Bis zuletzt soll Gustav Mahler geändert haben an der Partitur seiner fünften Symphonie, zumal das Schlagwerk zurückgenommen. Vielleicht sind deshalb die Becken, die da nach der Trompetenfanfare am Anfang, über dem Tutti-Fortissimo fürs strahlende Finish sorgen, zwei Nummern kleiner als üblich im symphonischen Normalbetrieb. An diesem Abend, an dem das Mahler Academy Orchestra aus Bozen die Fünfte in Köln spielt, ist sowieso fast alles anders. In Köln wurde sie am 18. Oktober 1904 zum ersten Mal gespielt, dirigiert vom immer nervösen, nie zufriedenen Komponisten. Und vermutlich hat sie seitdem nie mehr so geklungen. Verrückt.
Zuletzt habe ich mich in THE SOCIETY über die »Originalklang«-Vorstellung von Anima Eterna Brügge mit Bruckners Romantischer gefreut – interessant, was Pablo Heras-Casado da mit den alten Instrumenten an neuen Klangfarben heraushörte. Das hier aber ist was anderes, eine Stimulation von Herz und Hirn, wie man sie im Konzertsaal selten erlebt. In die Begeisterung mischt sich eine Trauer darüber, dass das so selten passiert, wo so gut und schön und meistens richtig gespielt wird und es doch nicht das ist: eine Himmel- und Höllenfahrt, eine Passage durchs Unerhörte.
Tatsächlich trauen sich Academy-Nachwuchsmusiker:innen, verstärkt um erfahrene Häsinnen und Hasen aus den besten Mahler-Orchestern anderswo, entschieden weiter aus der Deckung. Man konnte es schon bei der radikal wunderbar sprechenden Aufnahme der Neunten hören, und der Eindruck vertiefte sich live mit der Fünften: Es sind nicht nur die Darmsaiten, nicht allein der fein dosierte Vibrato-Einsatz. Die Streicher des Mahler Academy Orchestra wagen ein schon fast unanständiges portamento, Rutschen auf der Saite beim Lagenwechsel, dass es einen schwindelt. Zum Schwindligwerden auch ein so kaum je gehörtes Mikromanagement kleiner Temporückungen auf engstem Raum. Das steigert das Espressivo erheblich, eine Dringlichkeit im Ausloten der Extreme, die Mahler da aufeinander loslässt. So wird plausibel, was die Zeitgenossen an dieser Musik einst verstörte, und was Dirigent Philipp von Steinaecker im Deutschlandfunk schön erklärt: Steinaecker weist darauf hin, dass gerade die frühen Promoter von Mahlers so neuer Musik, der große Bruno Walter etwa, dessen Extreme mit Rücksicht aufs reale Publikum und seine Gewohnheiten etwas zurücknahmen. Der Gang zu den Quellen, die aufwändige Wiederbeschaffung des Instrumentariums der Wiener Philharmoniker um 1900 (als Mahler selbst sich akribisch um eine Neuausstattung kümmerte), ist insofern tatsächlich eine Rekonstruktion des Unerhörten.
Was die Akademisten aus Bozen mit zu Hörfreude ansteckender Spielfreude schaffen, ist ein wirksames Gegengift gegen einen Mahler as usual. Wie sie sich, unter dem famosen Konzertmeister Afanasy Chupin vor den »Durchbrüchen« kollektiv geradezu anschleichen, dann loslassen, das schubst uns Hörende beherzt aus der Komfortzone, haarsträubend und zartfühlend zugleich, und, bei einiger Gewalt, ohne jede Schärfe.
Mehr Leiden, mehr Verzweiflung, mehr Surrealismus, mehr Melancholie, mehr Triumphträume, mehr Verstörung. Mehr Mahler. ¶


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