Der Film The Mask (in Deutschland als Die teuflische Maske erschienen) aus dem Jahr 1961 war ein früher Film in 3D – und der erste kanadische Streifen überhaupt, der von einer großen Filmfirma, nämlich Warner Bros., in Auftrag gegeben wurde. Unter anderem hatte in diesem Film die auch musikalisch profund ausgebildete englische Schauspielerin Eleanor Beecroft, (geb. Norton) eine Rolle übernommen. Wahrscheinlich Ende der 1920er lernte die aufstrebende Schauspielerin den jungen Pianisten Julian Balfour Beecroft kennen, beide heirateten am 18. November 1931. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. Das zweite Kind – Norma Marian Beecroft – erblickte am 11. April 1934 in der kanadischen Stadt Oshawa (circa 50 Kilometer östlich von Toronto gelegen) das Licht der Welt.

Vater Beecroft galt als junger Mann als ausgezeichneter Pianist. Selbst George Gershwin (1898–1937) verlangte, dieses junge Klaviertalent persönlich hören zu dürfen. Doch beim Holzhacken verlor Beecroft drei seiner Finger und musste in der Folge sein Leben komplett neu organisieren. Der geniale Konstrukteur war an zahlreichen Ingenieursprojekten beteiligt und wurde fast zum Erfinder des Kassettenrekorders mit Aufnahmefunktion – nur gelang es ihm unglücklicherweise nicht (wie anlässlich anderer Erfindungen, deren Patentnummern heute noch recherchierbar sind), das Gerät entsprechend patentieren zu lassen.

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Die musikalischen Eltern Norma Beecrofts förderten die frühen künstlerischen Ambitionen des Kindes. Auf die Klavierstunden der Kindheit und Jugend folgte ab 1952 ein Studium am Royal Conservatory of Music in Toronto. Hier studierte Norma Beecroft Klavier bei den kanadischen Pianisten Gordon Hallett (1905–1993) und Weldon Kilburn (1906–1986). Hinzu kam ein Kompositionsstudium bei dem aus Toronto stammenden – halb avantgardistischen, halb spätromantischen – Komponisten John Weinzweig (1913–2006). Nach dem Besuch von Sommerkursen in Tanglewood, unter anderem bei Aaron Copland (1900–1990), studierte Beecroft in Rom bei dem italienischen Poly-Stilisten Goffredo Petrassi (1904–2003). Auch verfolgte Beecroft ihre Studien im Fach Flöte weiter, nahm an den Darmstädter Ferienkursen teil und arbeitete mit dem argentinischen Komponisten Mario Davidovsky (1934–2019) zusammen.

Ab Mitte der 1950er Jahre stand Norma Beecroft als Produzentin immer wieder in den Diensten verschiedener Fernsehsender. Ab Ende der 1960er Jahre moderierte sie sogar die wöchentliche Sendung Music of Today beim staatlichen Radiosender CBC Radio in Ottawa, die von 1965 bis 1978 ausgestrahlt wurde und sich zeitgenössischer instrumentaler und elektronischer Musik widmete. Darüber hinaus engagierte sich Beecroft als Funktionärin für die Canadian Music Associates, deren Präsidentin sie von 1956 bis 1957 war.

1961 gründete Beecroft zusammen mit Kompositions- und Flöten-Kollege Robert Aitken (*1939) die New Music Concerts in Toronto. Eine Konzertreihe, die bis heute existiert und deren Künstlerische Leiterin Norma Beecroft bis 1989 war. Zudem unterrichtete sie ab 1984 drei Jahre lang elektronische Musik und Komposition in York sowie als Gast-Dozentin an der Universität in Montreal.


Norma Beecroft (*1934)
String Quartet with Tape (1991/1992)

In Norma Beecrofts bisherigem Leben entstanden vor allem Werke für Kammermusikbesetzungen. Dabei setzt sie häufig Zuspielungen und Klänge vom Computer ein, die zu dem instrumentalen Part hinzukommen, so auch in ihrem String Quartet with Tape aus den Jahren 1991 und 1992.

Ein traditionell anhebendes Cello eröffnet den »Reigen« – scheinbar extrem traditionell, stets neu beginnend, als würde hier ein Laut in die Natur abgegeben. Hallo, Echo? Im Hintergrund des Werkes eine Streicher-Haltefläche, von der beim Hören ohne Partitur nicht klar ist, ob sie vom Band oder von den »anwesenden« Streichern kommt.

In Kanada bekannt aus Funk und Fernsehen. Allerdings eher als Neue-Musik-Spezialistin denn als Komponistin: Norma Beecroft in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Nach fast eineinhalb Minuten markiert ein Pizzicato-Augenblick einen neuen Klangteil. Jetzt schwellen deutlich Klänge »von außen« in die daliegenden Halteflächen-Gefilde. Bald beginnen Pizzicati zu zappeln, an Ligeti erinnernd. Doch die lustige, lustig gemeinte (?) »Kitsch-Fläche« des Hintergrunds verweist auf etwas Eigenes. Die Zappeleien werden umgewandelt, erscheinen auf dem Zuspielband, werden in ihrem Kommentar ganz eigen gefärbt. Nach fast vier Minuten ertönt ein Quasi-Choral, der nach wenigen Momenten des Lauschens komplett durch haarige Tremolo-Gewalttätigkeiten in Grund und Boden musiziert wird.

Norma Beecroft komponiert höchst ungewöhnliche Musik, die fast tranceartige Wechselzustandsmeditationen erlaubt. Irgendwie leicht filmisch motiviert, erzählend – und dennoch schön abstrakt. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.