in der Pandemie eine bessere Lobbyarbeit und einen stärkeren Zusammenhalt unter Kulturschaffenden erlebt? Oder eher eine größere Konkurrenz um das Publikum, das alle brauchen?

Wir haben uns tatsächlich – ob nun online oder auch persönlich – immer wieder getroffen in einer Runde mit Vertretern von Häusern, aber auch Agenturen und Veranstaltern. Dieser rege Austausch hat sehr gut funktioniert, wir sind enger zusammengerückt. Auch unser Verband hat beachtenswerte Lobbyarbeit geleistet. Lobbyarbeit klingt immer etwas nach ›mafiösen Strukturen‹, als ob man etwas durchsetzen möchte, zu dem man eigentlich nicht befugt ist. In unserem Fall ging es aber darum, auf eine Branche aufmerksam zu machen, die gar nicht im Fokus der Politik stand. Sehr viele Leute in der Politik und auch anderswo verstehen gar nicht, was ein Veranstalter ist und was er macht. Und damit auch nicht, wie wir unter dieser Pandemie leiden. Unser letztes Konzert vor dem Lockdown zum Beispiel war am 10. März 2020, ein Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern, den wir dann abbrechen mussten. Seitdem sind ungefähr 800 Konzerte ausgefallen. Diese Arbeit – zu erklären, wer wir sind und was wir tun – hat gut funktioniert und das müssen wir in Zukunft weiterentwickeln, weil einfach zu wenig über uns bekannt ist. Und den Künstlern hilft es natürlich auch, wenn wir einigermaßen auskommen, denn dann können wir auch mit ihnen gut arbeiten.

Wurde, was die Wahrnehmung durch die Politik angeht, ein Unterschied gemacht zwischen öffentlich finanzierten Institutionen und privaten Veranstaltern?

Ich denke, die Kultur war insgesamt nicht wirklich auf dem Radar, aber ich glaube auch, dass viele sich mit dem Gedanken beruhigt haben, dass im Bereich der klassischen Musik die meisten zurechtkommen werden, weil sie zum großen Teil subventioniert sind. Dass es allerdings einen durchaus wesentlichen Teil der Branche gibt, der eben nicht subventioniert und damit auf sich alleine gestellt ist, haben viele nicht bedacht.

Aber das hat sich gewandelt. Durch die Arbeit des Verbands ist sichtbar geworden, dass es uns gibt, und dass Hilfe benötigt wird – und die ist dann auch gekommen.

Sie haben in der Vergangenheit auch die unterschiedlichen Bedingungen beim Durchführen von Modellprojekten kritisiert.

Ja, damit habe ich sehr gehadert. Dazu läuft tatsächlich aktuell auch noch ein Gerichtsverfahren in Bayern. Es gab zwei Dinge, die am Anfang nicht gut gelaufen sind: zum einen die Begrenzung auf 200 Teilnehmer, unabhängig von der Größe des Konzertsaals. Das ist nicht verhältnismäßig, sondern hätte gewichtet werden müssen. Da hieß es stattdessen: Relevant sind die Zuwege. Das leuchtete erstmal ein, dann gab es aber eine Studie, die zeigte, dass in öffentlichen Verkehrsmitteln die Gefahr der Ansteckung nicht erhöht ist. Da wurde mit zweierlei Maß gemessen und Fakten so gedreht, wie sie gerade in die Argumentation passten.

Dann gab es Modellprojekte: Die Bayerische Staatsoper hat mit einem bestimmten Modell, das extra entwickelt wurde, mehr Leute einlassen können. Nach großem Hin und Her galt das dann irgendwann auch für den Gasteig und die Meistersingerhalle Nürnberg – im restlichen Bundesland jedoch nicht. Ich bin mir sicher, dass da mit zweierlei Maß gemessen wurde und es hat sich gezeigt, wer wie nah an der Politik saß.

Warum muss eine Staatsoper – auch außerhalb der Pandemiezeiten – unbedingt viele Leute einlassen, beziehungsweise so auf die Zuschauerzahlen gucken? Werden solche Häuser nicht gerade subventioniert, um sie von dieser Marktlogik freizumachen?

Dazu muss ich erstmal sagen: Ich bin in einer Familie groß geworden, in der alle Musiker sind, viele auch Orchestermusiker. Ich bin grundsätzlich für subventionierte Kultur. Bitte nicht falsch verstehen: Aber es kommt natürlich darauf an, wie die Subventionen eingesetzt werden und dabei wünsche ich mir manchmal mehr Verhältnismäßigkeit.

Subventionen sind meiner Meinung nach vor allem dazu da, um einem Bildungsauftrag nachzukommen, eine Grundversorgung zu gewährleisten – auch für Leute, die nicht so viel Geld haben – um so ein ambitioniertes Programm zu ermöglichen. Die Tendenz geht aber in die Richtung, dass Veranstalter wie wir Künstler aufbauen, die, wenn sie irgendwann weit genug sind, bei einem der großen subventionierten Orchester spielen dürfen. Diese Institutionen sollten sich an der Aufbauarbeit mit beteiligen! Die Basisarbeit wird momentan zum großen Teil von privaten Veranstaltern übernommen. Hierbei sehe ich ein Missverhältnis.

Ich finde außerdem, dass Opernkarten ruhig teuer sein dürfen – neben einem Kontingent günstiger Karten, so wie es beispielsweise die Bayerische Staatsoper als Vorbild praktiziert. Es muss einen Ausgleich geben zwischen einer Grundversorgung und denen, die ihren Beitrag leisten können. Das würde uns helfen, weil unsere Kunden natürlich manchmal fragen: ›Warum kostet bei euch ein Konzert mit Künstler xy so viel und dort viel weniger?‹ Wenn ich solchen Kunden antworte: ›Ist Ihnen bewusst, dass Ihre Konzertkarte dort mit über hundert Euro pro Platz subventioniert wird?‹, ist die Überraschung oft groß.

Haben Sie ein Beispiel für eine Künstlerkarriere, die Sie mit aufgebaut haben und bei der dann irgendwann die subventionierten Orchester und Häuser aufgesprungen sind?

Das ist natürlich nie ganz schwarz und weiß. Ich umschreibe es mal so: Wir haben den ein oder anderen mittlerweile großen Namen an Pianisten aufgebaut in Städten, in denen wir danach von den örtlichen Orchestern gehört haben: ›Der ist jetzt bei uns und kann darum in dieser Saison nicht mehr bei Euch spielen.‹

Ist es auch schon passiert, dass subventionierte Institutionen versucht haben, Sie abzuwerben?

Mich?

Ja, Sie.

Es kamen immer mal wieder Anfragen von Orchestern, weil es eine wahnsinnige Knappheit an guten Orchestermanagern gibt. Aber ich bin ja Unternehmer. Ich habe ein ureigenes Interesse und sehr viel Spaß daran, selbst etwas zu schaffen. Ich würde im Leben nichts anderes machen wollen, und schon gar nicht in öffentlichen Strukturen. Das Schöne ist ja: Wir können schnell und selbst entscheiden, und immer flexibel sein.

Ich komme zwar mit meiner Sozialisation und meinen Wurzeln aus der Klassik. Aber noch hat mich keiner davon abgehalten, zu sagen: ›Ich produziere jetzt eine Show.‹ Oder Filme mit Liveorchester, damit haben wir schon 2008 angefangen, damals mit Der Herr der Ringe. Oder wir machen eine Ausstellung. Oder … Also: Wir dürfen alles. Und diese Freiheit kann man für nichts eintauschen.

Gerade Herr der Ringe würde ich mir auch gerne mit Liveorchester angucken, muss ich gestehen. Aber ich traue mich eigentlich fast nicht, das zu sagen, weil die Kommentare von anderen aus der Szene dann oft abfällig oder sogar entrüstet sind. Kennen Sie solche Reaktionen auch?

Ja, absolut. Und gerade, als wir angefangen haben, auch – ich sage mal ›Benachbartes‹ – zu veranstalten, hat man mich teilweise missgünstig oder gar abwertend angeguckt. Aber das ist besser geworden.

Bei der Filmmusik ist gerade Der Herr der Ringe ein gutes Beispiel. Howard Shore ist einer der wenigen, der noch mit Papier und Bleistift schreibt, und selbst sagt, dass er sehr beeinflusst ist von Mahler und Bruckner. Das ist große symphonische Musik. Und da ist die Ablehnung eher eine Wissenslücke – auch gerade bei Musikern, die sich damit nicht befassen. Deswegen werbe ich immer sehr dafür. Natürlich gibt es auch bei Filmmusik große qualitative Unterschiede. Aber es sollte da keine Elfenbeinturm-Überheblichkeit geben.

Was man auch sehen muss: Gerade die Filmmusik hat sehr viel getan für die Orchester insgesamt. Bei solchen Konzerten kriegen wir viele Anrufe: ›Wo geht es denn zur Philharmonie? Ich war da noch nie …‹ Das ist doch ein großes Lob. Es kommen Leute, die gemeinsam etwas erleben wollen, zum Teil verkleidet oder mit allen möglichen Accessoires, wie beispielsweise Elfenohren … Die Stimmung ist einfach toll.

Wie ist denn Ihre Perspektive für 2022 und darüber hinaus?

In naher Zukunft wird alles noch etwas außerhalb der geübten Strukturen laufen müssen, wahrscheinlich bis ins Frühjahr 2022 hinein. Und ab dann bin ich sehr positiv gestimmt. Ich glaube auch, dass das Publikum, wenn es seine Bedenken überwunden hat, merken wird, dass das Live-Erlebnis unschlagbar ist. Das gilt für Pop wie für Klassik.

Können Sie als Unternehmen die Zeit bis dahin überbrücken?

Wir hatten natürlich auch Kurzarbeit, aber wir haben mittlerweile das gesamte Team zurückgeholt. Wir können jetzt stabil über den Winter kommen. Gerade die Wirtschaftlichkeitshilfe ist auch ein wichtiges Instrument für unsere Branche.

Haben Sie ansonsten noch Forderungen oder Wünsche in Richtung Politik?

Ich würde mir wünschen, dass es, wenn es im Frühjahr oder wann auch immer es soweit ist, ein deutliches Aufbruchsignal aus der Politik und der Wissenschaft geben wird. Oft heißt es ja: ›COVID wird es immer geben.‹ Aber es muss ja unser Leben ab einem bestimmten Punkt nicht mehr so stark beeinträchtigen. Und ich finde, da sollte man sich auch klar positionieren: ›Jetzt kann man sich wieder mit einer angemessenen Gefährdung bewegen.‹ Wir haben jetzt zwei Jahre lang gehört, wie gefährlich alles ist – und das war es ja auch und ist es vielleicht noch. Aber ich glaube, auch Institutionen wie das RKI müssen irgendwann mal sagen: ›Leute, ihr könnt wieder ins Konzert gehen. Seid vorsichtig, wie ihr es sonst während einer Grippewelle auch seid. Aber wir können es wieder jedem empfehlen. Es ist gut für die Seele. Und die Gesundheit.‹ ¶

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN.