Schön, die Alleskönner und Alleskönnerinnen des WDR Sinfonieorchesters sich einmal nicht unterfordert fühlen zu sehen, wie im philharmonischen business as usual mit Brahms Beethoven Bruckner. Steht Boulez, das big B der Musik des 20. Jahrhunderts auf dem Programm, zumal dessen ebenso komplex riesenhafter wie filigran feiner Mallarmé-Zyklus Pli selon pli, dann macht sich eine erhöhte Grundspannung bei den Musikerinnen und Musikern wohltuend bemerkbar. Schon toll, was da spieltechnisch wie klangsinnlich geboten wird, und wer, wenn nicht ein deutsches Rundfunkorchester, kann derlei auffahren an Exzellenz und Material? Neun umfangreich ausgestattete Perkussionist:innen, fünf Harfen, Gitarre, Mandoline, Celesta und was noch. Auf hohem Niveau spielen, was woanders nicht oder nicht mehr geht, damit können sie den Unterschied machen, sie müssten es nur tun. Dazu andermal mehr.
Am Sonntag nun ein Festkonzert in der Kölner Philharmonie, in der ehrwürdigen Reihe »Musik der Zeit«, das Hundertjahrjubiläum von Boulez schonmal gebührend vorzufeiern. Jonathan Nott entfaltete Boulez’ supersensible »Mallarmé-Improvisationen« (sie sind alles andere als das, nämlich eine Erstaunlichkeit notierter Klänge) als eine Explosion schierer Schönheit, klanggewordene Clarté, intrikateste rhythmische Präzision, einen Reichtum an Erfindung, dass es einem sogar mit noch etwas Nachhall das Hirn freimachte von der Nachrichtenlage dieser so unzeitgemäß wunderbaren Vorfrühlingstage. Die kanadische Sopranistin Magali Simard-Galdès erfüllte Mallarmés annähernd hermetisch abgedichteten Zeilen (Visionen eines sich, Falte um Falte, lichtenden Nebels über dem alten Brügge) mit einer warmen, wie selbstverständlichen Leichtigkeit, die hier alles andere als selbstverständlich ist.
Boulez’ Porträt de Mallarmé ist gerahmt von einem lichten, fragmenthaften Prolog (Don) und einem am Ende dann ziemlich blecharmierten Tombeau. Ein Grabstein für den Mallarmé-Freund Verlaine. Das hat programmdramaturgisch Gewicht, denn das Geburtstagskonzert begann mit der Erstaufführung von Tombeau I von Olga Neuwirth. Es gibt auch noch Tombeau II ausdrücklich als Hommage à Pierre Boulez. Angesichts der an diesem Abend eindrücklich erwiesenen Lebendigkeit der Musik des teuren Toten war mir das vielleicht ein Grabstein zuviel.
Im Programmheft wird die erste Begegnung zwischen Neuwirth und ihrem sogenannten »Vorbild« Boulez erzählt, es geht 1998 in Paris durchaus nicht konfliktfrei um die Verabredung eines neuen Werks der jungen Komponistin, die sich durch die aufführungspraktischen Begrenzungen (kein Blech!) wie durch die Platzierung ihres Stücks (zwischen Bergs Drei Orchesterstücken und einer Mahler-Symphonie) vom Maître bedrängt fühlt – »absichtliche Zerstörung eines jungen Komponisten und Demonstration seines Scheiterns?« – Sie hatte, verständlich, Stress, sortiert sich womöglich deshalb, von heute gesehen überraschend, in das Bro-Berufsfeld »Komponist«. Nun setzt sie ihm, 2024, ein monumentales Ehrengrabmahl, der Grabstein scheint durch ein raffiniert instrumentiertes Weltall zu schweben, mit kleinen gekonnten Mitteln kriegen die Raum/Zeit-Koordinaten eine Krümmung, eine andersgestimmte E-Gitarre, dezent platziert zwischen Bratschen und zweiten Geigen, genügt, die Wahrnehmung zu verschieben.
Das kurze neue Stück mit dem epochalen Pli selon pli zu vergleichen oder mit der folgenden virtuos-rigiden Studie Dialogue de l’ombre double in einer Fassung für Blockflöte und Tonband, wäre nicht fair. Rätselhaft aber kamen mir die vier harten Schläge vor, die Neuwirth nach nicht einmal einer Minute in den opulenten Klagegesang fahren lässt: ein Einschlag, markant synkopiert wie in Wagners Trauermusik für seinen gefallenen Helden Siegfried. Ausgerechnet! Kann es sein? – Mir schien es eine überraschende Referenz, angesichts des so betont unheroischen Habitus des Monsieur B. Oder ich habe falsch gehört. Hoffentlich. Denn am Ende geht es ja nicht um die Grabsteine, auch nicht die zu Stein gewordenen Beschwörungen von »Größe«, auf die wir uns in den jetzt anstehenden Zentenarfeiern schon einstellen können. Auch nicht um die Selbstberauschung am »Metier«. Eher ums unerschrockene Weitergehen, Weiterfeilen, unzufrieden bleiben. Mit Beckett, noch ein Big B: wieder Scheitern, besser Scheitern. Weg mit den Steinen. ¶

