»Selbst wenn es jetzt vorbei wäre – ich weiß nicht, ob es einen Schöpfer gibt, aber wenn es ihn gäbe, könnte ich nur tief den Hut ziehen und Danke sagen«, erzählte Lars Vogt im Mai letzten Jahres, als wir über seine Krebserkrankung sprachen, die kurz vorher diagnostiziert worden war. Vorgestern ist der Pianist und Dirigent in einem Erlanger Krankenhaus im Kreis seiner Familie und Freunde gestorben, drei Tage vor seinem 52. Geburtstag. Für Vogt gilt, was er selbst einmal über den Cellisten Boris Pergamenschikow gesagt hat: »Er war genial darin, Menschen, die ähnlich ticken, zusammenzubringen.« Vogt gelang dies an vielen Orten, auf vielen Ebenen und Kanälen, bei seinem Festival ›Spannungen‹ in Heimbach, das vielen Kolleg:innen und Zuhörer:innen ein musikalisches Zuhause wurde, in Schulklassen bei dem von ihm initiierten Projekt ›Rhapsody in School‹, in den beiden Orchestern, denen er als Chefdirigent verbunden war, auf der Bühne mit seinem Publikum. Es brauche viel Persönlichkeit, aber immer auch das Zurückstellen von Ego, beschrieb Vogt vor vier Jahren die Grundhaltung, die er mit Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne suchte. In der klassischen Musikwelt, die Solist:innen bisweilen zu Egoshootern erzieht und in der jeder sich selbst oft der nächste ist, prägte er damit eine ganze Musiker:innen-Familie. »Er wird mehr als fast jeder andere Mensch, den ich kenne, eine Legacy haben nicht nur im Sinne von ›was für eine Karriere, guck mal diese und jene CD‹, sondern eine Legacy im wirklichen Leben von Leuten, die durch ihn berührt worden sind«, erzählt mir der Geiger Christian Tetzlaff, einer von Vogts engsten Freunden und Kammermusikpartnern, den ich am Tag nach dessen Tod in seinem Haus in Berlin erreiche. 

VAN: Wie geht es Ihnen?

Christian Tetzlaff: Wie es einem so geht, in Wellen, große Verzweiflung, ich habe eigentlich täglich mit ihm telefoniert und merke, wie ich auch jetzt die ganze Zeit mit ihm rede. Ich war zum Glück die letzten Tage bei ihm, um Abschied zu nehmen. Sein Tod kam nicht überraschend, er hat sich über längere Zeit angekündigt, deshalb können wir alle im Umfeld damit umgehen, was nicht die Trauer weniger macht, aber den Schockmoment davon verringert.

Ist es dann trotzdem nochmal etwas anderes, wenn jemand plötzlich nicht mehr da ist?

Eben war es merkwürdig – ich bin mit den drei Kindern allein, man hat zu tun, aber dann kam im Radio die Nachricht, wo mir dann die Tränen in die Augen schossen, weil es auf eine andere Art wieder offiziell wurde, dass es auch wirklich stimmt. So wird man wahrscheinlich eine Weile in einer Zwischenwelt sein.

Was es erträglicher macht ist, dass wir die letzten Tage in Erlangen mit vielen Musikerfreunden, mit der gesamten Familie um ihn gesessen, für ihn musiziert, mit ihm geredet haben, und er war bis zum Schluss dabei und auch unverändert als Person. Sobald es die Möglichkeit gab auch mit einem Lächeln und einer Freude über eine Kleinigkeit. Er hat dann noch den schönen Witz gemacht: ›Stellt Euch vor, die Ärzte haben sich alle geirrt, und es geht doch nicht so schlecht aus, dann habe ich jetzt ein richtig schönes Wochenende gehabt deswegen.‹ Das sind die Dinge, die es jetzt ermöglichen, damit umzugehen.

Das Erstaunliche ist: Ich kenne keinen Menschen, der so beliebt ist wie Lars Vogt. Von den unterschiedlichsten Menschen aus den unterschiedlichsten Kreisen. Man merkt, dass die Leute, die er berührt und angesprochen hat, sich von ihm vollständig angenommen gefühlt haben. Da kommt vieles zusammen: Dieser barocke Mensch, der wirklich alles genossen hat und ein teilweise wildes Leben hatte, der wildeste und gleichzeitig der zarteste Musiker, den ich kenne, hat eben diese unglaubliche Fähigkeit zur Verbindung gehabt. Eine einzige Person hat es geschafft, unglaublich viele Querverbindungen zwischen Musikern herzustellen, während ja sonst im Leben jeder eifrig seinem eigenen Ziel nachstrebt. Was er geschafft hat, ist, dass wir uns als große Familie verstehen, und das besteht jetzt genau so weiter. Deshalb ist Verlust nicht das einzige Gefühl, das wir alle haben. 

Haben Sie beide sich zuerst über die Musik oder als Menschen kennengelernt?

Zuerst über die Musik, vor 26 Jahren haben wir mal ein Konzert gespielt, zusammengebracht von Heinrich Schiff. Ein paar Jahre später ging es mit Heimbach los und dann wurde es sehr intensiv. Er ist mein bester Freund und innigster Kumpan. Ich kann bei Musikern keinen Unterschied machen zwischen der Musik, die sie spielen, und dem, was sie als Person sind. Ich bin mit vielen Musikern in Berührung gekommen, die sehr erfolgreich sind, indem sie von sich selbst sprechen, sich gut darstellen und keine Zweifel an irgendwas kennen, oder, wenn ich weiter zurückgehe, mit musikalischen Diktatoren, die deswegen erfolgreich waren, weil sie allen ihren Willen aufgezwungen haben. 

Aber ich habe gelernt, dass Musik nur in Freiheit und Liebe ganz sprechen kann. Und das ist etwas, was man mit ganz wenigen Musikern so erfahren kann wie mit Lars. So wie ich mit ihm kommunizieren und über die dunkelsten und fröhlichsten Dinge sprechen kann, kann man mit ihm auch im Konzert diese Dinge durchleben, ohne die Schutzschicht und den Wahn, unangreifbar zu sein, sondern im Gegenteil, ganz verletzlich. Das ist für uns Interpreten, glaube ich, die einzige Haltung, die einem Komponisten gerecht werden kann. Wir reden nunmal nicht von uns, wir müssen so viel Empathie haben, dass wir mit Herrn Brahms diesen Weg gehen können. Und das konnte man mit Lars im persönlichen Gespräch, das konnte man auf der Bühne, das ist das, was eben dazu geführt hat, dass er Klänge machen konnte, die ich von keinem anderen kenne. Er konnte leiser spielen als eigentlich alle anderen, er konnte lauter spielen, aber wenn man auf der Bühne war, war er auch der Pianist, mit dem man als Streicher ohne jede Angst spielen konnte. Er konnte klingen wie ein Orchester, aber so, dass der, den er im Moment hören möchte, nie gefährdet war. Das ist eine menschliche Qualität. Das hat nichts damit zu tun, dass man sagt: ›Spiel doch hier mal leiser, ich komme nicht durch.‹ Sondern ein ständiges ›sich aufeinander Abstimmen‹ und ein ›nie im Vordergrund sein müssen‹. Das ist eine ganze Haltung als Musiker, die auch seine Klavierkonzerte von Brahms und Beethoven zu etwas vollkommen anderem machen, als ich das sonst kenne. 

Seine Grundhaltung ist bei einem Brahmsschen Klavierkonzert eben: Wir machen das zusammen, hier spielt das Solo-Cello, hier die Oboe, hier das Horn, und ich bin mit jedem gut Freund. Das ist die Eigenschaft, die sich bei ihm auch als Orchesterleiter bei der Northern Sinfonia oder dem Orchestre de chambre de Paris in unglaublichen Aufführungen von Sinfonien zeigte, dass es darum geht, dass jeder Musiker, wenn man ihn lässt, etwas Wichtiges zu erzählen hat. Natürlich gibt es eine gewisse Hierarchie, dass ein Dirigent führt, aber im Detail muss er seinen Musikern vertrauen können, dann wachsen alle über sich hinaus. Das ist die große Qualität eines Dirigenten. Ein Orchester zusammenzubringen und zu sagen: ›So wie ich es mache, ist es richtig‹, das funktioniert auch, aber führt eben zu ganz anderen Resultaten. 

Ist diese gemeinsame Haltung die Grundvoraussetzung, um Unterschiede überhaupt erst sichtbar werden zu lassen?

Das ist eben genau das, was man dann darf. Wenn einer eine feste Überzeugung hat, dann sollten wir sofort nur versuchen, diese nachzuvollziehen und zu verstehen. Und wenn es tatsächlich in Stücken so unterschiedlich begründbare Ansätze gibt, dann darf man die, statt miteinander zu kämpfen, auch unterschiedlich vortragen und sagen: ›Ich finde das toll, wie du es machst, aber ich mache es gerne so und wir kriegen es einfach auf eine Ebene.‹ Das ist kein Kompromiss, sondern ein gegenseitiges Schätzen, was der andere anzubieten hat. 

ANZEIGE

Sie haben ihn als ›barocken Menschen‹ beschrieben. Er hat Sie einmal als den ›reflektiertesten Menschen‹, den er kenne, bezeichnet. Ist das ein Unterschied zwischen Ihnen beiden, der in der Musik fruchtbar gemacht werden konnte?

Das wird so leicht als Gegensatz gesehen, etwas zu verstehen und es wild auszuleben, in den besten Fällen bedingt es sich eigentlich erst. Wenn man ganz an die Essenz gekommen ist von einer Komposition, indem man auch versucht, die Motivation zu verstehen, dann kommt man auch zu wilderen oder tieferen Resultaten. In diesem Gegensatz war vielleicht ein Startpunkt, aber wir haben uns über die letzten 25 Jahre zwischendurch mindestens getroffen und manchmal sogar überkreuzt.

Lars Vogt meinte einmal, dass der Höhepunkt der Karriere nicht immer zusammenfalle mit den glücklichsten Momenten: ›Ich habe manchmal mit Christian [Tetzlaff] und Tanja [Tetzlaff] in irgendeinem kleinen Kammermusikzirkel Trio gespielt und wir waren so glücklich.‹

Das ist meistens so. Die großen Momente, bei denen man denkt, ›Mensch, heute war es richtig, da haben alle an einem Strang gezogen‹, passieren teilweise zufällig, irgendwo im Kleinen, etwas häufiger vielleicht in Heimbach, wegen der Grundatmosphäre. Die ›großen Karrieremomente‹ sind immer mehr Fiktion als Wahrheit. 

Können Sie spontan sagen, an welche gemeinsamen Aufführungen Sie sich besonders erinnern werden?

Das muss ich jetzt mal so aus dem Bauch raus sagen: Wir haben beim Abschlusskonzert in Heimbach vor ein paar Wochen das große Brahms c-Moll Klavierquartett gespielt, das sich als Thema sogar mit dem Tod auseinandersetzt. Er hatte Corona und zwei Wochen starke Chemotherapie hinter sich, und hat gespielt wie ein Gott. Wir haben alle im Hinterkopf und im Bauch das Gefühl gehabt, dass es wahrscheinlich das letzte Mal ist, dass wir dieses Stück zusammen spielen. Und dann haben wir vor zwei Wochen mit einem E-Piano im Krankenhaus die gesamte Brahms G-Dur Sonate durchgespielt. Das war beides wahnsinnig schön. Ich erwähne diese beiden, weil er jetzt auch am letzten Tag, an seinem Todestag, meinte: ›Ich höre gerade Musik, eine Ballade, ich glaube Brahms.‹ Weil gerade dieser Komponist Lars und mir in wirklich tiefen Seelenlagen der nächste ist, vielleicht weil er nicht ganz so übermenschlich daherkommt wie andere, oder mit einer solchen Verzweiflungssucht, sondern weil er – um sein Requiem zu zitieren –, sagt: Ich will Dich trösten wie eine Mutter Dich tröstet. Und das ist etwas, was selbst in den dunklen Stücken von Brahms mitzuschwingen scheint, dass er nicht größer sein möchte als wir, sondern mit uns sein möchte. Brahms ist der Komponist, der uns am meisten über die Jahre verbunden hat und der uns auch einen schönen Abschied geschenkt hat.

Sie beide sind im letzten Jahr während seiner Krebserkrankung und -behandlug weiter aufgetreten, haben Sie das Damoklesschwert, das über Ihnen schwebte, ausgeblendet?

Nein, das ist in jedem unserer Gespräche mit drin und in jeder Note natürlich auch. Wir haben die Schubert-Trios aufgenommen am Tag, bevor er zur Diagnostik fuhr, weil man wusste, dass etwas ganz, ganz falsch war. Von seinem Befinden und Aussehen war damals die Drohung sehr klar, das war vor anderthalb Jahren. Seitdem wussten wir, dass wir nur begrenzt Zeit haben würden. Das hat immer mitgeklungen, in der Schönheit und Lust daran, denn die Musik hebt für den Moment, in dem man ein Konzert spielt, die Zeit auf. Man ist in diesem anderen Raum. Wenn irgendetwas wahr ist, dann, dass das Musizieren im letzten Jahr besonders intensiv war. 

Gibt es ein Stück, das Sie immer besonders mit ihm verbinden werden?

Ja, die Brahms G-Dur Sonate. 

Können Sie sich vorstellen, sie mit einem anderen Pianisten zu spielen?

Das weiß ich nicht. Eher würde ich denken: erstmal nicht. Es gibt ein paar Stücke, die durch Lebensumstände dieses Fragezeichen hinter sich haben. Aber wer weiß, vielleicht auch in ein paar Jahren in glücklicher Erinnerung an ihn. 

Vor vier Jahren hat er mir erzählt, dass er mit Ihnen öfter über den Moment des Sterbens gesprochen hat. Wie war das zum Schluss?

Er hat am Ende keine philosophischen Fragen gestellt, aber es war ein solches Übermaß an Liebe zwischen allen, die da um ihn herumstanden und ihn gestreichelt haben, für mich würde das alle weiteren Fragen nach dem Sinn des Lebens oder dem danach überflüssig machen. Für mich sind wir hier, um möglichst das Gute und Liebe zu verbreiten, damit es schön ist, hier zu sein, diese unglaubliche Gelegenheit, auf dem Erdboden Schönheit wahrzunehmen. Dazu ist die Liebe der Schlüssel, und in der hat er gebadet und die hat er auch bis zur letzten Minute gezeigt. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com