Die Welt der Oper war lange Zeit vor allem eins: weiß. Als erste Schwarze Sängerin schaffte es die Sopranistin Camilla Williams auf die Bühne eines großen amerikanischen Opernhauses. Als sie 1946 an der New York City Opera als Madame Butterfly debütierte, öffnete sie damit eine Tür, die für  People of Color bis dahin fest verschlossen gewesen war. Williams war außerdem eine engagierte Bürgerrechtlerin und trat 1964 zu Ehren von Martin Luther King auf der Friedensnobelpreisverleihung in Oslo auf.

Zu ihren erfolgreichsten Schüle:innen gehört die Sängerin Janet Williams, lange Zeit Ensemblemitglied an der Berliner Staatsoper und gern gesehene Gast-Solistin an zahlreichen europäischen Opernhäusern sowie der Metropolitan Opera in New York, der San Francisco Opera und der Washington Opera. Heute lebt sie in Berlin, wo sie ein privates Gesangsstudio leitet. Per Zoom erzählt sie mir von ihrer Lehrjahren als Schülerin der legendären Camilla Williams.

VAN: Du hast an der Indiana University in Bloomington bei Camilla Williams studiert. Was war dein erster Eindruck von ihr?

Janet Williams: Ich hatte in einem Buch über sie gelesen – lange bevor ich sie zum ersten Mal traf. Ich wusste also von ihrer außergewöhnlichen Karriere und dass sie in vielerlei Hinsicht eine Pionierin und Wegbereiterin war. Das erste Mal persönlich getroffen habe ich sie, als ich in Indiana für ihre Gesangsklasse vorgesungen habe. Sie war von Kopf bis Fuß in gelb gekleidet und trug einen riesigen Strohhut, das werde ich nie vergessen. Sie wollte eine Mozart-Arie von mir hören, also sang ich ihr Donna Anna vor. Als ich fertig war, musterte sie mich von oben bis unten an und sagte: ›Du hast Talent, aber du singst zu weit hinten. Du musst deine Stimme mehr nach vorne bringen.‹ Ich hatte keine Ahnung, was das heißen sollte. Bis dahin hatte mich noch nie jemand kritisiert. Die Leute hatten mir immer nur gesagt, wie talentiert ich sei. Aber irgendetwas in mir spürte, dass diese Frau wusste, wovon sie sprach, und dass sie mir helfen würde.

Hast du sie jemals auf der Bühne erlebt?

Ja! Damals mussten alle Mitglieder der Fakultät in internen Konzerten auftreten. Camilla sang in diesen Konzerten oft deutsche Lieder, weil sie der Meinung war, dass diese kleinen Vignetten das wahre künstlerische Ausdrucksvermögen einer Sängerin zeigen.

Was hast du an ihrer Kunst am meisten bewundert?

Die Reinheit ihres Klangs. Ihre Art zu singen war von einer Aufrichtigkeit, die nie affektiert wirkte. Als ich sie kennenlernte, war sie schon in ihren Sechzigern und trotzdem klang ihre Stimme immer noch so jugendlich. Außerdem hatte sie eine wirklich unfassbare Höhe. Ihre hohen Bs und Cs waren einfach unglaublich.

Wer wir sind, erfahren wir am Gegenüber, und nur wenige Personen berühren unsere Persönlichkeit tiefer als gute Lehrer für die Sache, die uns am wichtigsten ist. Eine Serie in VAN sammelt Hommagen an musikalische Mentoren und Lehrerinnen. Bisher erschienen: Komponist Toshio Hosokawa über Isang Yun, Cellistin Tanja Tetzlaff über Heinrich Schiff und Geigerin Veronika Eberle über Ana Chumachenco.

Wie würdest du ihren Unterrichtsstil beschreiben?

Ich würde ihn als old school bezeichnen. Sie hat vor allem beschrieben, wie sie selbst gesungen hat. Alle, die von ihr lernten, bekamen die gleichen technischen Übungen und es gab nur diesen einen Weg. Für diejenigen, für die das nicht funktioniert hat, hatte sie nicht viele alternative Methoden auf Lager. Zum Glück habe ich sie verstanden. Ich konnte umsetzen, was sie von mir wollte.

Camilla hat die großen Hauptrollen in Verdi- und Puccini-Opern gesungen,  du hast dir vor allem mit deiner Fähigkeit, schnelle Koloraturen zu singen, einen Namen gemacht. Inwiefern hat dir die Technik, die du von ihr gelernt hast, dabei geholfen? 

Koloraturen sind mir immer leicht gefallen. Camilla hat trotzdem nie geglaubt, dass ich ins Koloraturfach gehöre. Sie fand, dass meine Stimme der ihren sehr ähnlich war. Und das stimmte auch! Für viele der großen Rollen, die sie gesungen hat, war ihre Stimme nämlich eigentlich eher leicht. Damals war es üblich, dass Schwarze Sängerinnen immer Aida sangen. Sie war keine typische Aida, aber sie hat die Rolle mit ihrer eigenen Stimme interpretiert.

Auch mir brachte sie all diese Rollen aus dem schweren Fach bei: Mimi, Violetta und so weiter. Andere Leute wiederum stuften mich anhand der Flexibilität meiner Stimme und meiner kleinen Körpergröße als lyrischen Koloratursopran ein. Und wenn ich diese Rollen dann mit in ihren Unterricht brachte, sagte sie: ›Warum singst du das? Und wann singst du endlich die Butterfly?‹ Aber irgendwann hat sie gemerkt, dass sich mir im Koloraturfach gute Jobchancen boten, und hat ihre Meinung geändert.

Manche Leute erzählen, dass ihnen die Korrekturen ihrer Lehrerin oder ihres Lehrers noch Jahre später beim Üben durch den Kopf schießen. Passiert dir das manchmal?

Das passiert mir vor allem, wenn ich unterrichte. Dann ist es wirklich, als wäre Camilla bei mir. Sie hat zum Beispiel ständig zu mir gesagt: ›Kiefer fallen lassen und anheben!‹ Ich hab dann gefragt: ›Was bitte soll ich anheben?‹ Und sie darauf: ›Den Atem, den Atem!‹ Inzwischen verstehe ich, was sie damit gemeint hat: den inneren Raum zu weiten und die Resonanz der Stimme aufwärts strömen zu lassen. Immer wenn ich eine Sängerin höre, die ihren Klang nicht genügend nach oben lenkt, denke ich sofort: ›Kiefer fallen lassen und anheben!‹

Was ist der beste Rat, den sie dir je gegeben hat?

Camilla war eine große Verfechterin des positiven Denkens. Sie hat fest daran geglaubt, dass, wenn etwas für uns bestimmt ist, es schon seinen Weg zu uns finden wird. Sie hat immer gesagt: ›Schätzchen, wenn du nicht bekommst, was du willst, heißt das, dass Gott etwas Besseres für dich auf Lager hat.‹ Ihr Glaube spielte auch in ihrem Unterricht eine große Rolle. Alle haben das gleiche Mantra von ihr mit auf den Weg bekommen: ›Gott, geh vor mir, hinter mir und an meiner Seite. Gott, umgib mich und sing durch mich.‹ Diese Worte haben mich durch die ganze Welt begleitet. Sie waren mein Gebet vor jedem Auftritt. Sie haben mich fokussiert und daran erinnert, dass ich da draußen nicht alleine stehe, sondern dass der Schöpfer durch mich hindurch die Gabe wirken lässt, die er mir geschenkt hat.

Ist Camilla jemals zu einem deiner Auftritte in Berlin gekommen?

Ja. Sie hat meine Pamina an der Staatsoper gehört und war sehr stolz auf mich. Hinterher sagte sie zu mir: ›Jetzt bist du eine Mozart-Sängerin.‹ Früher hatte sie mir immer wieder eingebläut: ›Wenn du Mozart singen kannst, kannst du alles singen.‹ Das war also ein schönes Kompliment.

Hast du mit ihr an der Pamina gearbeitet?

Ja, natürlich. Sie hat mir beigebracht, wie man die Stimme schweben lässt und wie man Piano singt. Ich habe mir immer Sorgen um meine Mittellage gemacht. Aber Camilla meinte: ›Sopranistinnen werden für ihre hohen Töne bezahlt, Janet. Mach dir keine Sorgen um deine Mittellage, die kommt schon noch, wenn du älter wirst.‹

Hat Camilla jemals darüber gesprochen, wie sich Rassismus auf ihre Karriere ausgewirkt hat?

Sehr oft sogar. Sie hat sehr offen über Rassismus gesprochen und über die Diskriminierung, die sie erlebt hat. Obwohl sie als Sängerin im Scheinwerferlicht der großen Bühne stand, musste sie auf dem Rückweg ins Hotelzimmer oft durch die Küche gehen, weil sie als Schwarze nicht den Vordereingang benutzen durfte. Auf Zugfahrten musste sie wie alle Schwarzen in einem Sonderabteil sitzen. Und dann war da noch der Colourism in der Opernwelt: Für Rollen wie Mimi oder Nedda musste sie ihr Gesicht heller schminken. Es gab außerdem weiße Sänger, die sich weigerten, gemeinsam mit einer schwarzen Sängerin auf der Bühne zu stehen. Zum Glück war der Dirigent der New York City Opera, Laszlo Halasz, immer auf Camillas Seite. Zu solchen Leuten sagte er nur: ›Wenn du ein Problem hast, musst du gehen. Camilla Williams bleibt jedenfalls hier.‹

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Außer Mimi, Nedda, Aida und Butterfly hat sie auch die Bess in Porgy and Bess gesungen, richtig?

Nur auf einer Aufnahme. Sie hat Bess nie auf der Bühne gesungen, und sie war auch absolut dagegen, dass ich jemals in einer Bühnenfassung von Porgy und Bess auftrete. Sie fand, dass die Handlung der Oper für Schwarze erniedrigend sei. Ich meinte zu ihr: ›Aber Camilla, diese Erfahrung gehört zum Schwarzsein dazu!‹, und sie antwortete: ›Es gibt noch andere Erfahrungen, die zum Schwarzsein dazugehören, nur will niemand eine Oper darüber schreiben.‹ Aber ihre Sorge galt in erster Linie meiner Karriere. Sie hatte Angst, dass die Leute mich in eine Schublade stecken würden und ich danach nie wieder andere Rollen bekäme.

Mein erstes Angebot von der Metropolitan Opera in New York war tatsächlich für die Rolle der Clara in Porgy and Bess. Als ich Camilla davon erzählte, gefiel ihr das überhaupt nicht. Sie sagte: ›Wag es ja nicht!‹ Zum Glück hatte ich schon ein anderes Angebot von der San Francisco Opera für Nanetta in Falstaff angenommen. Als Leonore Rosenberg von der künstlerischen Leitung der Met davon erfuhr, meinte sie zu meinem Agenten. ›Das war aber schlau von ihr.‹ Camilla hatte also Recht gehabt. Gott sei Dank ändern sich die Dinge langsam, aber ich habe erlebt, wie viele meiner Freunde, die Porgy and Bess gesungen haben, nie wieder andere Angebote bekommen haben.

Was hat sie dich sonst noch auf ein Leben als Schwarze Sängerin in der überwiegend weißen Opernindustrie vorbereitet?

Sie hat mir geraten, ich selbst zu sein, aber niemals zu vergessen, dass ich Schwarz bin. Ich denke, was sie damit meinte, war: Wenn du es in dieser Branche schaffen willst, stellt man höhere Anforderungen an dich als an deine weißen Kolleginnen. Du musst also immer dein absolut Bestes liefern. Das war für mich ein enormer Druck. Aber auch hier hatte sie Recht. Ich würde sogar behaupten, dass sich daran bis heute nicht viel geändert hat. Von Schwarzen Sängerinnen und Sängern werden immer noch außergewöhnliche Leistungen erwartet.

Deiner Karriere hat es also gut getan, dass du Porgy and Bess aus dem Weg gegangen bist. Gab es noch andere Situationen, in denen Camilla dich vor einem strategisch unklugen Schritt bewahrt hat?

Als ich das erste Mal nach Europa kam, bekam ich ein Angebot für die Rolle der Frau Fluth in Linz. Ich war überglücklich und habe sofort Camilla angerufen. Aber sie fragte nur: ›Wo bitte ist Linz?‹ ›Das ist in Österreich.‹ Sie sagte: ›Also, Salzburg ist in Österreich. Wien ist in Österreich. Diese Häuser kenne ich, aber von Linz habe ich noch nie gehört. Willst du deine Stimme an Linz vergeuden? Ist es das, was du willst?‹ Ich war so wütend, weil sie mir so völlig die Freude verdorben hatte. Aber sie meinte: ›Hör zu, Janet, du bist noch nicht so weit. Wenn du wirklich bereit wärst, hätte Götz Friedrich dich für die Deutsche Oper in Berlin engagiert. Ist es das, was du willst? Oder willst du deine Stimme nach zwei Spielzeiten in Linz lassen? Bevor du vorsingen gehst, musst du deine Ausbildung beenden.‹ Also bin ich zurückgegangen und habe noch ein ganzes weiteres Jahr mit ihr gearbeitet. Erst danach war ich wirklich bereit. Camilla hat mich gelehrt, mir bewusst zu machen, was ich wirklich will und mich nicht mit etwas anderem zufrieden zu geben.

Lässt du das auch in deinen eigenen Unterricht mit einfließen?

Ja, schon. Aber ich bin nicht so sehr darauf bedacht, den Schüler:innen meinen eigenen Willen aufzuzwingen. Ich habe zwar so angefangen, aber inzwischen höre ich genauer darauf, was sie selbst zu sagen haben und lasse sie ihren eigenen Weg finden. Ich mische mich auch nicht so sehr in ihr Privatleben ein, wie Camilla das getan hat. Sie hat Sachen gebracht wie: ›Ich will deinen Freund kennenlernen!‹, nur um dann zu sagen: ›Ich kann ihn nicht leiden, bring ihn nicht mehr mit in mein Studio!‹ Sie war eine Art Mutterfigur für ihre Schülerinnen und Schüler.

Was rätst du den jungen Schwarzen Sänger:innen, die heute in dein Studio kommen?

Ich sage ihnen, dass für sie andere Maßstäbe gelten und dass sie bereit sein müssen, hart dafür zu arbeiten. Wir sprechen auch viel über Haltung und Auftreten. Die Art und Weise, wie sie sich präsentieren, ist sehr wichtig. Natürlich sollten sie sich selbst treu bleiben, aber sie müssen trotzdem in der Lage sein, sich an verschiedene Situationen anzupassen. Camilla hat ständig meinen Kleidungsstil kommentiert: ›Zieh diese großen Ohrringe aus!‹ und ›Wo hast du bloß diesen Mantel her? Der ist so auffällig!‹ Für ein Konzert hatte ich mir mal ein wunderschönes, ärmelloses Kleid genäht. Dazu sagte sie: ›Janet, das Konzert ist am Nachmittag! Es ist vor fünf! Da kannst du nicht mit nackten Schultern auftreten!‹ Und dann hat sie einen ihrer Schals um mich gewickelt.

Die Zeiten sind heute anders. Ich persönlich finde ja, dass junge Sängerinnen und Sänger für ein Vorsingen kein Nasenpiercing tragen sollten, aber ich verstehe auch, dass sie damit ihre Individualität zum Ausdruck bringen wollen. Leider können wir Schwarzen uns diesen Luxus immer noch nicht in vollem Umfang leisten. Besonders hier in Europa, wo einfach nicht so viele Schwarze Opernsänger:innen herumlaufen.

Wenn du Camilla noch eine Frage stellen könntest – wie würde die lauten?

Ich weiß, dass sie viele schwierige Schüler:innen hatte. Trotzdem kam sie jeden Tag mit so viel Enthusiasmus und Motivation in den Unterricht. Ich denke, ich würde sie fragen, woher sie diese Energie genommen hat. Ich vermisse sie sehr. Ich bin einfach so dankbar, dass sie in mein Leben getreten ist. Sie hat mein Leben auf eine Weise berührt, die mich verändert und mir geholfen hat, zu wachsen. ¶

Anna Schors

… lebt in Berlin und arbeitet als freischaffende Sängerin und Musikjournalistin (u.a. für Opernwelt, Crescendo, TAZ). Zu ihren Lehrer:innen gehörte unter anderem Janet Williams.