»Dort hinten links ist der S-Schrank«, meint die Archivarin der Philharmonie, »exklusiv für die Partituren des Chefdirigenten, bitte nichts anfassen, nichts verändern, also eigentlich: Pfoten weg, ja?« Ich mache mir Notizen. »Und hier vorne rechts liegt Furtwängler, im zweiten Glied Karajan.« Im Raum riecht es nach welken Vorräten, der Lichteinfall wird von Stahlstreben im Außenbereich gedämmt, ich sehe keine Lüftung. Unzählige Gestelle wurden mit Notenmaterial vollgestopft. Auf den beiden Arbeitstischen liegen Klebebänder, Scheren, Spiralen, scharf gespitzte Bleistifte und stapelweise Orchestermaterialien herum. »Und das ist mein Kollege, früher Hornist im Polizeiorchester Ostberlin, wurde gleich nach der Wende aufgelöst, jetzt ist er unser Leidensgenosse hier im Westen, ne? Willkommen in der Notenhölle.« Ich mag die schludrigen Konsonanten der Frau, der Mann wirkt etwas schüchterner. Es ist mein erster Arbeitstag als neue Assistentin des Chefs, ich soll im Notenarchiv die Arbeiten beaufsichtigen. Daneben darf ich auch in Proben im Saal sitzen, den Dirigenten unterstützen und bestenfalls Bühnenorchester leiten. Das könnte schon bald der Fall sein, das Orchester studiert gerade Mahlers Dritte ein. Manchmal würde ich allerdings auch am Kopiergerät stehen müssen, meint die Archivarin weiter. Weil mir das nichts ausmacht, beginne ich gleich mit dem Ausdrucken von Orchesterstimmen, meine beiden Kollegen machen Feierabend.
Ein Musiker kommt ins Archiv hineingestolpert, Geiger wie ich sehe. Er erzählt ohne Umschweife, das Regime unter Karajan sei noch philharmoniewürdig gewesen, eine völlig andere Liga als der aktuelle Chef. Er könne dessen Gesichtsausdruck beim Dirigieren schon gar nicht mehr ertragen, dieser Scheinzweifel im Blick hinter flatternden Augenlidern, die unbeholfene Kommunikation, der starke italienische Akzent auch noch nach Jahren in Berlin. Karajan hätte für eine einzige Stelle während Stunden nur am Streicherklang gearbeitet, er sage nur »Alpensinfonie«, l-e-b-e-n-s-v-e-r-ä-n-d-e-r-n-d. Und heute: alles weg. Man spiele nur noch durch und müsse sich dann auf die Form des Chefs verlassen, der im Konzert keine einzige Abmachung einhalte. Aber die Weiber würden den Chef halt verehren. All jene Bankdirektorengattinnen, Witwen, Feuilletonschreiberinnen und dann erst recht die meist blonden Schauspielerinnen des Berliner Ensembles. Eine nach der anderen hätte Sprechrollen in ihren Konzerten mit zweitklassigen Werken übernommen, Le Martyre de Saint Sébastien von Debussy, zu Recht in Vergessenheit geratenes Pseudo-Oratorium übrigens, oder Jeanne d’Arc von Honegger, übelster Religionskitsch oder dann das vollkommen überschätzte Melodram in Schönbergs Gurreliedern. Unmusikalisch seien sie allesamt gewesen, mein Vorgänger hätte mit einem durchsichtigen Faden, der am Kleidersaum der Künstlerinnen befestigt gewesen sei, jedes Mal vom Foyer her am Bein gezupft, damit die Actricen dann richtig einsetzten. Eine Schande sei das. Er habe mir übrigens eine Adresse eines Psychoanalytikers mitgebracht für den Fall, dass mich das alles hier belasten sollte.

