Sehr wahrscheinlich ist, dass das, was einmal Die Zauberflöte sein würde, oder La Clemenza di Tito, oder Mozarts Requiem, außerhalb von Mozarts Hirn zum ersten Mal so zu hören gewesen, nämlich aus einem überschaubar großen (B 141 x H 78 x T 46) rechteckigen Tastenkasten. Einem Clavichord, das in Mozarts Geburtshausmuseum in Salzburg zu sehen ist und das eigentlich nie zu hören ist. Jetzt aber doch, denn Alexander Gergelyfi, in Linz gebürtiger Spezialist für historische Tasteninstrumente, hat das Museumsstück geweckt, in einem schön komponierten Recital mit Georg Nigl.

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Die Echtheit des Kastens ist durch einen von der Witwe Constanze Mozart in den Resonanzboden eingeklebten Zettel verbürgt: »Auf diesem Clavier hatte mein seliger guter Mann componiert«, nämlich etwa die genannten späten Werke. Zweitens, lese ich im Booklet der neuen Nigl/Gergelyfi-CD Mozart’s Clavichord, ist es bezeugt durch »Tintenflecke am Deckel« – und da sind wir nun schon ganz nah am Allerheiligsten des Mozartbezirks: Mozart, im Todesjahr 1791 Ein Mädchen oder Weiheibchen zum ersten Mal vor sich hinsummend und klimpernd, schauamal, Stanzerl!, oder Fetzen des Requiems, tintenklecksend und jedenfalls auf ebendiesem Kasten spielend, der so anders, zarter, farbenreicher klingt als jedes Cembalo und viel leiser als etwa Beethovens Broadwood-Fortepiano.

Und das Clavichord kann, was weder das Cembalo-Pling noch das Hämmerchen-Klavier können, nämlich durch steten vibrierenden Druck auf den Saiten ein zartes Vibrato erzeugen: »Durch sanftes Auf- und Abwippen der Taste, ohne die Tangente von der Saite zu lösen, entsteht die sogenannte Bebung, auch Zittern genannt«, so Gergelyfi.

Auf Mozart’s Clavichord sind Mozarts subtile Bebungen gut zu hören, so nah sind die Mikrofone der Klangerzeugung gekommen, man spürt sie in der Zauberflöte-Ouvertüre und mit Papageno, beim herzigen Veilchen, weniger beim Marsch aus Clemenza, aber dann wieder sehr beim letzten, ganz todesnahen Lacrimosa. Und es klingt sensationell farbig, innig – und manchmal auch rockig, ziemlich im Geiste des Popstar-Amadeus. Gergelyfi und Nigl gehen es nämlich in gehörig freiem Espressivo und gar nicht akademisch an. Das ist sehr gut so und selbst im Museumsbezirk des Mozart-Allerheiligsten kein bisschen heiligmäßig, vor allem Nigl ist lustig wie rührend und mit Gespür schlawienernd, und in der Karikatur Die Alte KV 517, einem spießigen Lob der guten alten Zeit, »ein bisschen durch die Nase« zu singen, da klingt der Liedkünstler Nigl schon wie HK Gruber, wenn er deklamiert, wie er eine Lust hat.

Weil das Ding so leise ist, taugt es nicht für Konzerte, es war halt das (geliebte) Arbeitsinstrument für Daheim. Und weil es nicht für größere Räume taugt, wird es wenig gespielt – erstaunlich, wenn man endlich seine Qualitäten, unter dem Vergrößerungsglas der Aufnahme aus dem Salzburger Mozart-Museum, entdecken darf, mit allerhand Geräusch als Beifang. Weil es von Natur aus so leise ist, muss nun auch Nigl ganz leise singen, und zusammen entsteht daraus eine ganz erstaunlich unmittelbare Intimität. Tröstlich untröstlich, wie in Abendempfindung, und immer wieder, wie von ganz tief: bebend.

Anfang August wollen sie das bei den Festspielen in Salzburg vor gerade einmal achtzig Zuhörerinnen live bringen, dafür darf Mozarts Original-Clavichord sogar ins Stefan-Zweig-Zentrum transportiert werden. – Wer da dabei sein dürfte! ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹