Nichts ist fertig. Wir fragen den aktuellen Forschungsstand zu den Klassiker*innen ab. Heute: Was gibt es Neues zum Leben und zur Musik von Richard Wagner? Mit Ulrich Konrad, Professor für Musikwissenschaft an der Universität Würzburg und Projektleiter der historisch-kritischen Gesamtausgabe von Wagners Schriften.

Text · Datum 12.4.2017

Gibt es so etwas wie ›Das große Richard-Wagner-Rätsel‹?

Ein eigentliches Wagner-Rätsel im Sinne einer Frage, die man mit ›Ja‹ oder ›Nein‹ beantworten kann oder einer grundlegenden Information, die man händeringend sucht, gibt es aus meiner Sicht nicht. Es gibt aber viele Fragen, bei denen wir gerne mehr wüssten, über die Mutmaßungen, die wir anstellen, hinaus. Das betrifft vor allem das Biographische. Es gibt immer wieder Bereiche der Biographie Wagners, bei denen wir ›schwimmen‹. Und zwar ›schwimmen‹ wir deswegen, weil wir manche Angaben nur durch Wagner selbst überliefert bekommen haben. Wagner hat aber bei der Darstellung seines eigenen Lebens manches inszeniert oder stark stilisiert. Wir ›schwimmen‹ auch im Hinblick auf die Ausführung und Interpretation seiner Werke, weil sich hier durch die lange Tradition der Aufführungen zweifellos Veränderungen ergeben haben, ohne dass wir imstande sind, dieser heutigen Tradition etwas entgegenzustellen, was wir als ›authentischen Wagner‹ bezeichnen können.

https://www.youtube.com/watch?v=6Jggiq2uXu0

Richard Wagner,  Lohengrin, Vorspiel zum 1. Aufzug; Lucerne Festival Orchestra, Claudio Abbado (Dirigent); Live-Mitschnitt eines Konzerts vom 23. Juni 2013 im KKL Luzern im Rahmen des Lucerne Festivals.

Immer, wenn ich in der Kneipe erzähle, dass Wagner 1837 ein Singspiel mit dem Untertitel ›Die glückliche Bärenfamilie‹ (ganzer Titel: ›Männerlist größer als Frauenlist oder: Die glückliche Bärenfamilie‹) schreiben wollte, glaubt mir niemand. Bis man halt googelt… Helfen Sie mir!

(lacht) Das kann ich gerne verifizieren! Das ist natürlich kein Werk, das fertig komponiert worden ist. Es gibt aber von Wagner tatsächlich eine Reihe von Dramen-Entwürfen, die er vertonen wollte – und die er dann aus unterschiedlichen Gründen nicht in Musik gesetzt hat. Dabei handelt es sich also um Opern-Libretti ohne Musik.

Mit welchen Werken von Wagner beschäftigen Sie sich gerade?

Mein großes Projekt, an dem ich schon seit einigen Jahren arbeite und das mich auch noch bis in die 20er Jahre beschäftigen wird, ist eine historisch-kritische Ausgabe der Schriften Wagners. In der Regel nehmen wir Wagner ja in erster Linie als Komponisten wahr – und dann als Dichter seiner eigenen Musikdramen. Aber wir vergessen darüber, dass Wagner sein ganzes Leben lang auch Publizist war; angefangen als 21-Jähriger bis buchstäblich zu seinem letzten Atemzug. Ihm war es ein großes Bedürfnis, zu schreiben. Und zwar nicht nur über sein eigenes Werk, sondern über ›Gott und die Welt‹. Über alle großen Themen: Kunst, Gesellschaft, Religion, Zukunftsentwicklung, bis hin zur Frage der Tierversuche. Zu allen diesen Dingen hat er sich geäußert. Am Ende seines Lebens resultierte daraus dann ein schriftstellerisches Oeuvre von über viertausend Druckseiten Umfang. Wagner selbst hat 1871 eine Gesamtausgabe seiner bis dahin erschienenen Schriften herausgebracht. Die ist dann nach seinem Tode vervollständigt worden. Diese Texte sind aber, von einigen Ausnahmen abgesehen, nie historisch-kritisch ediert und auch nie gründlich kommentiert worden. Das ist das, was mich jetzt hauptsächlich beschäftigt und was ich in den kommenden Jahren wissenschaftlich aufarbeiten will.

Das ist ja ein komplexes Unterfangen, gerade angesichts von Aufsätzen wie Wagners Abhandlung ›Das Judenthum in der Musik‹ von 1850…

Richtig. Deshalb wird die Hälfte dieses Projektes aus Kommentarbänden zu den jeweiligen Schriften Wagners bestehen. Dort werden wir dann die Aufsätze und einzelne kommentarbedürftige Stellen erörtern und auch diskutieren. Mir kommt es darauf an, diese Schriften nicht aus der späten Perspektive der Nachwelt zu betrachten, also von der Sichtweise her, was daraus geworden ist. Wir diskutieren die jeweiligen Texte aus der Perspektive, aus der heraus sie Wagner selbst in seiner Zeit verfasst hat. Ich möchte die Historizität der Texte wiederherstellen. Das ist auch deswegen von Belang, weil Wagner später, als er an seiner eigenen Gesamtausgabe saß, in die Texte selbst eingegriffen hat – und zwar von dem jeweiligen für ihn damals aktuellen Stand aus. Ich möchte einfach darstellen: Wie hat Wagner 1835 und 1840, 1850, 1870 oder 1880 gedacht? Um eben auch zu zeigen, wie sich die Standpunkte Wagners entwickelt und gewandelt haben. Das ist mir ganz wichtig. Denn das sind Texte, mit denen man bis heute einfach so umgeht und viel zu selten fragt, was genau Wagner sich in dem jeweiligen Moment eigentlich dabei gedacht hat. Und selbstverständlich tue ich das als Wissenschaftler und nicht als ›Wagnerianer‹. Bei Wagner gibt es sehr problematische Texte, die seine Art des Denkens und seine Überzeugungen betreffen – und die Problematik muss natürlich ohne Wenn und Aber benannt werden, aber eben im Kontext ihrer Zeit. Das soll Dinge nicht relativieren, sondern nur historisch korrekt verorten.

»Auch ›Der fliegende Holländer‹ ist ein guter Einstieg mit einer brisanten und spannenden Story.« Hier die Bayreuther Inszenierung von Harry Kupfer, dirigiert von Woldemar Nelsson, 1986.

Es gibt ja dieses sehr kontroverse Buch von Marc A. Weiner aus dem Jahr 2000: ›Antisemitische Fantasien‹. Darin geht der Autor so weit, dass er meint, man könne sogar in Wagners Musik Antisemitismus heraushören, beispielsweise angesichts affirmativer Leitmotive ›arischer‹ Gestalten wie Siegfried oder Parsifal – im Gegensatz zu ›hässlichen‹ Motiven von vermeintlichen ›Judenrollen‹ wie Alberich, Mime, Beckmesser oder Klingsor. Wie stehen Sie dazu?

Das Buch von Weiner markiert den einen extremen Punkt in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus von Wagner. Der andere besagt: Ach, das spielt alles gar keine Rolle, musikalisch sowieso nicht! Diese Schrift könne man vernachlässigen. Das sei gewissermaßen ein ›Ausrutscher‹, weil Wagner schlecht gelaunt war. Das sind beides extreme Positionen. Ich glaube, man muss den Aufsatz zunächst einmal in der ersten und auch in der zweiten Auflage anschauen, um dann zu versuchen, die Aussagen, die Wagner da formuliert hat, zu verstehen. Da muss man beispielsweise sehen, dass die Publikation von ›Das Judenthum in der Musik‹ in den Kontext der großen Reform-Schriften gehört, die Wagner in Zürich und Dresden schreibt, also ›Die Kunst und die Revolution‹ (1848-49), ›Das Kunstwerk der Zukunft‹ (1849-52) und ›Oper und Drama‹ (1850-51). In ›Das Judenthum in der Musik‹ denkt Wagner also nicht nur über Musik und Kunst allgemein nach, sondern über die gesamte Gesellschaft. Außerdem ist Antisemitismus zu der Zeit nicht nur ein Thema Wagners, sondern leider ein Thema der europäischen Geschichte schlechthin. Seit dem Mittelalter. So braucht man also nicht festzustellen: ›Wagner äußert sich antisemitisch.‹ Die Frage muss lauten: ›Fügt er der Tradition des Antisemitismus in Europa etwas hinzu, was es so noch nicht gegeben hat?‹. Und da muss man sagen: Antisemitismus in der Musik hat es in dieser Hinsicht bisher nicht gegeben. Da hat Wagner ein Thema für sich entdeckt, mit dem er auch Aufsehen erregen wollte. Weiter: Welche Folgen hat das gehabt? Ist es tatsächlich so, dass diese Schrift von 1850 gleichsam schon den Weg vorzeichnet hin zu der sogenannten Endlösung der Judenfrage im Nationalsozialismus? Und zuletzt gibt es die Frage: Hat dieser Antisemitismus in Wagners Musik Spuren hinterlassen, beispielsweise im Zusammenhang mit der Gestaltung der von Ihnen genannten Figuren, gipfelnd bei Mime im Verhältnis zu Siegfried. Und das ist ein Streit, den ich als Wissenschaftler nicht schlichten kann. Wenn ich das wollte, dann bräuchte ich dafür klare Kriterien, die eine Ja- oder Nein-Antwort ermöglichen würden – und die gibt es nicht. Das bleibt eine Interpretationsfrage. Ich neige eher selbst dazu – sowohl bei Beckmesser als auch bei Mime – keine vorsätzlichen Juden-Karikaturen darin zu sehen. Aber das kann man durchaus anders bewerten.

Können Sie bei sich selbst immer zwischen dem Wissenschaftler und dem Privatmann, der sich mit Wagner so gründlich auseinandersetzt, unterscheiden?

Natürlich führt die intensive Beschäftigung mit der Biographie einer komplexen Persönlichkeit wie derjenigen Wagners irgendwann dazu, dass man meint, man würde diese Person jetzt besser verstehen. Darüber kann man lange diskutieren. Mein Ansatz ist: Ich versuche – egal, worüber ich aktuell wissenschaftlich arbeite – immer, die Basis, von der aus ich argumentiere, gesichert zu wissen. Das ist ja ein großes Problem der ganzen Wagner-Publizistik! Es ist, Marx und Jesus ausgenommen, wohl über niemanden so viel geschrieben worden wie über Wagner. Eine Flut von Publikationen, die kein Mensch mehr überschauen kann. Trotzdem ist vor noch nicht einmal vierzig Jahren von prominenter Stelle gesagt worden: ›Na ja, die Wagner-Forschung ist ja gerade einmal in ihren Anfängen begriffen.‹ Damit war gemeint, dass wir versuchen, Briefe, Schriften und seine Musik, also all das, was authentisch von Wagner selbst stammt, in der bestmöglichen Weise zugänglich zu machen. Und da sind wir in mancher Hinsicht noch lange nicht am Ende angelangt. Erst in den 1970er Jahren hat man damit begonnen, Wagners Briefe in einer kritischen Edition vorzulegen. Es existieren inzwischen fünfundzwanzig Bände. In diesen nach Jahren geordneten Briefbänden findet man ungefähr je dreihundert Seiten Briefe und dreihundert Seiten Kommentar. Man versucht also, alle Briefe Wagners zu eruieren, die es überhaupt gibt, möglichst im Original. Und dann versucht man, jede Stelle, die vom Inhalt her heute nicht mehr selbsterklärend ist, mit historischen Methoden zu erhellen. Wenn also diese Ausgabe einmal fertig gestellt ist, dann wird man sagen können: ›Jetzt haben wir – zumindest, was die Briefe Wagners angeht – eine sichere Argumentationsbasis.‹ Das ist auch mit den Werken selbst geschehen. Die kritische Ausgabe sämtlicher musikalischer Werke wurde 1970 begonnen und ist nun abgeschlossen. Und genau das muss jetzt mit den Schriften Wagners geschehen. Das gab es bisher überhaupt nicht! Die Schriften stehen da einfach unkommentiert herum und kein Mensch kennt den genauen Textstatus. Wir haben deswegen im Nachlass über 20.000 Seiten gesichtet, um nachzuvollziehen: Wie hat Wagner gedacht? Was hat er tatsächlich geschrieben? Was hat er letztlich als Text autorisiert? Die große Autobiographie Wagners – ›Mein Leben‹, kein historisches Werk im Sinne einer ›objektiven‹ Beschreibung seines eigenen Lebens – ist eine maßlose Inszenierung der eigenen Laufbahn. Dieses Werk ist bis heute nicht wissenschaftlich kommentiert worden! Alle Biographen gehen diesem Werk gewissermaßen auf den Leim, folgen der Wagnerschen Darstellung seines eigenen Lebens, ohne dass man erst einmal Satz für Satz überprüft, was  eigentlich stimmt von dem, was Wagner erzählt. Das ist das, was mich antreibt. Bei allem, was ich wissenschaftlich tue, habe ich als erstes Grundgefühl den Zweifel. Ich glaube das alles erst einmal nicht, was ich lese, höre und dargestellt auffinde! Ich versuche, Satz für Satz, Aussage für Aussage, Faktum für Faktum zu überprüfen, um zu zeigen: Wo kommt das her? Und dabei muss ich mich auch immer fragen: Woher weiß ich das selbst gerade? Und ist das richtig, wenn ich aus der Aussage A eine Aussage B folgen lasse? Gerade bei einem so unglaublich wirkungsmächtigen und bis heute auch so kontrovers rezipierten Künstler wie Richard Wagner sind eine kritische Haltung und Zweifel die erste Tugend.

Sind Sie als Wagner-Forscher besonders kritisch, wenn Sie sich eine Inszenierung einer Wagner-Oper anschauen? Oder sind Sie da dann nur der ›Fan‹?

Das ist ja in etwa so, als wenn Sie einen Koch fragen, wie es für ihn ist, von anderen bekocht zu werden… Man kann eine gewisse ›déformation professionnelle‹ als jemand, der sich von frühester Jugend an mit Musik und mit musikhistorischen Fragen beschäftigt, nicht abstreiten. Ich kann den Schalter nicht auf ›Null‹ stellen, das geht nicht. Aber wenn ich in eine Opernaufführung oder in ein Konzert gehe, dann kann ich auch einfach der Mensch sein, der – wie alle anderen um mich herum – hört. Vielleicht bin ich dabei nicht ganz so empfänglich für alle möglichen Mythen um diese ›Wagnerei‹ herum. Aber ich kann selbstverständlich auch heute noch die Musik von Grund auf erleben und mich wie jeder andere auch herzlich freuen, wenn etwas für mein Empfinden richtig gelingt – genauso, wie ich mich richtig ärgern kann, wenn mir Dinge nicht gefallen oder ich der Meinung bin, dass das auf der Bühne da gerade ganz gegen die Intention des Autors geht, so, wie ich sie verstehe.

Sind eigentlich noch originale Schriftstücke Wagners auf dem Auktionsmarkt?

Der allergrößte Bestand befindet sich im Nachlass in Bayreuth. Sie können aber mit einigem Geschick jedes Jahr ein paar Wagner-Autographe kaufen oder ersteigern. Vor allem Briefe und Aufzeichnungen. Bei der Musik ist es schwieriger. Gelegentlich taucht ein Album- oder ein Skizzenblatt auf. Verschollen sind dagegen einige Originalpartituren, etwa von ›Rienzi‹ und von Teilen des ›Rings‹, die . Man kann die ganz pessimistische Annahme hegen, dass sie zerstört wurden. Vielleicht wurden sie aber auch gerettet und befinden sich gerade an irgendeinem geheimen Ort auf der Welt. Da wäre eventuell noch eine Sensation zu erwarten. Dass alle Wagner-Materialien inzwischen geborgen seien, kann man absolut nicht sagen.

Welches Werk würden Sie einem Wagner-Einsteiger empfehlen?

Eines, das noch nicht so sehr ausladend ist, beispielsweise ›Rheingold‹ aus dem ›Ring‹. Damit kann man gut in die Welt von Wagners Musikdrama hineinfinden. Auch ›Der fliegende Holländer‹ ist ein guter Einstieg mit einer brisanten und spannenden Story. Und in der Musik ist vieles enthalten, was sehr typisch für Wagner ist. ¶

›Welches Werk würden Sie einem Wagner-Einsteiger empfehlen?‹ – ›Eines, das noch nicht so sehr ausladend ist, beispielsweise ›Rheingold‹ aus dem ›Ring‹. Damit kann man gut in die Welt von Wagners Musikdrama hineinfinden.‹ Hier eine Inszenierung des katalanischen Kollektivs La Fura dels Baus.

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er leitet unter anderem eine 360-Grad-Konzertreihe mit astronomischem Einschlag im Zeiss-Großplanetarium Berlin und schreibt Musik und Texte. Lücker ist Erfinder des Sinfon-O-Maten und des Oper-O-Maten.