Der Diener

1956. Auf einer Paris-Reise zusammen mit Igor Strawinsky trifft dessen Assistent Robert Craft Pierre Boulez. Als Teil der musikalischen Avantgarde kennt man sich. In vielem ist man sich ähnlich. Craft und Boulez sind beide knapp 30 Jahre alt. Beide setzen sich unermüdlich für Neue Musik ein. So wie Craft als erster in den USA eine Musikreihe in New York gegründet hat, die sich ganz der Aufführung zeitgenössischer Musik widmet, so hat Boulez in Paris das »Domaine musical« ins Leben gerufen, ein Novum in Frankreich. Als Dirigent ist Boulez Autodidakt. »Aber«, so Boulez, »wenn ich es nicht mache, macht es keiner.« Vor allem aber gilt er Mitte der 1950er mit seinem Gesangszyklus Le Marteau sans maître als der wichtigste Komponist seiner Generation. Strawinsky hat das Stück explizit in seinen »Gesprächen« gelobt und zur selben Zeit angefangen, so wie Boulez, seriell zu komponieren. Boulez wiederum hat die ewige Rivalität zwischen den Urvätern der Avantgarde, Strawinsky und Schönberg, apodiktisch mit einem Bonmot der Neuen Musik entschieden: »Schönberg est mort. Strawinsky demeure.« Boulez, der Polemiker, gefürchtet, berüchtigt, brillant. Craft zieht also mit Boulez einen Nachmittag lang durch Paris – mit dem Vorsatz, mehr über diesen Menschen zu erfahren, der ihn fasziniert und den er auch ein wenig beneidet. Nur: Er wird einfach nicht schlau aus diesem Franzosen. Boulez erinnert ihn an einen Bantamgewicht-Boxer, so kompakt gebaut und hellwach wie er ist, außerdem stets bereit anzugreifen und zugleich elegant in seinen Bewegungen. Er strotzt nur so vor Selbstbewusstsein, es wirkt, so Craft, als trage er einen ausgearbeiteten Plan zur Eroberung der Welt mit sich herum. Ein Detail irritiert allerdings Craft, der in seiner von Anfang an für die Öffentlichkeit bestimmten »Chronik« zwischen den Zeilen auch immer wieder seinen Schlag bei Frauen durchblicken lässt: Trotz seiner vitalen Erscheinung sei Boulez ganz ein Wesen des Geistes. Seine »sexuelle Natur ist entweder neutral oder er versteckt sie«. Als Boulez ihn in sein kleines Dachgeschosszimmer führt, ist Craft ratlos. Boulez lebt vollkommen asketisch; alles scheint hier allein auf das Studium und die Komposition von Musik ausgerichtet zu sein. Eigentlich sei dieser Boulez von seiner ganzen Erscheinung her ein Croupier. Aber welches Spiel spielt er?

Pierre Boulez, 1968 • Foto: Joost Evers / Anefo, CC BY-SA 3.0 NL, via Wikimedia Commons

Jemand, der etwas über den Menschen Boulez erfahren will, hat es tatsächlich schwer. Wir wissen viel über seine auskunftsfreudigen Kollegen, Luigi Nonos Begeisterung für den Kommunismus und seine persönlichen Krisen, die er musikalisch verarbeitete; György Ligetis traumatische Vergangenheit als Jude, der seine Familie im Holocaust verlor und unter Lebensgefahr vor den Sowjets aus Ungarn floh; Karlheinz Stockhausen, der in seinen LICHT-Opern seine eigene – ähnlich traumatische – Jugend sublimierte und sich selbst mitsamt seiner Familie zum musikalischen Messias mit Gefolge stilisierte. Boulez hingegen hat schon früh verkündet, er beabsichtige, der erste Komponist zu sein, der keine Biografie habe. In gewisser Weise ist das paradox. Es gab keinen Musiker in Frankreich nach 1945, der mehr im Rampenlicht stand als Boulez. Nicht nur als einer der bekanntesten Gegenwartskomponisten, sondern auch ab den 1960ern als Dirigent der ersten Liga und schließlich als Gründer und Leiter des IRCAM und des Ensemble intercontemporain. Ohne Boulez‘ Zustimmung, so hieß es einmal, ginge in Frankreichs Musikleben kaum etwas. Allerdings ist Boulez in allen Fernsehmitschnitten, Radioaufnahmen und gedruckten Interviews immer genauso, wie Craft ihn beschreibt: alert, eloquent und zugleich höflich distanziert. Eine Sphinx. Beim Dirigieren behält er äußerlich stets vollkommen die Contenance gemäß seinem Grundsatz:  »Wir sind hier im Konzert und nicht im Theater.« In gewisser Weise spiegelt sich dieser Sphinx-hafte Charakter auch in seinen Kompositionen. Von Stücken wie Pli selon pli, Notations oder Répons geht ein großer klanglich-sinnlicher Reiz aus; die von Boulez vertonten Texte wie jene zu Le Visage nuptial sind nicht selten voller erotischer Anspielungen. Gleichzeitig sind seine Kompositionen geprägt von einer geradezu kristallinen Härte der Analyse und des Intellekts. Champagner meets Gebirgsbach. Wie geht das zusammen?


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