Am 25. März schreibt der Pianist Lars Vogt auf Twitter: »Today: fight against cancer, round 2 (chemo). Keep your fingers crossed for me…« Anderthalb Monate später steht er kurz vor der fünften Runde Chemotherapie. »Das geht jetzt ein halbes Jahr so durch, bis in den Oktober, zwölf Runden, sofern der Körper es mitmacht. Bisher ist alles ziemlich stabil«, erzählt er mir per Zoom, als ich ihn in Nürnberg erreiche, wo er mit seiner Familie wohnt. 

VAN: Wann haben Sie die Diagnose bekommen?

Lars Vogt: Das war im Februar. Ich hatte schon länger ein Drücken im Oberbauch und dachte eigentlich, es sei der Magen. Auf der Rückreise von einem Konzert in Nantes bin ich bei meiner Schwester und meinem Schwager vorbeigefahren. Mein Schwager ist Arzt und meinte: ›Komm, wir fahren schnell in die Praxis und machen ein Ultraschall.‹ Er sagte dann gleich, dass ihm nicht gefiele, was er auf der Leber sähe und dass ich unbedingt ein CT machen müsse. Bei dem CT hat sich dann bestätigt, dass in der Leber Tumore sitzen, man wusste aber noch nicht, wo sie herkommen. Die Magenspiegelung hat dann gezeigt, dass ein kleiner Tumor am Ende der Speiseröhre sitzt, und von diesem eigentlich kleinen Speiseröhrenkrebs kommen die Metastasen. Der Arzt meinte, dass die Situation vor allem in der Leber schon ziemlich dramatisch sei und nicht operabel, weil von der Leber sonst nichts übrig bleiben würde. Es wurde dann noch eine genetische Untersuchung gemacht, die ergab, dass bei mir ein bestimmtes Medikament, Herceptin, sehr gut andockt. Die Hoffnung ist groß, dass damit jetzt die Chemotherapie anschlägt und der Krebs begrenzt werden kann. Prognosen können die Ärzte keine geben, das habe keine Sinn, weil der Krebs sehr unterschiedlich verlaufe. Aber es fiel eben auch dieser Satz: ›Letztlich wird dieser Tumor lebensbegrenzend sein.‹ Was auch immer das heißen mag. In dem Moment stellt sich das Leben auf den Kopf. Es ist interessant, was man dann so durchmacht in diesen Zeiten.

Was waren Ihre ersten Gedanken nach der Diagnose?

Ein bisschen eine Ungläubigkeit, dann auch der Wille, es anzugehen. Ich habe sehr schnell so eine Zweigeteiltheit in mir entwickelt. Man beginnt natürlich sofort sich auszumalen, was ist, wenn alles nicht funktioniert und man in einem halben Jahr schon nicht mehr ist. Da ist mir klar geworden, dass ganz pragmatisch eine ganze Reihe von Dingen geklärt werden müssen. Dass ein Testament her muss, dass man sich überlegen muss: Wie kann ich meine drei Kinder absichern, wie kann ich sicherstellen, dass meine Frau okay ist? Das hat mir auch sehr wohlgetan, muss ich sagen, dieses Organisieren. Ich stelle mir vor, dass dieses Wissen – das, was ich kann, getan zu haben für die, die übrig bleiben – ein gewisser Trost und Hilfe sein wird. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl: Ich bin jetzt 50 und was ich in meinem Leben schon alles erleben durfte, ist der Hammer. Selbst wenn es jetzt vorbei wäre – ich weiß nicht, ob es einen Schöpfer gibt, aber wenn es ihn gäbe, könnte ich nur tief den Hut ziehen und Danke sagen. Es ist einfach irre, welche Menschen ich habe kennenlernen können, welchen Beruf ich habe ausüben dürfen, unglaublich eigentlich. Ich denke oft an die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär, 8 ½ davon habe ich mindestens auch gehabt. [lacht] Das ist der Gedanke eins: sich irgendwie damit anzufreunden, wenn es dazu kommen würde. Der Gedanke zwei aber ist: Ich will auf jeden Fall gerne noch lange leben. Jeden Tag bewusst leben. Wenn ich morgens aufwache und die Sonne geht auf, denke ich: ›Wahnsinn, wie schön, dass wieder ein Tag von vorne losgeht.‹ Es klingt so klischeehaft, zu sagen, man solle jeden Moment genießen, aber es ist wirklich erstaunlich … Wenn ich mit meiner Frau im Supermarkt die notwendigsten Sachen einkaufe, die Kleine hier rumlaufen und Quatsch machen sehen, sich an den Flügel setzen und doch noch das ein oder andere Brahms-Stück neu lernen [lacht]. Man nimmt das viel intensiver wahr. Natürlich möchte ich vor allem noch gerne für meine Kinder da sein und sie aufwachsen sehen, und für Anna, meine Frau. Aber das sind jetzt Ziele step by step. Jetzt wäre es toll, wenn ich die 55 erreiche, und dann wäre es toll, wenn ich die 60 knacke. Wenn ich die 70 knacke, habe ich auch nichts dagegen. Aber das kann kein Mensch sagen. Ich muss es nehmen, wie es kommt. 

Hat sich während der Chemotherapie Ihr Verhältnis zu Ihrem Instrument verändert? 

Lustigerweise spiele ich sogar immer ein bisschen während der Chemo. Ich gehe immer für zwei Tage in die Klinik, und es gibt auf der Krebsstation ein Klavier. Bevor ich an die Tüten angeschlossen werde – das dauert meist so zwei, drei Stunden bis die von der Apotheke zurückkommen, wenn das Blutbild da ist –, gehe ich da oben ein bisschen spielen für mich. Wenn ich an den Tüten hänge, am nächsten Tag, latsche ich mit dem Ständer durch die halbe Klinik zur Palliativstation, da steht tatsächlich sogar ein Flügel. Dann spiele ich dort ein bisschen und wer mag, kann zuhören kommen, solange es die Leute nicht stört, bisher hat niemand was gesagt. [lacht] Ich übe da natürlich nicht, sondern spiele Dinge, die mir Freude machen.

Ich bleibe auch so ganz gerne ein bisschen dran, spiele ein oder zwei Stunden täglich, das macht mir Spaß. Man muss seine Kräfte schonen und ein bisschen haushalten. Normalerweise bin ich tagsüber bis zum Nachmittag ziemlich gut drauf, nur habe ich oft den Fehler gemacht, zu denken: ›Ah, es ist so wie immer‹, und alles mögliche gemacht, und dann geht’s mir am Abend doch nicht so gut. Ich muss bewusst immer wieder eine Pause machen, ›jetzt lass mal gut sein‹, mich hinlegen zwischendurch, dann fühle ich mich abends auch besser.

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Sie haben gerade zwischen den Chemotherapien in Paris mit dem Orchestre de chambre de Paris, dessen Chefdirigent Sie seit letztem Jahr sind, Mozarts Klavierkonzerte KV 271 und 491 aufgenommen. Wie war das?

Es war natürlich unglaublich, dass das funktioniert hat. Mein Orchester war auch sowas von rührend in der Unterstützung. Ich habe jede Menge Schreiben bekommen, E-Mails, Nachrichten über Social Media, das ist ein unglaublich herzliches Orchester. Durch die Situation sind viele Beziehungen noch mehr zusammengewachsen, auch die Beziehung zwischen meiner Frau und mir ist noch enger geworden, es ist irre, wie Anna das stützt, mit so einem großen Blick und so einer Wärme. Das ist mir auch mit Freunden so gegangen: das Glück, einander zu haben. Ich habe sehr früh eine Whatsapp-Gruppe erstellt, in die ich alle Freunde gepackt habe, einfach damit ich, wenn es Updates gibt – medizinisch, menschlich – das nicht 50 Mal jedem einzeln sagen muss. Das tut mir auch gut. 

Sie haben Ihre Erkrankung auch auf Twitter öffentlich gemacht. War das eine schwierige Entscheidung?

Überhaupt nicht, die Entscheidung habe ich schon ganz zu Anfang getroffen. Es gibt ja Menschen, die möchten so etwas lieber für sich behalten, das verstehe ich auch gut. Bei mir war es aber von vornherein so, dass ich das Gefühlte hatte: Das ist jetzt so, das gehört jetzt zu meinem Leben dazu. Es gibt den Menschen die Chance, teilzuhaben. Es hat mich unheimlich gestützt und berührt, wie viel Herzlichkeit mir entgegenkommt, selbst von Freunden von früher aus der Schule, Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich vielleicht gar nicht so viel zu tun hatte. Eine solche Herzlichkeit und Unterstützung, dass ich dachte, irgendwie ist man letzten Endes doch füreinander da. Das hat mir sehr gut getan. 

Hatten Sie Angst vor bestimmten Reaktionen?

Nee, mir war völlig klar, dass mir jede Art von menschlicher Reaktion recht ist. 

Und was den Musikbetrieb angeht?

Ich habe mit meiner Agentin einmal kurz durchgesprochen, inwiefern das eine Folgewirkung haben kann, weil ich natürlich nicht komplett garantieren kann, was in einem halben oder in einem Jahr ist, speziell was das Klavierspielen angeht. Ich mache jetzt, weil die Situation in der Leber so dramatisch war, diese FLOT-Therapie: Das sind drei verschiedene Chemotherapeutika, und eines, Oxaliplatin, läuft drei Stunden in einen rein und man merkt, wie die ganze Lebensenergie weggeht … ich denke da immer an Harry Potter, wie Dumbledore den Trank aus dem Becken mit dem Horkrux austrinken muss. Meistens schlafe ich dabei jetzt ein, und das ist auch ganz gut. Das Medikament hat potentiell alle möglichen Nebenwirkungen, inklusive des Verlusts der Fingersensibilität. Ich soll das ganz genau beobachten. Wir hatten schon diskutiert, das Medikament rauszunehmen, aber als ich dann nochmal gefragt habe, wie die Lage ist, ob man sich den Luxus leisten kann, das rauszunehmen, sagten die Ärzte: ›Na ja, die Situation ist schon dramatisch.‹ Da habe ich natürlich gesagt: ›Es bringt mir überhaupt nichts, wenn ich tot bin und toll Klavier spielen kann.‹ Ich kann mich auf so vielen Ebenen betätigen, dann müssen es eben andere Dinge sein. Aber  ich habe gerade mit einer Kollegin gesprochen, die auch Krebs hatte und dieses Zeug bekommen hat, die sagte mir: ›Bleib im Üben drin, dadurch lässt sich manches bewahren.‹ Bisher geht’s eigentlich ganz gut. 

Jeder zweite Deutsche erkrankt in seinem Leben einmal an Krebs. Trotzdem ist es immer noch ein Tabuthema. Kann es sein, dass ein offener Umgang damit in der Klassikwelt noch tabuisierter ist als anderswo?

Es muss jeder für sich ausmachen. Klar, vielleicht haben wir gerade im Klassikbereich besonders stark internalisiert, dass wir ein Idealbild nach außen darstellen müssen, von einem omnipotenten Magier [lacht], der auf dem Klavier zaubert und im Leben läuft’s auch super. Da verlocken die Sozialen Netzwerke natürlich noch mehr, solche Bilder zu vermitteln. 

Sie haben eben gesagt, dass Sie jetzt alles noch intensiver wahrnehmen. Bezieht sich das auch auf das Musikmachen?

Bevor die Therapie los ging, habe ich in der Krebsstation im Therapieraum am Klavier gesessen und Brahms-Stücke gespielt, da flossen natürlich auch Tränen. Dieses Gefühl, ich muss mich möglicherweise von diesem geliebten Instrument verabschieden. Man nimmt das vielleicht noch bewusster wahr, was für ein Glück das ist, diese Fähigkeit zu haben, das spielen zu können. Ich konnte jetzt noch die Mozart-Konzerte aufnehmen, die mich ein Leben lang begleitet haben, ich hoffe, mit Christian [Tetzlaff] und Tanja [Tetzlaff] kriegen wir noch die Schubert-Trios komplett… Pläne gibt es noch, ich würde auch gerne noch meine persönlichen Gedanken zur Hammerklaviersonate in Form einer Aufnahme mitteilen. Aber es wird dann doch irgendwie alles relativ. Als ich das Gespräch hatte mit dem Arzt, der meinte: ›Wir können Ihnen nicht versprechen, dass das Klavierspielen bleibt‹, wurde mir klar, dass unter Umständen das Klavierspiel jetzt der Preis ist, der zu bezahlen ist. Natürlich möchte ich viel viel lieber noch einige Jahre Emma aufwachsen sehen, als Klavier spielen. 

Gibt es Musik, die Sie gerade besonders begleitet und aus der Sie Kraft schöpfen?

Mir ist wieder klar geworden, wie unglaublich Brahms trösten kann. Ausgerechnet der, der keine Kinder hat, schreibt als langsame Sätze ein wunderschönes Wiegenlied nach dem anderen. Bei Brahms liegt unglaublich viel Trost drin, bei Mozart auch, und Bach natürlich. Das sind vielleicht die drei, die mich im Moment am meisten begleiten. Ich hatte nie Opus 116 von Brahms gespielt. Das war ein solches Glück, das jetzt in dieser Zeit nach und nach zu lernen, unbegreiflich, dass das bisher an mir vorbeigegangen ist [lacht].

Können Sie sich dieses Tröstende bei Brahms erklären?

Wenn ich an Brahms denke, dann zunächst an all die dunklen Farben bei ihm, und wenn er dann in dieses zart fragile Dur geht, fast ins Süßliche, das ist eben irgendwie wie der Blick auf Kinder. Es ist dieser Blick aufs Kindsein, der dann aber meistens im Mittelteil aus der erwachsenen Perspektive erzählt wird. Der Erzähler sagt: ›Du hast noch viel an Leid und Traurigkeit vor Dir, aber für jetzt schlaf einfach ein‹, dann findet es wieder ins Wiegenlied zurück. Dieses Rücken der Perspektive, dass es eben nicht die komplette Identifikation mit dem Kindsein ist, sondern aus einer erwachsenen Sicht, die schon viel gesehen hat. 

Pianist Lars Vogt erfuhr Anfang des Jahres von seiner Krebserkrankung. Über neue Perspektiven auf das Leben, die Reaktionen von Freund:innen und Kolleg:innen und Musik und Gedanken, die Halt geben, spricht er in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Gibt es Musik, die Sie gerade nicht hören können?

Wenn es mir ein bisschen schwach geht, von der Kraft her, an manchen Abenden, dann merke ich, dass ich eigentlich gar keine Musik hören kann. Ich wollte immer mal die ein oder andere Mahler-Sinfonie, die ich noch nicht so gut kenne, hören, aber dann habe ich verstanden, dass man zum Hören von solchen Stücken eine unglaubliche Kraft braucht. Das ist eben nichts, was man zur Entspannung hört, sondern es ist eine solche Intensität, die einen anspringt. Das habe ich auch einfach zu akzeptieren gelernt, dass es manchmal, wenn die Kraft nicht da ist, eben auch gut ist, wenn da nichts ist, sondern nur Einfachheit und Seichtheit, und sei es, dass im Fernsehen irgendein Quatsch läuft, dass es einfach nur plätschert. Eine richtige Aversion habe ich eigentlich nur gegen die zu virtuosen Sachen, das war aber schon immer so bei mir. [lacht]

Und was bringt Sie raus, auf andere Gedanken?

Ich gucke gerne Fußball, mit meiner Musikerfreundin Antje Weithaas. Das fing erstmals an bei der letzten Länderspielphase, als ich mit der Chemo im Krankenhaus hing, dann habe ich sie auf Facetime drangehabt und wir haben uns das komplette Fußballspiel zusammen angeguckt. Seither haben wir immer Facetime Dates, wenn Länderspiele sind oder Mönchengladbach spielt. Wir haben uns sogar vorgestern das 0:6 von Gladbach in München angeguckt. [lacht]

In unserem letzten Gespräch erwähnten Sie den Wunsch, dass im Moment des Sterbens die Dinge alle klar werden. Was ist Ihnen durch die Krankheit klarer geworden?

Mir ist, wenn ich jetzt konkret über den Tod nachgedacht habe und wie es wohl ist, wenn ich mich wirklich schon verabschieden muss, ein ganz naiver, fast kindlicher Glaube gekommen: Ich hoffe, dass mich auf der anderen Seite die Menschen, die ich so gemocht habe und die nicht mehr hier sind, in Empfang nehmen. Von meiner Oma angefangen bis zu Karl-Heinz Kämmerling, Yakov Kreizberg und Boris Pergamenschikow und all die lieben Menschen, die über die Jahre gegangen sind. Dass die da irgendwie warten und den Wodka kalt gestellt haben – im Fall meiner Oma wäre es eher der Kaffee, der serviert würde [lacht]. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass das wirklich der Fall sein wird, aber es ist ein schöner Gedanke, und den erlaube ich mir, zu behalten. Ich bin noch sehr gut mit meinem alten Englisch- und Religionslehrer aus der Schule befreundet. Der ist jetzt 80 und hatte mir schon vor Monaten gesagt, dass er sich irgendwie wünscht, dass er, wenn er stirbt, fröhlich sterben kann. Das fand ich einen schönen Gedanken. 

Gibt es etwas an der Erkrankung, was für Sie Sinn ergibt?

Die letzten Jahre hatte ich oft das Gefühl, die Zeit rennt so wahnsinnig weg. Ich konnte mir so lebhaft vorstellen, dass es einfach ›wutsch‹ macht und ich 80 bin und es ist Feierabend. Es ist eine Erfahrung, die glaube ich viele von uns haben, dass es ein accelerando ist und die Zeit immer schneller wegfliegt. Vor der Krankheit hatte ich öfter mal eine Depression deswegen und sei es nur für einen Tag oder zwei, dass ich darniederlag und dachte: ›Oh Gott, jetzt bin ich schon so alt.‹ Lustigerweise hat sich das durch die Krankheit komplett erübrigt. Ich bin selten so niedergeschlagen. Ich bin viel häufiger total glücklich. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.