Kanada ist so ein großes (und schönes) Land! Und doch kommen – gemessen an den geographischen Ausmaßen – hier relativ wenige Komponistinnen »Ernster Musik« her. Etwas bekannter sind vielleicht Jean Coulthard (1908–2000) aus Vancouver, Barbara Pentland aus Winnipeg (1912–2000) und Norma Beecroft (*1934) aus Ottawa. Als kanadische Komponistin kommt »man« offenbar aus einer Metropole. So auch die einige Generationen später geborene Vivian Fung.

Fung kam 1975 in Edmonton zur Welt. Nach offenbar musikalisch erfüllten Jahren begann Vivian Fung hier, in der Metropole Edmonton, ein Kompositionsstudium bei ihrer Landsfrau Violet Archer (1912–2000), die einst in New York von Béla Bartók und Paul Hindemith unterrichtet worden war. Weitere Studien führten Vivian Fung nach Paris, zu Narcis Bonet (1933–2019). Später promovierte sie schließlich noch an der Juilliard School in New York.

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Vivian Fung liebt das Reisen. Größere Erkundungen führten die Künstlerin nach Nordvietnam, auf die Insel Bali und nach Spanien. Dabei interessiert sich Fung selbstverständlich für die den Kulturen innewohnenden Klänge und Melodien. Eine solche ethnomusikalische Reise brachte Fung auch nach Südwestchina. Ihre diesbezüglichen Forschungen wurden von bekannten Stiftungen gefördert.

2012 war Vivian Fung Guggenheim-Fellow und erhielt ohnehin eine erstaunliche Reihe von Förderungen, Stipendien und Preisen. 2013 wurde ihr Violinkonzert mit dem »JUNO Award«, einem der wichtigsten Musikpreise Kanadas, ausgezeichnet. Dieses Werk wurde auch bald von Naxos für den CD-Markt produziert. Fungs Orchesterkompositionen wurden dabei von Dirigenten wie Yannick Nézet-Séguin, James Gaffigan und anderen aufgeführt.

Ihren eigenen biographischen Abriss beendet Vivian Fung so: »Momentan lebt sie mit ihrem Ehemann Charles Boudreau, dem gemeinsamen Sohn Julian und Shiba-Hünding Mulan in Kalifornieren.«


Vivian Fung (*1975)
Earworms für Orchester (2017–2018)

Bisher schrieb Vivian Fung 20 Kammermusikkompositionen, zehn Vokalwerke, zwei Opern, ein halbes Dutzend Solo-Kompositionen, vier Werke für Saxophon und Co. sowie annähernd 20 Orchesterstücke. Eines davon interpretierte Cristian Măcelaru mit dem WDR Sinfonieorchester, dessen – seit Măcelaru Chefdirigent ist – Programme ohnehin immer interessanter leuchten.

Das Werk heißt Earworms und entstand in den Jahren 2017 und 2018. Witzig, existiert doch für das deutsche Wort »Ohrwurm« in der englischen Sprache kein direktes Pendant (mit »catchy tune« ist es nicht getan). So muss man englischsprachigen Musikkolleg:innen erst erklären, dass es im Deutschen ein Extrawort für die Umschreibung des Umstands gibt, dass manche Melodien oder Motive »wie ein Wurm im Ohr« stecken.

Mit eben so einer Erfahrung hat Vivian Fungs Earworm unmittelbar zu tun, wie man anlässlich der Präsentation des Werkes in der ARD-Mediathek erfährt. »Vivian Fungs ›Earworms‹ thematisiert die Freuden und Nöte der Mutterschaft, insbesondere die nicht immer beglückende Berieselung mit Musik. […] Als Vivian Fung an der New Yorker Juilliard School studierte, erhielt sie von ihrem Mentor einen seltsamen Rat. ›Du musst dich entscheiden‹, sagte David Diamond zu der jungen Kanadierin, ›willst du ein wundervolles Komponistenleben [sic] – oder willst du Babys‹. Zwanzig Jahre später ergab sich für Fung die denkbar beste Gelegenheit, Diamonds Satz zu überdenken: Sie wurde Mutter. Das Orchesterstück Earworms (Ohrwürmer, 2017/2018) reflektiert die von ihr gewählte Doppelrolle, indem es Melodien virtuos verarbeitet, die ihr Sohn pausenlos hören wollte oder Vivian Fung aus anderen Gründen während schlafloser Nächte verfolgten. Das bekannteste Thema aus Ravels La Valse ist über weite Strecken dominant. Es folgt eine mit espressivo überschriebene Passage, die das Signalmotiv aus Charles Ives’ Unanswered question zitiert. Direkt anschließend ein weiteres Zitat, versteckt im Glockenspiel: das erstmals 1939 publizierte Kinderlied The wheels of the bus

Das katastrophal-schöne Gleißen von Ravels La Valse ist tatsächlich sehr dominant. Und an Ives erinnert zunächst vor allem die massive Massierung des Orchesterapparats, no matter, ob das jetzt »schön« klingt; nein, muss es nicht. Es muss interessant klingen! Und das tut es!

Bald säuseln die Bratschen. Doch darauf türmen sich weitere Erregungen sehr schnell auf. Nach etwa 80 Sekunden spotzt ein Fagott lustig umher. Vivian Fung komponiert hier ein orchestrales Wimmelbild; sehr virtuos, sehr gebefreudig, sehr unterhaltsam. Ein Show-Piece mit Niveau! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.