Die Post aus Wien kommt heuer nur fast von da, nämlich aus der burgenländischen Mini-Metropole Eisenstadt, in der, nach dem bekannten Zitat des großen Haydn, er original werden musste. Ich liebe diesen Satz, deshalb kommt er hier einmal ganz:
»Mein Fürst war mit allen meinen Arbeiten zufrieden, ich erhielt Beyfall, ich konnte als Chef eines Orchesters Versuche machen, beobachten, was den Eindruck hervorbringt, und was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen, wegschneiden, wagen; ich war von der Welt abgesondert. Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so musste ich original werden.«
Das ist, erstens, eine vom schönsten Licht der Aufklärung umsonnte Beschreibung dessen, was man 250 Jahre danach wohl Gelingensbedingungen von Innovation nennen würde; probieren, was geht, oder mit Beckett: wieder scheitern, besser scheitern. Es ist zweitens aber auch eine freundliche Absage an die nervösen Netzwerke der sogenannten großen Welt. Haydn saß, unter seinen Esterházyfürsten, einfach da und schrieb aus der Welt hinter den sieben Bergen für etwa Paris. Bis sein letzter Fürst ihm die Dienste erließ, bei weiteren Bezügen, und der Weltstar aus Eisenstadt nach Wien-Gumpendorf umzog, von da noch zweimal nach London reiste, da gefiel es ihm auch recht gut. In Eisenstadt feiern sie ihren unsterblichen composer in residence mit einem putzigen Haydnhaus, allerhand Nippes und einer überraschend poppigen Ausstellung im Schloss Esterházy, gut so. Am besten gefiel mir das reichlich abgerockte Häuschen mit der selbstgemalt innovativen Parole HIGHDN, später erfahre ich, das war mal der crazy Teeshop in town.

Nach Eisenstadt kam ich, um von da gleich ein paar Kilometer weiter nach St. Margarethen zu tuckern, zur ›Oper im Steinbruch‹, die es dort seit 1996 (Nabucco) gibt und die seit 2019 von dem umtriebigen Daniel Serafin geleitet wird. Um fast fünftausend Klappsitze 24 Mal verkauft zu bekommen, muss er auf die sicheren und zugleich open-air-kompatiblen Sachen setzen, Aida, Turandot, nächstes Jahr dann wieder Tosca. Da erscheint der erste Wagner fast als Risiko, aber Der fliegende Holländer ist ja ein schneller Thriller und mutmaßlich eine gute Einstiegsdroge. Die steil abfallenden Steinbruchklippen machen die norwegische Bucht von Sandvike sehr vorstellbar, wo sich das fetzig blutrot besegelte Zombie-Schiff des zu ewiger Irrfahrt verfluchten Holländers und der geschäftstüchtige Herr Daland treffen und wo die Katastrophengeschichte einer gegenseitigen Projektion ihren Lauf nimmt. Regisseur Philipp M. Krenn hat keine Angst vor dem Cinemascope-Überformat der Steinbruchbühne und reizt deren Höhe aus, indem er sein Senta-Double auf dem Dach eines bedenklich nah an die Klippe gebauten Fischerhäuschens postiert. Das Bild funktioniert, die reale Johanni van Oostrum singt toll, technisch läuft das Ganze wie am Schnürchen, Licht, Videos, Stunts, Koordination, ein Mikroport-Wunder, da wackelt nix. Warum ließ es mich so kalt?
Weil das Monumentaltheater seine Figuren verrät und auch gelegentliche Video-Close-Ups fast immer den richtigen Abstand verpassen, den wir Zuschauenden wohl brauchen, um wirklich Anteil zu nehmen. Was zwischen dem Holländer, Senta und deren unglücklichen Verlobten Erik geschieht und was jeden Tag zwischen Menschen vorkommt, die sich doch unbedingt lieben wollen: der Abgrund zwischen Bild und Wirklichkeit, das alles bleibt gestische Behauptung: immer zu groß. Ginge es anders? – Beim Stöbern durch die Bildwelten der Open-Air-XXL-Theater von Bad Segeberg bis Arena di Verona finde ich überwiegend überschminkte Darsteller, die sich, Arme ausbreitend, größer machen sollen, als sie sind. Seid irgendwie umschlungen. Das klappt aber nicht. Sie schrumpfen. Ein Steinbruch ist kein Ort für Kleinkunst, er schreit nach Spektakel, und 100.000 Leute für musikalisches Theater zu interessieren, ist keine schlechte Idee. Nur schade, wenn dabei bloß die Stunts Effekt machen. Hört auf den weisen Haydn: »Beobachten, was den Eindruck hervorbringt, und was ihn schwächt.« Und, ganz wichtig: wagen. ¶

