Die Konzerte, Inszenierungen, Diskurse und Umstürze, auf die die VAN-Autor_innen sich dieses Jahr am meisten freuen.

Titelbild Niall Kennedy (CC BY-NC 2.0) · Datum 3.1.2018

Wir haben unseren Autor_innen ihre Ausgehtipps für das gerade angebrochene Jahr entlockt. Und weil sich alle so schlecht entscheiden konnten, haben wir gleich drei Kategorien abgefragt:

Talk of the town: Was wird das Event, das man nicht verpassen darf, über das alle zu Recht reden werden?

Into the unknown: Was ist der heißeste Scheiß, den zu Unrecht (noch) zu wenige kennen?

L’état et moi: Der Zustand, die herrschenden Verhältnisse der Musikkultur und ich – Wünsche, Kritik, Revolution, gute Vorsätze.

Zückt die Kalender, nehmt den Federkiel zur Hand, und los geht’s!

Jeff Brown

Talk of the town: Am 3., 4. und 5. Januar 2018 gibt es – vorerst – die letzten Aufführungen von Stanisław Wyspiańskis Die Hochzeit in Krakau am Stary-Teatr in Krakau, inszeniert vom Regisseur Jan Klata. Auf Polnisch mit englischen Untertiteln und durchgehend begleitet von einer Heavy-Metal-Band ist das Schauspiel ein Klassiker der gereimten Wut und Hoffnungslosigkeit. Warum reden alle darüber? Weil Klata wegen der rechten polnischen Regierung das Stary-Teatr verlassen musste und die Schauspieler_innen seitdem alle neuen Produktionen boykottieren. Auf der Webseite steht der Kalender selbst für Februar noch ganz leer.

Into the unknown: Neue-Musik-Konzerte sind von unregelmäßiger Qualität. Das gehört dazu, denn jede Uraufführung ist ein Sprung ins Unbekannte, egal wie viel Erfahrung die oder der Komponist_in hat. Doch am 21. Januar spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Enno Poppe im Pierre-Boulez-Saal drei Stücke, die alle toll sein werden. Rebecca Saunders und Simon Steen-Andersen schreiben Musik von fesselnder Bewegung; ich habe das Stück von Yair Klartag bei seiner Uraufführung in München gehört und es waren 15 Minuten klanglicher Euphorie. 

L’état et moi: Im klassischen Musikbetrieb werden Programme folgendermaßen zusammengestellt: Der Künstler entscheidet sich, was er in einem Jahr spielen möchte. Sein Agent versucht, dieses Programm an Veranstalter zu verkaufen. Gegebenenfalls fragt der Veranstalter, ob man ein oder zwei Stücke ersetzten kann, meist mit etwas Älterem. Das Ergebnis sind überall auf der Welt dieselben Programme, die die Musiker und die Veranstalter bestimmen. Dabei gibt es doch einen guten Grund für Kuratoren in der Bildenden Kunst. Sie sind unabhängige Stimmen, die Zeit haben, zu hören, zu lesen, Nischen zu erleuchten, merkwürdige Verbindungen herzustellen. Ich wünsche mir für 2018 mehr Programme von Kuratoren. Es ist mir als Hörer ziemlich scheißegal, was die Musiker spielen möchten oder was der Veranstalter als verkaufsstark einschätzt. Ein Konzertprogramm soll lieber genauso durchdacht sein wie eine Ausstellung.

Elisa Erkelenz

Talk of the town: Der Stockhausen-Schwerpunkt im Internationalen Musikfest Hamburg. Unter anderem mit Hymnen, Tierkreis und Auszügen aus der 29-stündigen Oper Licht traut sich das Festival nach Jahren der politisch korrekten Stille endlich wieder an den Komponisten heran. Wenn nicht hier, dann zumindest auf Sirius talk of the planet!

Into the unknown: Acht Frauen aus dem armenischen Azat-Tal singen am 3. April nicht wie sonst im mittelalterlichen Höhlenkloster Geghard, sondern im Kleinen Saal der Elbphilharmonie.

L’état et moi: Für die freie Szene gibt es eine solide Förderstruktur, die Sicherheiten gibt, ohne Freiheiten zu beschränken. Hieran arbeitet zum Beispiel FREO, ein neuer Verband der freien Ensembles und Orchester. Die zeitgenössische Musik ist selbstverständlicher Bestandteil der Musikkultur und darf auch fernab satirischer Blasen gute Laune haben. Klassische Musik an Bahnhöfen wird abgedreht und die Elbphilharmonie postet keine Poesiealbumsprüche mehr.

Volker Hagedorn

Talk of the town: Talk of the town war dieses Requiem schon im Dezember 1837 in Paris, der Besetzung wegen: Hector Berlioz verlangte und bekam (da es einen toten französischen General zu feiern galt) 210 Choristen, über 100 Streicher, vier Blechbläsergruppen, verteilt im Invalidendom, 12 Hörner, 8 Fagotte usw. Kein Wunder, dass das Stück kaum je in echt zu hören ist. Kein Wunder, dass es in Hannover klappt: Dirigent Ingo Metzmacher, Intendant der Kunstfestspiele Herrenhausen, kennt hier jeden, hat zwei Orchester und neun Chöre und den Tenor Werner Güra zusammengetrommelt und entfesselt das expressive Monster am 27. Mai im wilhelminischen Kuppelsaal zwischen Zoo und Eisenbahn.   

Into the unknown: Die CD Sanh vom Trio Catch war das wohl beste Konzeptalbum des Jahres 2016: Musik für Klarinette, Cello, Klavier von Johannes Brahms, Bernhard Lang und Christophe Bertrand. Die drei Musikerinnen  haben ihren Sitz in Hamburg und dort auch eine eigene kleine Konzertreihe. Derzeit sind sie Gäste im Berliner Wissenschaftskolleg und am 19. Januar spielen sie bei Ultraschall Berlin im Heimathafen Neukölln: Nach vier neuen Stücken, teils für Catch maßgeschneidert, ein brandneues, nämlich Isabel Mundrys Sound, Archeologies. Insgesamt 70 Minuten neue Kammermusik, das ist schon heftig – aber diesmal jedem zu empfehlen.

L’état et moi: Was mir fehlt und was ich erhoffe: Zugang zu meiner idealen Konzertform. Kleine bis mittlere gute Gruppe spielt Neues und Älteres, aufeinander bezogen. Komponist_in sollte auch dabei sein und sich befragen lassen. Gern auch ein_e Autor_in, lesend. Lyrik von Katharina Schultens kann man gut mal auf Oliver Schnellers String Space loslassen! Hinterher rumstehen und quatschen mit bezahlbarem Wein, und zwar mitsamt der Künstler, die nicht zum Italiener verschwinden. Dafür möchte ich aber nicht auf ein Festival warten. Das soll in jeder Stadt, die auf sich hält, mindestens alle zwei Wochen regelmäßig passieren. Geht nicht? In Amsterdams Muziekgebouw z. B. jeden Donnerstag.

Patrick Hahn

Talk of the town: Dass die Zeit ein sonderbar Ding ist, das nicht nur geradeaus fließt, sondern dass die Vergangenheit die Zukunft auch einmal rechts überholen und die Gegenwart damit heftig durcheinander wirbeln kann, hat niemand schöner in Töne gefasst als Bernd Alois Zimmermann. Er wurde am 20. März 1918 in Bliesheim bei Köln geboren. Und weil dieser Jahrhundertkomponist immer noch zu wenig bekannt ist, legen in Köln viele Musikinstitutionen zusammen, um ihm ein würdiges Zentenarium zu bereiten, das viele Facetten seines Schaffens abdeckt. Als Wunsch formuliert: Let that be talk of the town!

Into the unknown: Generationswechsel mancherorten: In Rotterdam beispielsweise tritt nach dem Sommer der junge Ausnahme-Dirigent Lahav Shani die Nachfolge von Yannick Nézet-Séguin an und an der Oper Stuttgart bereiten Viktor Schoner und Cornelius Meister die Nachfolge von Jossi Wieler und Sylvain Cambreling vor. Die Pläne für ihre ersten Spielzeiten sind noch nicht bekannt, doch die Erwartungen liegen schon jetzt so hoch, dass man beim Erwartungslimbo locker aufrecht darunter durchspazieren kann.

L’état et moi: Die Stars werden immer jünger, die Schweinezyklen immer kürzer und den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, jemanden einzuladen, wird immer schwieriger. Es gibt so viele gute Leute und doch so wenige, die alles haben. Und weil zwar alle irgendwie immer mehr machen und doch irgendwie immer weniger stattfindet und weil es zwar so viel Musik gibt wie nie, aber doch immer weniger davon gespielt wird, werden die Stars immer, immer wertvoller. #Metoo leitet überfällige Ruhestände ein. Komissionen und Kommunen debattieren Konzertsaalneubauten, Architekten entwerfen und konservative Stardirigenten diktieren irgendwelchen altmodischen Schwachsinn. Wer baut endlich mal den Konzertsaal, den wir alle brauchen, der nicht nur bei Beethoven-Bruckner-Brahms gut klingt, sondern den man auch schnell umbauen und verwandeln kann? Der nicht bei Mahler 2 schon schlapp macht und vor Stockhausens Gruppen kapitulieren muss? Während in unserer kleinen Stadt offenbar kein öffentliches Fest mehr ohne massiven Polizeischutz und Sicherheitszonen abgehen kann, Pforten zu Musentempeln mancherorten inzwischen internationalen Fluggates gleichen, gehen wir nach wie vor jeden Abend ungeschützt aufs Podium und hören, ungeschützt, gemeinsam Musik, wie geil ist das denn bitte. Wie kostbar und wie zerbrechlich.  

Merle Krafeld

Talk of the town: Unsuk Chins Klavieretüden mit Yejin Gil im Konzerthaus Berlin. Wird ziemlich sicher kein Talk of the town. Sollte es aber. Einfach nur, weil ich gern hören würde, was diese 6 Etüden bei Euch auslösen. Ich denke vor allem bei der Toccata an Brownsche Molekularbewegung. Clemens J. Setz sieht beim Hören der Klavieretüden fallende Lebkuchenmännchen und hinter Zäunen hervorblitzendes Leben. Wer macht weiter?

Into the unknown: Rebecca Saunders’ Still, außerdem eine Uraufführung von Markus Hechtle und Neither, ein konzertanter Einakter von Morton Feldmann am 19. Januar in München. Und dann die Besetzung: Ilan Volkov debütiert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Carolin Widmann, für die Still geschrieben wurde, an der Geige.

L’état et moi: Mehr Komponistinnen auf den Programmen. Zumindest, wenn es um Neue Musik geht, sollte das eigentlich kein Problem sein. Es gibt neben Unsuk Chin und Rebecca Saunders genug hervorragende Komponistinnen: Olga Neuwirth, Sarah Nemtsov, Betsy Jolas, Liza Lim, Jennifer Walshe, Brigitta Muntendorf, Du Yun … Die Vorstellung vom Komponisten als männlichem Genie beeinflusst immer noch sowohl die Programmgestaltung als auch die Zukunftsperspektiven von Komponistinnen und damit die Wege, die der weibliche musikalische Nachwuchs einschlägt oder gar nicht in Erwägung zieht. Ein bewusstes Gegensteuern würde da nicht schaden. Auch VAN kann sich vom Gender-Tunnelblick nicht ganz freimachen, so schlägt zum Beispiel der zweifelsohne geniale Oper-o-mat einem je nach Antwort einen von 91 Komponisten vor – nach komponierenden Frauen kann man hier lange suchen. In diesem Fall gilt also in gewisser Weise das Originalzitat: »L’état c’est moi.« Wir sind, ich bin Teil des Systems, des Problems. Aber noch ist es ja nicht zu spät für gute Vorsätze für 2018!

Arno Lücker

Talk of the town: Vor genau einhundert Jahren wurde die Oper Die Gezeichneten des expressionistischen Komponisten Franz Schreker in Frankfurt uraufgeführt. Jetzt inszeniert Calixto Bieito dieses Werk an der Komischen Oper Berlin (Premiere am 21. Januar). Bieito ist ein viel beschäftigter Regisseur, der sich – wohl aus masochistischen Wonnegefühlen heraus – immer zu viel zumutet. Zum Freischütz vor ein paar Jahren an der Komischen Oper hatte er nichts zu sagen, außer, dass er mit Frauen auf der Bühne nicht umgehen kann: Agathe und Ännchen standen im Wald herum wie ein langweiliges Rotkäppchen in einer Welt ohne Wölfe. Herzog Blaubarts Burg am selben Haus dagegen war wieder fantastisch. Die Gezeichneten kommt Bieto ebenso entgegen – schon allein, was die Story der Oper angeht, die sich liest wie ein feuchter Traum von Marquis de Sade.

Into the unknown: Ich denke vor allem an ein Projekt, über das ich weder sprechen kann noch darf. Ich bin selber daran beteiligt – mit großartigen anderen Menschen. Und ich bin auch sonst ehrlich: Jeder Kulturschaffende hält sein jeweils aktuelles Projekt für die Speerspitze künstlerischer Äußerungen zum Zustand unserer Welt. Das ist natürlich Quatsch, zeigt aber, dass Kunst am besten aus totaler Hingabe entsteht, sei sie emotional-theatral oder ironisch-konzeptuell. Mein Projekt, mit dem ich zwei sehr unterschiedliche Institutionen Berlins zusammenbringe, ist ein Mix aus beidem. Es geht um die Schönheit des Sterbens (mit Musik), aber mit konzeptuellen und dennoch ganz klassischen Mitteln, die auf diese Weise noch nicht zusammengekommen sind, um die totale Melancholie, die nicht aus Kitsch, sondern aus dem bittersüß-beruhigten Blick »zurück« entsteht. Das Ganze mit Musik eines Komponisten, über den ich hier im VAN Magazin schon geschrieben habe. Premiere irgendwann im November 2018.

L’état et moi: Wir »Menschen der Klassikszene« sparen gerne mit Humor, weil wir befürchten, sonst in unserem ach so hehren und tiefgründigen Tun nicht mehr ernst genommen zu werden. Schwachsinn. Ich liebe beispielsweise »Shreds«, also jene YouTube-Videokultur, bei denen sich lustige Typen hingesetzt haben, um bei gleichbleibender Bildebene eine neue, liebevoll-bösartige Tonspur zu gestalten.

Ich habe bereits drei solcher Videos erstellt. Einen Tag nach dem neuesten Upload bekam ich jetzt, kurz nach Weihnachten, das Schreiben eines Anwalts: Unterlassungserklärung, 25.000 Euro Streitwert – und weit über tausend Euro, die ich am liebsten sofort überweisen möge. Zu diesem Zeitpunkt kann ich darüber nicht mehr schreiben: schwebendes Verfahren. Doch da der besagte Musiker erstens sehr bekannt und zweitens sehr bekannt dafür ist, auch einmal »lächelnd und augenzwinkernd« klassische Musik zu präsentieren, folgender Wunsch: Lasst uns klassische Musiker, wenn wir denn etwas über Musik sagen, endlich authentisch auf der Bühne sein! Nie wieder schlecht abgelesene und bei Wikipedia geklaute Anekdoten, nie wieder »Musik ist wie eine Reise für mich…« und nie wieder »Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum!«. Schluss mit der falschen Heiligkeit! Mehr Shreds, mehr gute Satire, mehr Selbstironie!

Reinhard Mawick

Foto © Helge Krueckeberg
Foto © Helge Krueckeberg

Talk of the town: In Hannover metzmachert es wieder mit hunderten von Stimmen: Nachdem Ingo Metzmacher 2016 die Gurrelieder mit fast 500 Sänger_innen grandios realisierte, hat sich der Intendant der Kunstfestspiele 2018 das Requiem von Berlioz vorgenommen, und wieder ist alles dabei, was in Deutschlands heimlicher Chorhauptstadt Rang und Namen hat: Der Figuralchor, der Kammerchor Hannover, die Capella St. Crucis, der Knabenchor Hannover, der Mädchenchor Hannover, und natürlich die dortigen NDR-Kräfte. Also, am 27. Mai 2018 muss man abends in den Kuppelsaal zum ultimativen bombastischen Romantik-Requiem-Kick!

Into the unknown: Eigentlich klingt das langweilig und ultra konventionell an: Bachfest Leipzig. Seit Jahrzehnt und Tag immer dasselbe. Ist auch auf den ersten Blick so. Sie machen viel Bach und seit neuestem auch integriert ein bisschen Mendelssohn. Das wahrhaft Interessante aber passiert beim Bachfest seit einigen Jahren by the way, quasi im Windschatten der große Evergreens. Vergangenes Jahr war es ein faszinierendes Konzert mit vielen Rosenmüller-Erstaufführungen, dieses Jahr darf man sich freuen auf die Erstaufführung von Der blutige und sterbende Jesus von Reinhard Keiser. Die Musik, die man lange verloren wähnte, hat Dr. Christine Blanken vom Team des Bach-Archivs kürzlich zufällig wiederentdeckt. Das Stück ist das allererste deutsche barocke »Passionsoratorium«, also eine Passion, in der die Passionserzählung komplett gedichtet daherkommt, ohne den bis dahin sakrosankten Original-Bibeltext. Ich bin sehr gespannt!

L’état et moi: Ich weiß, man darf eigentlich nicht dran rühren, aber wie toll wäre es, wenn sich auf Sicht (das Jahr 2018 allein wird daran nicht viel ändern) doch mal andere Strukturen etablieren könnten. Eigentlich reichen passable Rundfunkchöre, deren Sänger_innen von der Wiege bis zur Bahre gepampert werden (also meiner bescheidenen Meinung nach reichen der RIAS-Chor und das SWR-Vokalensemble) und dann sollten die anderen Rundfunkgelder statt in die stehenden Ensembles von NDR, WDR, BR und MDR in die freie Szene investiert werden. Projektbezogen, meinethalben auch für längere Projekte. Dann käme man weiter in der Erschließung der vielen ungehobenen Schätze (in der Alte-Musik-Sparte z. B. Graupner und Stölzel).

Sebastian Solte

Foto © Wilfried Hösl
Foto © Wilfried Hösl

Talk of the town: Kirill Petrenko mit seinen derzeit noch rar gesäten Konzerten bei den Berliner Philharmonikern sollte man sich am 12., 13. oder 14. April nicht entgehen lassen, zumal das Programm mit Dukas (kein Zauberlehrling!), Prokofjew und Schmidt wie fast immer zu überraschen vermag.

Into the unknown: Eventuell könnte man nach einer Reihe namens »Music for Hotel Bars« Ausschau halten, bei der möglicherweise Genoël von Lilienstern, Neo Hülcker / Neele Hülcker, Leo Hofmann, Anna Jandt, Martin Hiendl und Mark Barden was machen mit Phoenix16, Kaleidoskop und Zafraan. Bitte aber noch nicht weitersagen, laut Bastian Zimmermann handelt es sich bislang nur um unbestätigte Gerüchte!

L’état et moi: Wie wär’s mit ein bisschen weniger Glamour und Starkult? Und stattdessen mehr Originalität und Substanz? Und könnte man bitte mal generell Komposita mit »Star-« verbieten lassen, insbesondere in Pressemitteilungen und Agenturmeldungen, die überall blind reproduziert werden? Ach ja, bei dieser Gelegenheit dann bitte auch gleich den »ECHO Klassik« und die stupide Berichterstattung darüber abschaffen, herzlichen Dank!

Irene Suchy

Talk of the town: Ich wünschte, es wäre musicafemina. Es ist die erste Musikausstellung seit 30 Jahren in Österreich und die erste große Frauenmusikausstellung überhaupt. Es ist der schönste Rahmen, die Orangerie in Schönbrunn, und hat ganz einfach zum Ziel: die Sichtbarmachung der Oeuvres der Frauen. Alle Plattformen, Verlage, Konzertreihen und Musikinstitutionen sind aufgefordert, ihr Frauenmusikschaffen einzubringen!

Into the unknown: Eine Vision, eine Utopie; sowie einst, in den 1920er Jahren das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dem Zeitgenössischen gewidmet war, so ist die Vision, dass die Wiener Philharmoniker bei ihrem nächsten Neujahrskonzert und bei ihrem Sommernachtskonzert etwas Zeitgenössisches einfügen! Deutschlands Metzmacher macht es vor und das Publikum läuft nicht weg! Wieso auch?

L’état et moi: Wieder ein Wunsch: wenn wir über das Poltische im Musikleben reden, dann immer nur über Zeiten, die mindestens 70 Jahre her sind. Ich wünsche mir, dass die politischen Verbindungen, die Vernetzungen und Brücken und Wege, die zwischen Politik und Musikszene bestehen, nicht nur in der weit vergangenen Vergangenheit oder in weit entfernten Ländern entdeckt, sondern auch in der Gegenwart ausgedrückt werden. Musik ist niemals unpolitisch, sie nimmt Stellung und verlangt dies auch vom Publikum: und wenn’s nur Fernbleiben oder Hinwendung ist.

Clemens K. Thomas

L’état et moi: Musikalische Bildung auf Hochschulebene neu denken! Im Jahr 2018 macht man sich Gedanken über Musikvermittlung für Ungeborene oder Menschen mit Demenz, experimentiert mit Konzertformaten, tüftelt an Labormusikschulen, bringt Musik in die digitale Welt oder investiert in Kulturelle Bildung an Schulen. Und an den 24 deutschen Musikhochschulen? Werden Probespielstellen gepaukt, Wettbewerbe vorbereitet, Rising Stars ausgerufen — Exzellenz-Blabla. Ernsthaft: wir brauchen eine Reformmusikhochschule, eine Zukunftsmusik-Hochschule, ein Start-Up für musikalische Hochschulbildung. Die Musikhochschulen sind in die Jahre gekommene Ackergäule und Zuchthengste — ich wünsche mir ein Fohlen. (Klein, süß und flauschig!)

Kerstin Unseld

Talk of the town: Ganz klar: Currentzis’ Bruckner am 18. Januar in Stuttgart. Ein wuchtiges Werk (Neunte) zu einer wuchtigen Premiere. Eine mit Erwartungen. Teodor Currentzis sagt »Ohne Spiritualität ist alles nichts«. Der designierte erste Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters startet in ein neues Jahr. Das kann man übrigens auch im Live-Videostream hören.

Into the unknown: Das mit dem Insider-Tipp nehme ich jetzt wörtlich. Ich möchte nach Innen zeigen und auf das, was dort unerwartet – unknown ist. Wir schauen und hören viel nach außen. Lauschen nach dem Unbekannten, getrieben vom Wunsch, Neues zu erfahren. Dieses Drängen nach Neuem ist fürs tiefe Hören manchmal irgendwie störend. Zugegeben: »Into the Unknown«-Hören kann verstörend sein, unkalkulierbar aufwendig. Aber wie bereichernd! Mein Insider-Tipp geht dahin, das Wohlbekannte als das Unbekannte zu begreifen. So wie Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker die Tosca-Partitur im letzten Jahr. Das Ergebnis war umwerfend. Die ›Klassiker‹ des Betriebs sind es, die unsere Aufmerksamkeit brauchen. Das Abnudeln gilts zu verhindern. Drum: Hin(ein)hören. Gilt übrigens auch für zeitgenössische Musik…

L’état et moi: In Donaueschingen werden von nun an nur noch Werke von Beethoven gespielt. Warum? Damit wir alle ausreichend und rechtzeitig vor dem anrollenden Beethovenjubiläum Gelegenheit bekommen, das Neue zu hören: die zeitgenossenhafte Modernität in Beethovens Musik, von Patina befreit, aus ihrem Kanon-Korsett entblättert, von Erwartungen geputzt, rein und sehr schön und aufrecht. Im Umkehrschluss würde dann natürlich Zeitgenössische Musik an jene Stellen im Konzertprogramm rutschen, die sonst die üblichen Beethovensinfonien einnehmen.

Benedikt von Bernstorff

Vasily Petrenko • Foto © Mark McNulty
Vasily Petrenko • Foto © Mark McNulty

Talk of the town: Die nächste Spielzeit der Berliner Philharmoniker dürfte spannend werden. Simon Rattle ist dann nicht mehr, Kirill Petrenko noch nicht Chefdirigent des Orchesters. Es bietet sich also die Gelegenheit, die Zusammenarbeit mit vertrauten Gästen zu vertiefen oder neue einzuladen. Da Zubin Mehta krankheitshalber seine Konzerte im Februar absagen musste, kommt es nun bereits in dieser Saison zum kurzfristig angesetzten Debüt von Vasily Petrenko, der mit Kirill nicht verwandt ist. Mir ist kaum ein Dirigent mit einer so eleganten und flexiblen Schlagtechnik bekannt. Ein Kollege sah allerdings die Gefahr, Petrenko könnte sich aufgrund seiner effektvollen Virtuosität als »erstklassiger Dirigent zweitklassiger Musik profilieren«. Zweitklassige Musik steht im komplett von Mehta übernommenen Philharmoniker-Programm immerhin nicht zu erwarten: Neben Stücken von Ravel und Schubert erklingt auch das Violinkonzert von Arnold Schönberg; ein möglicherweise noch unbeliebteres Werk als das berüchtigte Klavierkonzert desselben Komponisten. Zu unrecht, wie Hilary Hahn und Esa-Pekka Salonen vor Jahren mit einer großartigen Aufnahme bewiesen haben.

Into the unknown: Vilde Frang ist natürlich längst kein Geheim-Tipp mehr – Enescus Streichoktett allerdings schon. Die norwegische Geigerin, die ihrer Plattenfirma bereits eine Aufnahme angedroht hat, wird das wenig bekannte Stück am 10. März 2018 mit Freunden in der Laeiszhalle aufführen. Wie Mendelssohn sein identisch besetztes, viel berühmteres Werk hat auch Enescu sein Oktett im Teenager-Alter geschrieben. Ein Geniestreich, der mit schwerblütig-spätromantischer Harmonik und feinster Motiv-Verästelung an Schönbergs fast zeitgleich entstandene Verklärte Nacht denken lässt.

L’état et moi: Der Klassikbetrieb entfernt sich nur mühsam und selten von Programmfolgen nach dem Muster: Uraufführung bzw. Ouvertüre-Solokonzert-Symphonie. Dabei sind die meistgespielten älteren Werke rechtefrei. Es gäbe unendliche Möglichkeiten für unkonventionellere Dramaturgien, von denen gerade die zeitgenössische Musik profitieren würde. Ein furchtloses Potpourrie mit Werken von Monteverdi bis Xenakis, vom Ensemble Kaleidoskop zu seinem 10-jährigen Bestehen aufgeführt, Ligeti und Kurtág als »Vorprogramm« zu Beethovens Violinkonzert in einer Interpretation von Patricia Kopatschinkaja und der Berliner Staatskapelle, François-Xavier Roths Panorama französischer Musik mit den Berliner Philharmonikern, bei dem Varèse und Lully ohne Unterbrechung aufeinander folgten oder die Gegenüberstellung von Sciarrino und Schubert, Matthias Pintscher, Unsuk Chin und Brahms neulich im Konzert von Nils Mönkemeyer und William Youn im Boulez-Saal gehörten für mich zu den unvergesslichsten Musik-Erlebnissen. Davon dürfte es gerne mehr geben.

Hartmut Welscher

Talk of the town: Der Auftrag ist über 20 Jahre alt, vielleicht arbeitet er schon länger dran. Mehrere Male wurde der Uraufführungstermin verschoben, nun ist er für November 2018 an der Mailänder Scala terminiert. György Kurtág wird dann 92 sein. Becketts Fin de Partie hat ihn sein Leben lang begleitet. Das erste Mal sah er das Stück 1957 in Roger Blins Inszenierung in Paris. Das Studienjahr dort markiert den krisenhaften Wendepunkt in Kurtágs Leben und Komponieren. »Ich bin damals ziemlich tief heruntergekommen. In Paris empfand ich bis zur Verzweiflung, dass es in der Welt nichts Wahres gäbe, dass ich keinen Halt in der Wirklichkeit finden konnte«. Zwischen der Musik, die danach folgte, und Beckett gibt es eine Verbindungslinie: beide ziehen ihre emotionale Kraft aus der radikalen Reduktion auf das Notwendigste, dem Ringen um die Essenz. Wie kann es aussehen, wenn sich der Meister der Miniatur gegen Ende seines Lebens der größtmöglichen Kunstform, dem Spektakel »Oper« annimmt? Wie hören sich anderthalb Stunden Kurtág an? Und wie kann man sie inszenieren? 

Into the unknown: Bei Festivalbesuchen ist es oft so: Bis man das zu sehen kriegt, wofür man gekommen ist, muss man ziemlich viele Kröten schlucken. Aus dem Wunsch, den Geschmack möglichst Vieler zu treffen, resultiert oft ein Potpourri mit Hang zur Beliebigkeit. Das Ensemble Resonanz greift nicht nur ziemlich selten daneben bei der Gestaltung eklektischer Programme und neuer Aufführungsformate. Es besitzt auch einen tollen Raum, in dem sich gut feiern lässt. Und man hört und sieht ihnen gerne zu beim Musikmachen. Wenn es im Juni 2018 im Hamburger Resonanzraum erstmals ein eigenes Festival veranstaltet, könnte aus dem Geheimtipp ziemlich schnell der Talk of the Town werden.

L’état et moi: Die Lebendigkeit einer Kultur entsteht aus der Summe der Geschichten, die man sich über sie erzählt. In der Klassikkultur gibt es manchmal zu viel Geschichte und zu wenige Geschichten, zu viel Expertenwissen und zu wenig Ich-Erzählung, zu viel Gleichförmigkeit und zu wenige Risse in der Oberfläche. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen Geschichten über »klassische Musik« erzählen, die für sie selbst – persönlich, biographisch – bedeutsam sind. Dass Musiker_innen weniger Scheu haben vor öffentlichem Dissenz, ob es um Interpretationen oder darum geht, wie man sich als Künstler_in gegenüber Vermarktung und Durchkapitalisierung verhält. Dass Öffentlichkeitsarbeiter der klassischen Musik den alten Slogan beherzigen, dass auch schlechte PR gute PR ist, oder zumindest besser als gar keine. Dass Debatten über Sexismus und sexuellen Missbrauch, über Korruption und Nachhaltigkeit auch in der Klassikkultur geführt werden, und es mehr Journalist_innen gibt, die sich dafür interessieren. ¶