Tobias Kratzer hat einen Lauf. Regisseur des Jahres, mit Erfolgen in München, Bayreuth und anderswo, und zwar bei Kritik wie Publikum, und sein Start als Intendant der Hamburgischen Staatsoper wird begleitet vom süßen Sound der Sehnsucht nach Neuanfang: Wem wenn nicht ihm wäre das zuzutrauen gerade. Der Kultursenator Carsten Brosda träumt öffentlich von »Kunsterlebnissen, die es so wahrscheinlich noch nie gab«. In der ›FAZ‹ stellte Jürgen Kesting, der Doyen der deutschsprachigen Gesangskritik, dem Gefeierten gleich zu Anfang eine Testfrage; das unter Wagnerleuten beliebte Quiz: Wo steht’s? Und es ging – so ward es uns verhießen – um die Erlösungserwartung von Gurnemanz’ leidender Gralsritterschaft. Er, Kratzer, werde ja wie ein Erlöser erwartet. Der ließ sich auf das Spiel eher nicht ein und wies die unterschwellige Skepsis zurück, ein Parsifal = reiner Tor jedenfalls im Metier Opernintendanz zu sein. Die Stelle sei ihm »fern in Erinnerung«, im Übrigen schmeichelten ihm die Vorschusslorbeeren, aber er wisse schon damit umzugehen.

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Hast du aus Hamburg gehört, hatte mich dazu ein Kollege beim Münchener Mittagessen gefragt, und bezog sich, jenseits von Heilserwartungen, auf die Ankündigung, Wiederaufnahmen, ältere Produktionen – das heißt einen den größeren Teil des Spielplans – nicht mehr einfach kommentarlos runterzuspulen. Jetzt wird geframed:

»Mit FRAMING the REPERTOIRE wird mit Beginn dieser Spielzeit eine neue Programmlinie eingeführt, die sich dem Repertoire der Staatsoper Hamburg widmet. In der Vergangenheit entstandene Inszenierungen werden als Kunstform eigenen Rechts begriffen, an die es sich mit heutigen Perspektiven anzunähern gilt. Mit bewusstem Blick werden die Historizität von Repertoireproduktionen und die ihnen jeweils innewohnenden ästhetischen und zeitgeschichtlichen Dimensionen untersucht. Zugleich werden gegenwärtige Räume geschaffen, um gemeinsam mit anderen Nähe und Distanz zum Gesehenen genauer zu reflektieren. Die Veranstaltungen, bestehend aus Gesprächen, Vorträgen oder künstlerischen Impulsen, setzen sich unter anderem mit Regisseur:innen, Interpretationslinien oder mit Diskursen auseinander, die für spezifische Deutungsansätze zentral waren. Sie kontextualisieren somit das Repertoire.«

So im dicken schicken neuen Spielzeitheft. Erklärt und plausibel wird das Verfahren an fraglos historischem Material, etwa Ruth Berghaus’ epochaler Tristan-Inszenierung aus dem Jahr 1988. Natürlich war der Blick aufs Liebestodgeschehen vor fast vierzig Jahren ein anderer, und natürlich kann man das thematisieren. Bedenklich fand der Kollege, auf diese Weise auch jüngere Produktionen neu zu framen. Finde ich das auch? – Dass Inszenierungen »Kunstformen eigenen Rechts« sind, versteht sich, oder es sollte sich verstehen. Das gilt aber für Berghaus- oder Konwitschny-Klassiker ebenso wie für Aktuelles, etwa Monster’s Paradise, eine neue Trump-Oper von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek. Wie »kongenial« (so die Ankündigung) die ausfallen wird, wird man im nächsten Jahr sehen, schön wär’s. 

Blöd wäre, wenn sich das Framing/Reframing als Besserwisserei an den Vorgängern erweisen würde. Aber im Grunde finde ich das keine schlechte Idee; ein Fußnotenapparat, der Referenzen kenntlich macht, vielleicht ja auch Rezeptionsreflexe: Warum ist das so, warum etwa ruft ein Publikum bravo, wenn eben eine junge Frau an den Verhältnissen zugrunde ging (wie so oft bei Verdi sehr genau gezeigt), warum geht es so oft und immer wieder »nur über ihre Leiche« (E. Bronfen)?

Ein Opern-Repertoirebetrieb ist (auch) ein Museum der Deutungen, Perspektiven, Bildfindungen, da lassen sich wohl, wie im Museum, auch kluge Bildunterschriften finden, womöglich sogar »Interventionen«, kleine Kicks fürs Hirn, das wird vielleicht spannend. Und bestimmt spannend wird das annoncierte Kratzer-Projekt der »Überwindung der Sprachlosigkeit des Publikums«. So sprachlos ist es ja gar nicht, das Publikum. Wenn man es mal fragt, ist allerhand zu hören, auch über liebe, geliebte, bisweilen heftig verteidigte Seh-Gewohnheiten. Die gehören zum Rahmen dazu, und es braucht Mut und Geduld, sich nicht bloß rhetorisch darauf einzulassen, warum am Ende des Tages eine und einer in die Oper geht. Und die vielen anderen nicht. Es wäre dem Kratzer-Team zu wünschen, wenn sie die neuen Rahmungen nicht nur zur Selbstgewisserung nähmen, sondern sie durchlässig bekämen auch für die vielen anderen. Die Hamburger Oper hat derzeit, so lese ich, noch Plätze frei. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹