Ein Interview mit der Komponistin Betsy Jolas.

Text · Fotos Betsy Jolas · Datum 1.6.2016

Das erste Mal traf ich die Komponistin Betsy Jolas 2005 in der Provence. Ich hatte ein Stipendium für die Teilnahme an der Académie de Villecroze erhalten, und führte dort Jolas’ Mon Ami für Singstimme und Klavier auf. Es ist ein sehr besonderes Stück, in dem die Pianistin singt und ihre Stimme dabei mit dem Klang des Klaviers vereint. Im Oktober 2015 kontaktierte ich Jolas und fragte, ob ich ihr für ein Interview ein paar Fragen stellen dürfe. Ich war mir unsicher, ob sie sich an mich erinnern konnte. Aber Jolas, die im August 90 wird, antwortete, dass es ihr im Gedächtnis geblieben sei, wie ich Mon Ami gespielt hatte und dass sie sich freue, mit mir zu sprechen. Ich erreichte sie zu Hause in Paris, um mit ihr darüber zu sprechen, wie sich die zeitgenössische Musik während ihrer fast 70jährigen Karriere geändert hat, wie ihre Musik Doktorand/innen frustriert und warum sie sich immer noch nicht auf ihren Lorbeeren ausruht.

VAN: An welchen Kompositionen arbeiten Sie derzeit?

Betsy Jolas: Zuletzt habe ich ein Doppelkonzert für Klavier und Trompete für Roger Muraro und Håkan Hardenberger geschrieben. Außerdem hat im März meine neue Kammeroper Iliade l’amour Premiere (die war am 12. März 2016 in der Pariser Philharmonie, d. Red.), und im Juni werden die Berliner Philharmoniker das Orchesterstück A Little Summer Suite aufführen, das sie in Auftrag gegeben hatten.

Ein Doppelkonzert für Klavier und Trompete ist eine eher ungewöhnliche Instrumentierung, wie kamen Sie auf die Idee?

Der Trompeter Håkan Hardenberger und Roger Muraro waren bei einem Konzert zusammen aufgetreten, aber nicht im selben Stück. Musiker mögen es, nach dem Konzert noch etwas trinken zu gehen, und die beiden begannen dabei, ein paar Ideen hin- und her zu spinnen. Sie wollten mal etwas zusammenspielen und suchten nach einem Komponisten, der ihnen etwas schreibt. Für Roger hatte ich bereits ein Solostück geschrieben, und Håkan war ein Klassenkamerad meines Sohnes, so sind sie auf mich gekommen. Ich hatte gerade ein Stück fertiggeschrieben und saß an einer Uraufführung für das Tanglewood Festival, als ich mitbekam, das Håkan dort am Tag der Premiere ebenfalls spielen würde. Nach dem Konzert ging ich zu ihm und gab ihm den Trompetenpart für das Doppelkonzert.

Sie sind sowohl in den USA als auch in Europa tätig. Gibt es große Unterschiede zwischen den Musikkulturen?

Oh ja, insbesondere die Ausbildung ist sehr unterschiedlich. In Frankreich gibt es zum Beispiel ein System, das wir écriture nennen: Studenten verbringen viel Zeit mit Kontrapunkt, Harmonielehre und Kompositionen des 20. Jahrhundert. In den USA gibt es einen größeren Fokus auf Analyse, sie bilden ihre Ohren nicht aus. Student/innen nutzen dort das Klavier zum Komponieren oder drücken den Play Button ihrer Musiksoftware.

Apropos: Oft scheint es so, als verließen sich zeitgenössische Komponist/innen beim Schreiben mehr und mehr auf die Technologie. Denken Sie, dass technische Geräte effektive Hilfsmittel oder eher schlecht für das kompositorische Handwerk sind?

Es kommt darauf an, wie sie verwendet werden. Ein Komponist muss sich für eine Technik entscheiden, ich persönlich bevorzuge akustische Instrumente. Elektronische Geräte wurden zu spät in meinem langen Leben verfügbar. Ich glaube, dass ich jetzt nicht genug Zeit habe, sie mir anzueignen. Vielleicht würde ich es tun, wenn ich jünger wäre.

DIE BERLINER PHILHARMONIKER FÜHREN IN DEN NÄCHSTEN ZWEI WOCHEN DREI WERKE VON BETSY JOLAS AUF:

Im Rahmen eines Late Night-Konzerts am 4. Juni 2016 spielt Máté Szűcs die beiden Stücke Épisode sixième für Viola solo und Ruht wohl für Viola und Klavier (begleitet von Simon Rattle).

In drei Konzerten am 16., 17. und 18. Juni 2016 dirigiert Simon Rattle die Uraufführung von Jolas’ A Little Summer Suite, ein Auftragswerk der Stiftung Berliner Philharmoniker. 

Für das Konzert am 17. Juni verlosen wir aktuell 1×2 Karten auf unserem Sperrsitz. VAN-Leser/innen können mit einem Gratis 48-Stunden-Ticket das Konzert am 18. Juni live in der Digital Concert Hall verfolgen. Dafür auf der Ticketseite der Digital Concert Hall den Code VAN56PR48 eingeben (gültig bis Sonntag, 19.06.2016 / pro User einmalig einlösbar).

Sie haben eine sehr charakteristische Musiksprache entwickelt. Wie sind Sie da hingekommen? Welche Inspirationsquellen gab es?

Mich hat ›Stil‹ an sich nie sonderlich interessiert, ich habe nur versucht, möglichst klar aufzuschreiben, was in meinem Kopf vorging. Vor einiger Zeit haben ein paar PhD-Student/innen versucht, in meiner Musik Zwölftonreihen nachzuweisen. Sie waren ziemlich frustriert, weil sie keine fanden. Ich habe ihnen geraten, damit aufzuhören. Ich habe kein System, ich kann niemandem beibringen, Musik zu schreiben, die wie meine klingt. Ich kann empfehlen, Bücher zu lesen, in Museen zu gehen, viele Konzerte mit unterschiedlicher Musik zu besuchen. Das ist es, was jeder Künstler tun sollte. Haben Sie bemerkt, dass viele Musiker/innen heutzutage keine Musik mehr mögen? Sie gehen nur zu Konzerten, in denen sie selbst spielen oder wo ihre eigene Musik aufgeführt wird. Aber ich will neugierig bleiben. Du solltest nie denken, schon etwas erreicht zu haben. Selbst an diesem Punkt meiner Karriere bleibe ich voller Unruhe (Orig: stay worried).

Ich glaube, dass besonders jüngere Komponist/innen oft das Gefühl haben, etwas komplett neues erschaffen zu müssen.

Es ist eine Frage der kulturellen Verortung. Meine Musik wurzelt in der gesamten Musikgeschichte, nicht nur in der zeitgenössischen. Ich empfinde das als Privileg, zu all der großen Musik der Vergangenheit eine Verbindung zu haben.

In jedem Kompositionskurs gibt es einen ›Möchtegern-Lachenmann‹. Was halten Sie davon, andere Komponisten zu imitieren?

Imitation ist okay. Es gibt eine Zeit dafür. Ich selbst imitiere und zitiere immer noch relativ oft, nur bemerkt es niemand (lacht). Pierre Boulez pflegte zu sagen: Komponisten sind große Räuber. Er selbst war auch einer. Aber wenn du versuchst, jemand anders zu sein, kannst du es auch gleich sein lassen.

Hat die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, jemals Auswirkungen auf Ihre Karriere gehabt?

Natürlich. Als ich anfing hatte ich keine Rollenmodelle und eine Menge Zweifel an meiner  Fähigkeit, zu komponieren. Es gab damals auch nicht sehr viele Frauen, die Komposition studierten. Ich ging auch nicht besonders gern zu Konzerten von Komponistinnen, ganz einfach, weil ich deren Musik nicht mochte. In den späten 1960er Jahren wurde eines meiner Stücke zum ersten Mal in einem Konzert aufgeführt. Der Rest des Programms war Musik von Boulez und Schönberg. Das war das erste Mal, dass ich mich als Komponistin selbstsicher fühlte. Eigentlich haben Komponistinnen erst vor kurzem Zeit und Raum gefunden, Musik zu erschaffen. Haben Sie Virginia Woolf’s A Room of One’s Own (dt. Ein Zimmer für sich allein) gelesen? Ich habe nach diesem Zimmer mein Leben lang gesucht. Jetzt habe ich es gefunden. Obwohl ich immer wusste, dass ich ein ›normales‹ Leben und Familie haben wollte, ist es immer noch die Musik, die mich zutiefst glücklich macht.

Werden Komponistinnen und Komponisten unterschiedlich behandelt?

Ja. Zum Beispiel wird das Alter von Komponistinnen fast nie angegeben. Das Geburtsdatum männlicher Komponisten wird in Programmen meistens veröffentlicht, bei Frauen fast nie. Ich sage immer: ich bin keine Schauspielerin oder Sängerin. Mein Alter ist kein Geheimnis, jeder weiß, wie alt ich bin.

Viele Menschen diskutieren gerne darüber, ob Frauen und Männer unterschiedlich komponieren. Was meinen Sie?

Man kann nicht unterscheiden, ob ein spezifisches Musikstück von einer Frau oder einem Mann komponiert wurde. Aber die Musik von Frauen kann eine bestimmte Sensibilität haben, die Männer nie erfassen oder erreichen können.

Gab es viele Komponistinnen in Ihrer Klasse, als Sie Studentin waren? Hat sich die Situation seitdem verändert?

Es gab ein paar, aber nur sehr wenige haben danach eine Karriere begonnen. Viele sind einfach verschwunden. Der Anteil von Komponistinnen ist heute gar nicht so anders, auch wenn sich die Situation je nach Land sehr unterscheidet. In Frankreich sind die Zahlen mehr oder weniger gleich geblieben, da gibt es unter 12 Student/innen zwei oder drei Frauen. In den USA ist die Situation besser, auch in Großbritannien gibt es mehr und mehr Kompositionsstudentinnen an den Hochschulen, viele von ihnen asiatischer Herkunft.

Eine Sache die mich immer befremdet hat, ist die Art und Weise, wie die Geschichte von Komponistinnen gelehrt wird. Immer tauchen die Namen Clara Schumann, Fanny Mendelssohn und Alma Mahler auf, obwohl keine von ihnen hauptberuflich Komponistin, sondern in erster Linie die Ehefrau oder Verwandte von berühmten anerkannten männlichen Komponisten war. Warum konzentriert sich die Musikwelt nach wie vor so sehr auf diese, obwohl es eine Reihe unabhängiger und erfolgreicher Komponistinnen gab und gibt?

Ich denke das Problem ist, dass Frauen in fast jedem Gebiet relativ neu sind. Es gibt heute mehr und mehr weibliche Komponisten, Maler, Schriftsteller … aber es wird bestimmt noch ein Jahrhundert dauern, bis man sich daran gewöhnt hat. Bis dahin lass sie einfach reden.

Wie denken Sie über die junge Komponistengeneration? Haben Sie einen guten Tipp oder Ratschlag?

Ich finde einige ein bisschen prätentiös. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, ihre eigenen Werke zur Aufführung zu bringen und gehen nur in Konzerte mit zeitgenössischer Musik. Andere Perioden der Musikgeschichte interessieren sie nicht. Das ist aber eigentlich nicht neu. Was ich auch feststelle ist, dass junge Komponist/innen gut in der Selbstvermarktung sind, aber das ist in Ordnung. Mein Rat ist: ein wahrer Künstler sollte nie das Gefühl haben, etwas ein für alle Mal erreicht zu haben. Bleib neugierig, bleib unruhig! ¶