Dieses Musikgedenkjahr gehört eindeutig Anton Bruckner. Vom bald hundertfünfzigjährigen Arnold Schönberg ist nicht wirklich viel zu hören, selbst die Würdigungen des vor kurzem verstorbenen Wolfgang Rihm fand ich insgesamt merkwürdig verhalten. Aber Bruckner! Die lange und ziemlich illustre Reihe der Gesamteinspielungen wurde um noch ein paar CD-Boxen länger, es gibt Bruckner auf der Orgel oder in sämtlichen Fassungen mit den Varianten obendrauf. Vielleicht sind die Freunde des Großsymphonischen gerade auch etwas Mahler-müde, jedenfalls hat es der Musik-Kathedralenarchitekt aus Linz diesmal zu einer erstaunlichen Zeitgenossenschaft gebracht.
Dabei ist der aktuell prominente Medien-Mainstream hier weniger interessant. Warum man Thielemann mit den Wienern oder Nelsons mit dem Gewandhausorchester hören sollte, wenn man etwa Bruno Walter oder Carl Schuricht haben kann, weiß auch nur Thielemanns PR-Abteilung im Musikfeuilleton der Hamburger Wochenzeitung oder die Deutsche Grammophon. Bruckner*200 bringt viel vom Gleichen, und am ehesten neu ist der Gang zu den Klangquellen. Kent Nagano hat das Concerto Köln nach den famosen Wagner-Projekten mit Rheingold und Walküre vor kurzem mit den Duisburger Philharmonikern zusammengebracht, zu gegenseitiger Inspiration durch Pultnachbarschaften der Historisch-Informierten mit ihren modern-philharmonischen Kolleg:innen. Auf den Pulten lag Bruckners Vierte. – Mit ebender, der vielgeliebten Romantischen, beginnt auch Pablo Heras-Casado einen neuen CD-Zyklus mit Anima Eterna aus Brügge, und so war es jetzt live in der Kölner Philharmonie zu hören, zur Eröffnung der Saison und des Kölner Festivals »Felix«.
Wie »original« so ein Originalklang sein kann, was genau Bruckner hörte, wenn er Bruckner hörte: Wer will es genau wissen? Aber das Wissenwollen macht einen Unterschied. So auch beim Kölner Konzert. Nach dem ersten, wie aus dem Nichts dunkel und warm dräuenden Streicherweben, dem ersten fremd und magisch von fern tönenden Hornruf schien alles möglich. Man hört höchst eigene Klangfarbmischungen, dazu viel Charakter vor allem in den Bläsern, so wird ein Solo der Klarinette, Flöte, Oboe eben mehr als die perfekte Realisierung eines Notentextes, nämlich eine Art persönlicher Mitteilung. Es spricht. Zu hören ist auch, dass sich die alten Instrumente nicht so mühelos perfekt spielen lassen wie ihre modernen Nachkommen. Leichtigkeiten wollen errungen sein! Auch wenn nicht alles glattgeht: Die Mühen am Material machen das klangliche Ergebnis nur noch kostbarer. So wurden weniger die wuchtigen Kathedralsäulen, die Abgründe und Hymnen und üblichen »Höhepunkte« zum Ereignis, sondern ganz andersherum die Fragezeichen, die Bruckner mit entwaffnend freimütiger Ratlosigkeit in das Andante quasi Allegretto gesetzt hat: Musik, die nicht immer schon weiß, wie es weitergeht. Dieser Bruckner kommt von Schubert her, und diese Haltung des forschenden, suchenden Musizierens passt gut dazu. Zum »verweile doch«-Moment des Abends wurde dann ausgerechnet das zarte kleine Trio mitten im flott jagenden Scherzo, ein Blick in eine schönere Welt. Nur so kurz! ¶


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