250 Komponistinnen. Folge 64: Kanadisches Mosaik.

Text · Titelbild Vancouver, 1925; hinten ubclibrary (CC BY-NC-ND 2.0), vorne BiblioArchives (CC BY 2.0) · Datum 10.2.2021

Am 10. Februar 1908 – also exakt vor 113 Jahren – erblickte Jean Coulthard in Vancouver das Licht der Welt. Jean war das erste Kind der – wie man in einer lesenswerten (und kostenlos zugänglichen) Biographie erfährt – »Ur-Kanadier:innen« Jean Blake Robinson und Walter Coulthard. Einfamilienhaus, Garten, Bildung: Idylle. Mutter Jean arbeitete als Pianistin und Klavierlehrerin. Außerdem gründete sie 1905 den Vancouver Woman’s Musical Club, der, laut der besagten Biographie, »Konzerte, Tee-Umtrunke und Trödelmärkte« organisierte. Ab dem fünften Lebensjahr erhielt die Tochter von der Mutter Klavierunterricht. Letztere motivierte die neunjährige Jean zudem, erste eigene Kompositionen zu notieren.

Schließlich nahm Jean Coulthard 16-jährig ein Klavierstudium bei dem »verrückten Russen« Jan Cherniavsky (1892–1989) in Vancouver auf; Cherniavsky war ein in Nordamerika einflussreicher und bekannter Kammermusikpianist – und sicherlich vermittelte er Coulthard seine Liebe zu kleinen Besetzungen mit Klavier, denn ein Großteil ihres späteren Schaffens konzentriert sich auf eben jenen Bereich der Kammermusik. Privater Musiktheorieunterricht kam von Frederick Chubb (1885–1966), einem bedeutenden Chorleiter mit diversen musikalischen Talenten.

1925 setzte Coulthard zunächst ihr Kompositionsstudium an der University of British Columbia in Vancouver fort. 1928 ermöglichte ihr ein Stipendium des besagten Vancouver Woman’s Musical Club ein Studium in London, wo sie von Ralph Vaughan Williams (1872–1958) unterrichtet wurde. In dieser Zeit besuchte sie Frankreich und Deutschland und erlebte unter anderem eine der frühen Aufführungen von Hindemiths Oper Cardillac (1926). Im Sommer 1929 kehrte Jean Coulthard nach Vancouver zurück, gab dort Klavier- und bald auch Musiktheorie-Unterricht und gründete 1935 mit ihrem Ehemann Donald Marvin Adams eine Familie.

1939 verließ der bedeutende australische Komponist und Pianist Arthur Benjamin (1893–1960) in den Wirren des Zweiten Weltkriegs London in Richtung Vancouver, wo er – späterer Komponist des wohl bekanntesten Konzerts für Mundharmonika und Orchester (1958) überhaupt – sich nachhaltig für die Verbreitung der Werke Coulthards einsetzte. In den fünf Jahren des Unterrichts bei Benjamin entstanden Coulthards große Orchesterwerke, mit denen sich die Komponistin in ihrem Heimatland einen Namen machen und für die sie viele Preise und Stipendien einheimsen konnte. Trotz der frühen Erfolge lieferte sich Coulthard immer wieder der Kritik größter Kompositionsberühmtheiten aus: So ließ sie ihre Partituren 1942 in Kalifornien von den dorthin emigrierten Komponisten Darius Milhaud und Arnold Schönberg begutachten.

Coulthards erstaunlicher Output an Werken führte zu zahlreichen internationalen Einladungen auf Festivals in aller Welt. So konnte sie im Juni 1958 der Premiere ihres Chorwerkes More Lovely Grows the Earth in Edinburgh beiwohnen. Bald folgte auch eine Einladung zu Benjamin Brittens berühmten Festival in Aldeburgh.

1983 verbrachte Coulthard als Residenz-Komponistin einige Monate auf Hawaii, im geschichtsträchtigen Jahr 1989 bereiste Coulthard ein letztes Mal Europa. 1994 wurde sie zum »Member of the Order of British Columbia« berufen und konnte fast bis in die letzten Monate ihres langen und erfüllten Lebens hinein Musik komponieren. Jean Coulthard starb am 9. März 2000 in North Vancouver im Alter von 92 Jahren.

Jean Coulthard (1908–2000)Canada Mosaics für Orchester (1974)

1974 entstand Coulthards Werk Canada Mosaics. Der erste Teil (Lullaby on a Snowy Night) schöpft aus der Tutti-Fülle des Orchesters. Leicht impressionistisch angehauchte Bilder entstehen im Ohr. Filmmusikalische Inventionen aus soft irisierender Glöckchenheimeligkeit verweisen möglicherweise auf Britten – und überhaupt auf die traditionelle britische Klangkultur, in die Coulthard einst tief eingetaucht sein muss.

Der witzige zweite Teil heißt Mam’zelle Quebecoise (Fräulein aus Quebec) und trägt ein Mosaiksteinchen zu der – musikwissenschaftlich wohl weniger beachteten – »Geschichte der musikalischen Einwohner:innen-Schilderung« bei, wie sie großflächig angesichts von Werken wie den Enigma-Variationen (1898) von Edward Elgar, der Sinfonia domestica (1902–1903) von Richard Strauss und im Kleinstformat schon bei Gioacchino Rossini (La pesarese, Péches de vieillesse, 1880–1885) zum Ausdruck kommt.

Orchestermusik mit Glöckchenheimeligkeit und Streicherseligkeit aus dem Jahre 1974 von Jean Coulthard in @vanmusik.

Contented House (Glückliches Zuhause) bringt viel Streicherseligkeit zu Gehör. Eine wohlige Verharrung im musikalischen Hier und Jetzt. Eine Oboe, die von vergangenen Zeiten erzählt. Warm formulierte Gesten der Zuwendung. Englisch-kanadische Schule. Coulthards Musik ist nicht avantgardistisch. Aber sehr schön. ¶                                                                      

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.