Ich treffe Ruth Reinhardt an einem kalten Juninachmittag in der Lobby eines Hotels an der Avenida Paulista, dem wirtschaftlichen Zentrum São Paulos. Das merkwürdige Ufogefühl eines Fünf-Sterne-Hotels: Wir könnten genauso gut in Tokio, Kapstadt oder Denver sein. Eine Nacht hier kostet den normalen Besucher mehr als 60 Prozent der Brasilianer:innen im Monat zum Leben zur Verfügung steht. Und wenn man von hier aufbricht zum Sala São Paulo, dem Konzertsaal der Stadt, führt der Weg mitten durch Cracolândia – das Land des Cracks. 

Reinhardt ist zum ersten Mal in Südamerika, sie hat vorab privat eine Woche Peru vorangestellt. Am nächsten Tag wird sie beim Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo (OSESP) debütieren, unter anderem mit Martinůs 4. Sinfonie, die sie im April bereits in Berlin dirigierte. Über das Konzert schrieb Albrecht Selge in VAN: »Unter Reinhardt, bei der Kompetenz und Energie perfekt austariert sind, gelingt dem Orchester ein erstklassiges Martinů-Plädoyer, so wohlgeschichtet und rund schwingt das alles.« 

VAN: Ist das hier das Leben, das Sie sich vorgestellt haben?

Ruth Reinhardt: Nein, absolut nicht. Ich wollte einfach Musik machen und idealerweise mein Leben damit finanzieren können. Wenn’s geht als Dirigentin. Ich hätte mir nie vorgestellt, dass ich rumfliege und die tollsten Orchester der Welt dirigiere. Ich bin natürlich auch nicht immer in 5-Sterne-Hotels untergebracht, manchmal ist man auch irgendwo zwischen einem Highway und dem nächsten … Inzwischen würde ich sagen: Wenn die Orchester auch zu mir in die Schweiz kommen würden, hätte ich nichts dagegen.


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... ist Gründer und Herausgeber von VAN. ✉️ hartmut@van-verlag.com