Wenn diese Kolumne erscheint, weiß die Welt mutmaßlich, wie die Wahl in den USA ausgegangen ist, wie die paar tausend Stimmen in ein paar Bundesstaaten ihren Einfluss auf den Globus maximal ausgeübt haben werden. Von allen Seiten Prognosen, was passiert oder passieren kann, wenn … Das alte Europa schaut beklommen über den Atlantik, es ist eine massive Erfahrung von Ohnmacht: Was da geschieht, wird uns betreffen, wir können aber nichts tun. In Spanien ertrinken Menschen in nie dagewesenen Regenfluten, und eben erzählt ein Reporter im Radio, ein Vertreter der Trump unterstützenden Heritage-Foundation habe ihm persönlich versichert, der Zusammenhang zwischen CO2 und Klimawandel sei nicht nachgewiesen. Die Weltnaturkonferenz in Kolumbien hat die schwierigen Fragen vertagt, und in Deutschland wird über die Rücknahme von Öko-Ambitionen diskutiert, damit der Wirtschaftsdampfer wieder flott werden kann. Alles etwas viel gerade.
Und dann sitze ich, weil sie den Duisburger Musikpreis bekommt, mit der Cellistin Tanja Tetzlaff auf der Bühne des Duisburger Theaters, sie hat gerade Black Ice gespielt, für sie geschrieben von Thorsten Encke, komponiert für Cello mit Resonanzen vom Tape, ein klangraffinierter Dialog mit dem aufgenommenen Cello-Double, aber auch Naturgeräuschen. Regen, knisternd klirrendes Eis, das schmilzt. Black Ice, erklärt Tetzlaff, sei extrem dünnes Eis, über das man eben noch weggleiten kann, kurz vor dem Einbrechen. Das Bild als Bild ist einfach verständlich. Es geht um das uns beherrschende Gegenwartsgefühl, das dünne Eis, auf dem wir uns bewegen. Sehr klar. Was das Cello dazu zu sagen hat, ist vielschichtiger. Es flüstert, zittert, gnarzt und grübelt, schreit, weint, knurrt und quietscht und flageoliert gläsern. Es ist Musik, virtuos und beherzt gespielt von einer, die es offensichtlich ernst meint und die Kunst nicht als Protestplakat hochhält. Dann erzählt sie von ihrem Suites4Nature-Projekt, wie sie mit ihrem Cello auf schmelzende Gletscher gezogen ist, in leidende Wälder, an die öden Orte des sichtbaren Klimawandels. Einem unabwendbar sterbenden Gletscher Bachs Solosuiten vorzuspielen, das hat etwas sehr Quijoteskes, wobei der Ritter von der traurigen Gestalt gegen die Windmühlen definitiv bessere Chancen hatte.
Musik könne die Welt nicht retten, sagt Tetzlaff in dem Film, der zeigt, wie sie etwa Bachmusik nah an die Wundstellen der Natur bringt. Doch das ABER klingt vernehmlich mit. Und dann erzählt sie von ihrem Aufwachsen in einem musikverrückten Pfarrhaus, und dass sie schon früh umgetrieben war von dem Bewusstsein, dass die Menschheit mit dem Planeten nicht gut umgeht; dass es nicht nur darum geht, ein Instrument exzellent zu spielen, sondern dass die Musik aus der Bubble raus in die Welt muss, sehenden Auges auf das, was wirklich geschieht.
Hört man dieser Künstlerin zu, als Cellistin, aber auch als Aktivistin, ist sie überhaupt keine traurige Gestalt. Sie spricht von der Kraft der Kunst, zu sensibilisieren, Resonanzen zu erzeugen, von der Notwendigkeit, eine Haltung zu haben. Natürlich sind das weiche Faktoren, die das konkrete Anpacken nicht ersetzen. Aber Sensibilität und Haltung sind Hebel zum Handeln. Dem Gletscher Bach vorzuspielen, ist erstmal eine Maßnahme gegen die eigene Ohnmacht, und davon werden wir noch reichlich brauchen.
Im Musikmachen teilt sich das mit als Dringlichkeit. Man höre Brahms’ Drittes Klavierquartett op. 60, erschienen im September, die letzte Aufnahme des 2022 gestorbenen Pianisten Lars Vogt, mit dem die Tetzlaff-Geschwister im Trio und auch sonst so viel gespielt haben. Es sollten alle drei Brahms-Klavierquartette werden. Für Vogt ging dann nur noch dieser Live-Mitschnitt. Ein Musizieren vom Ende her, mit äußerster Dringlichkeit, und darin das Gegenteil von Ohnmacht. ¶

