In einer neuen Rubrik kommentieren wir ab jetzt in jeder Ausgabe eine Nachricht, die uns in der vergangenen Woche beschäftigt, betrübt oder erfreut hat.


Die Klarinettistin Boglárka Pecze verlässt nach zwölf Jahren das Trio Catch. Während ihre Kolleginnen Eva Boesch (Cello) und Sun-Young Nam (Klavier) mit dem jungen slowakischen Klarinettisten Martin Adámek vom Ensemble intercontemporain weitermachen, wolle Pecze nun »neue musikalische Wege gehen«, hieß es am Freitag in der Pressemitteilung. 

»Wir arbeiten sehr partnerschaftlich, stehen in einem liebevollen Verhältnis zueinander«, erzählte uns Trio-Cellistin Boesch vor drei Jahren im Interview. »Wir haben mit dem Trio Catch in den letzten 10 Jahren schon vieles durchstehen müssen, das jetzt werden wir auch schaffen«, antwortete Pecze im November 2020 auf die Frage, wie sie angesichts der zweiten Corona-Welle und neuer Einschränkungen in die Zukunft schaue. Sie haben es dann doch nicht geschafft, irgendwas scheint in dieser Dreierbeziehung kaputt gegangen zu sein, was nach über einem Jahrzehnt hauptberuflicher Trio-Tätigkeit und zweieinhalb Jahren Pandemie kein Wunder ist. Aus der Psychoanalyse und der Grundschule wissen wir, wie fragil Dreiergruppen sind, Achtung Dyadenbildung! Die meisten Ehen werden heute schon wesentlich früher geschieden. Und wer als freies Ensemble zwölf Jahre lang erfolgreich sein will, braucht ohnehin genau so viel Frustrationstoleranz wie musikalisches Talent. Um fast alles muss man sich selbst kümmern  – die Akquise von Konzerten, Proberäume und Noten, Website und Social Media, Projektanträge –, und am Ende droht doch stets das Prekariat der freien Musiker:innen

Kaum eine Kammermusikformation hat im letzten Jahrzehnt für die eigene Besetzung so viel Pionierarbeit geleistet wie das Trio Catch. Die drei, die sich auf der Ensemble-Modern-Akademie in Frankfurt kennenlernten, haben 44 Stücke für Klarinette, Cello und Klavier uraufgeführt, unter anderem in der eigenen Konzertreihe ›Ohrknacker‹, Musik von Marton Illés, Milica Djordjević, Vito Žuraj oder Betsy Jolas, oft Maßanfertigungen. Einige Stücke tragen das Trio sogar im Namen, wie Gérard Pessons Catch Sonata (2016) oder Georg Friedrich Haas‘ catch as catch can (2018). Das Trio hat sich sein eigenes Repertoire quasi selbst geschaffen. Die CD ›Sanh‹ (col legno) mit Musik von Brahms, Bernhard Lang und Christophe Bertrand wurde in VAN ›zum besten Konzeptalbum 2016‹ gekürt, die Aufnahme ›As if‹ (bastille musique) erhielt 2019 unter anderem den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. In der Saison 2015/16 gehörte das Trio den »Rising Stars« der European Concert Hall Organisation (ECHO). Ähnlich wie das ebenfalls in Hamburg beheimatete Ensemble Resonanz wollte sich das Trio nie ausschließlich in der Schublade »Neue Musik« verorten, der Nische in der Nische. Das klassische und romantische Repertoire ist zwar begrenzt, aber auch die Klarinettentrios von Beethoven, Brahms, Fauré oder Zemlinsky habendie drei drauf. In einer bundespräsidialen Laudatio würde es heißen: »Das Trio Catch hat sich um das Klarinettentrio verdient gemacht.«

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Einen Tag, nachdem mir ein Freund von der Umbesetzung beim Trio Catch erzählt hat, höre ich bei Deutschlandfunk Kultur folgenden Dialog:

Moderatorin: »Wenn man diese Box durchhört, dann wundert man sich, warum es eigentlich keine festen Klarinettentrios gibt. Streichquartette gibt es, Klaviertrios gibt es auch, Bläserquintette, aber feste Klarinettentrios sind mir nicht bekannt.« 

Gesprächsgast: »Genau das ist mir auch aufgefallen. Man trifft sich immer nur für ein Event und spielt dann meistens Beethoven.« 

Zunächst denke ich, es müsse sich um ein Archivinterview aus dem vorigen Jahrhundert oder ein Deepfake handeln. Aber es ist ein Live-Interview mit dem Klarinettisten Daniel Ottensamer, Solo-Klarinettist der Wiener Philharmoniker. Es geht um die CD-Box »The Clarinet Trio Anthology«, die gerade beim Major Label Decca (Universal) erschienen ist. 27 Stücke von 26 Komponist:innen von Beethoven bis Widmann, auf 7 CDs, eingespielt von Ottensamer, dem Cellisten Stephan Koncz von den Berliner Philharmonikern und dem Pianisten Christoph Traxler. Wir erfahren, dass die drei zuerst »im Sandkasten« und dann später bei den »Philharmonix« miteinander spielten. Die Idee zur Aufnahme entstand während der Corona-Lockdowns. »Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und dann begonnen, zunächst mal Beethoven und Brahms aufzunehmen«, so Ottensamer. »Dann sind wir drauf gekommen, dass wir gern ein bisschen tiefer gehen möchten in dieser Besetzung.« 

In der sogenannten klassischen Musik hat es das meiste schon gegeben. Stichwort Kanon, Stichwort Musealisierung. Dass man jetzt zum zehnten Mal in zehn Jahren dieselbe Bruckner-Sinfonie spielt oder gerade die 583. Aufnahme von Tschaikowskys Violinkonzert aufgenommen hat, ist vor allem für das Marketing undankbar, das üblicherweise vom Versprechen des Neuen lebt. (Aus Dresden hören wir den Einwand, dass auch »Je oller desto doller« eine gute Verkaufsstrategie ist.) Findige Menschen entwickeln deshalb Formen und Formate, in denen das Altbekannte zeitlich oder räumlich gestaucht wird: Der 24-Stunden-Ring! Alle Beethoven-Sinfonien an einem Tag! 27 Stücke für Klarinettentrio auf 7 CDs! Das ist wie bei den Produkten im Supermarkt, auf denen groß »NEU« steht, es sich aber höchstens um eine »verbesserte Rezeptur« handelt, die sowieso niemand schmeckt, oder »Jetzt 10 Prozent mehr Inhalt«.

Auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo die »Clarinet Trio Anthology« derzeit durch die Kulturradios rotiert, greift man bei dieser Verpackung gerne ins Regal. Ein »echtes Mammutprojekt«, staunt der Hessische Rundfunk. rbbKultur legt gleich noch einen drauf: Ottensamer, Koncz und Traxler hätten sich mit ihrer »Wunderbox« vorgenommen, »alles aufzutreiben und auf CD einzuspielen, was für Klarinettentrio zu finden ist«. Das ist eine so wahnwitzige Behauptung, dass selbst die drei sie sich gar nicht aufzustellen trauen. Müssen sie aber auch nicht. Sie können sich darauf konzentrieren, die Aufschläge der Moderation locker ins Feld zurückzuspielen: »Es gibt ja keine festen Klarinettentrios« – »Stimmt«. Dass Ottensamer das Trio Catch wohl kennt, aber nicht nennt, kann als Beweis dafür gelten, dass im kleinen Haifischbecken Klassik jeder sich selbst der nächste ist. Aber wenn er dann ein bisschen schwindelt, dass die Literatur für Klarinettentrio nie ausgereizt werde, bis auf Brahms und Beethoven wenig in Konzerten gespielt werde, geschweige denn es auf CD schaffe (tatsächlich sind alle in der »Anthologie« versammelten Werke bereits eingespielt), würde man sich doch wünschen, dass die Moderation aus der Rolle des Cheerleaders herausfindet. Man darf auch als Klassikjournalist:in nicht alles glauben, was einem erzählt wird. Milka ist auch nicht die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. 

Und während ich parallel noch über die Nachricht vom Trio Catch nachdenke, kommt es mir so vor, als würde die zwölfjährige mit viel Herzblut erkämpfte Pionierleistung der drei Frauen hier negiert, zugunsten eines einmaligen, gut verkaufbaren Jungs-Projekts, ausgerechnet vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der zwei Aufnahmen des Trio Catch selbst koproduziert hat und das eigentlich auf dem Schirm haben sollte.

Das Trio Catch ändert seine Besetzung und im Kulturradio tut man, als habe es bisher nie ein Klarinettentrio gegeben. Zwei Nachrichten, die uns gerade in ihrem Zusammentreffen diese Woche beschäftigt haben. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Das ist natürlich ein bisschen unfair, die drei Philharmonixen können ja nichts für die Gleichzeitigkeit der Nachrichten. »A star fall, a phone call, it joins all, Synchronicity«, sangen The Police. Außerdem wollen sie ja auch nur spielen. Eine Labelvertreterin erzählte mir während des ersten Corona-Lockdowns, dass sie sich nicht retten könne vor Aufnahmeprojekten. »Auch die Stars rennen uns jetzt die Bude ein.« Wer weiß, vielleicht hängen Koncz und Ottensamer ja auch noch ihre gut bezahlten Philharmoniker-Jobs an den Nagel und machen demnächst dem Trio Catch Konkurrenz. Catch me if you can. Bis es soweit ist, sollte die Ehre der Pionierin aber denen gebühren, denen sie gebührt.  ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com