Reinhard Goebel ist nicht nur Geiger und Gründer des Ensembles Musica Antiqua Köln, sondern auch Dirigent und Musikwissenschaftler. Er weiß so gut wie alles und dabei vieles besser, provoziert auch gerne. Eleonore Büning kennt den Musiker seit Jahrzehnten und hat ihn für einen gemeinsamen Rückblick in Salzburg getroffen.
VAN: Musica Antiqua kam über uns wie eine Revolution. Anders als bei den Bachmotetten, die wir im Kirchenchor sangen und den Mozartsonaten im Geigenunterricht – das war natürlich auch schön – gab es bei Ihnen immer neue Nüsse zu knacken. Das machte Spaß und es war so schön fundamentalistisch. Wie ging das los?
Reinhard Goebel: Ich kam aus der Schule an die Hochschule in den Siebzigern. Damals lasen wir diese gelb eingebundenen Bücher, die hießen Die Gruppe oder Solidarität. Das war meine Lektüre. Deshalb sagte ich mir: ›Mit anderen zusammen wirst Du sicherlich stärker sein, als allein, als Einzelkämpfer.‹ Ich bin also von Klasse zu Klasse gestiefelt und habe gefragt: ›Willst du mit mir spielen?‹ Anfangs waren wir nur zwei oder drei Geigen, wir begleiteten Solo-Kantaten, so etwas wie In dulci jubilo von Buxtehude, [singt: damdam-di-damdida], und zwar so, dass den Leuten die Ohren vom Kopf wegflogen. Wir hatten geübt, wir waren schnell. Jeder von uns wollte das unbedingt machen! Jeder brachte was mit, jeder war für irgendetwas zuständig. Für Intonation, für die Noten und so weiter. Irgendwann merkte ich: Der Sänger kriegt für die Mucke 250 Kröten, und wir Instrumentalisten guckten in die Röhre, mit 30 Mark pro Nase. Da habe ich gesagt: Das können wir auch alleine. So kam das.

