Deutschen Schulen macht vor allem der Lehrkräftemangel zu schaffen. Das zeigt das jüngst veröffentlichte Schulbarometer, eine von der Robert Bosch Stiftung durchgeführte repräsentative Befragung von Schulleitungen. Laut deren Einschätzungen haben etwa 35 Prozent der Schüler:innen deutliche Lernrückstände, der Anteil sei noch erheblich höher an Schulen, an denen weniger als 50 Prozent der Schüler:innen zuhause Deutsch sprechen. Mehr als drei Viertel der Schulleitungen (78 Prozent) meinen, dass sie einigen Schüler:innen nicht die adäquate Unterstützung beim Lernen bieten können – unter anderem, weil es nicht genug Lehrkräfte gibt. Was bedeutet diese Mangellage für den Musikunterricht?

Vor allem für die Grundschule fehlen im Fach Musik ganz akut Lehrkräfte. Das zeigt eine im März 2020 veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung. Eigentlich soll in allen Bundesländern in der Grundschule kontinuierlich Musik unterrichtet werden, wobei die Zahlen der vorgeschriebenen Stunden schwanken – von durchschnittlich einer Stunde pro Woche (Bayern und Mecklenburg Vorpommern) bis durchschnittlich zwei Stunden pro Woche (Berlin, Bremen und Rheinland-Pfalz) in den ersten vier Schuljahren. Laut Studie findet jedoch in einigen Bundesländern nur weniger als die Hälfte des geplanten Musikunterrichts in Grundschulen wirklich statt, zum Beispiel in Baden-Württemberg, Hamburg und Rheinland-Pfalz, auch die meisten anderen Bundesländer bleiben deutlich hinter den anvisierten Stundenzahlen zurück. Um den von den Ländern angedachten Umfang an Musikunterricht fachgerecht unterrichten zu können, bräuchte es bundesweit gut 40.000 Musiklehrkräfte, so die Studie. Allerdings sind aktuell nur gut 17.000 ausgebildete Musiklehrkräfte in der Grundschule tätig, es fehlen also gut 23.000 Grundschul-Musiklehrer:innen. Nur 42,8 Prozent des Pflichtunterrichts in Musik – und damit deutlich weniger als die Hälfte des vorgeschriebenen Unterrichts – werden laut Studie von Musiklehrkräften erteilt. Zwar springen auch nicht speziell für den Musikunterricht ausgebildete Lehrkräfte ein, um diesen zu übernehmen, im schlimmsten Fall fällt der Musikunterricht jedoch einfach aus. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise haben 5 Prozent der Grundschulkinder laut Studie keinen Musikunterricht. In Schleswig-Holstein besuchen 2,7 Prozent und in Thüringen 9,6 Prozent der Kinder Schulen, an denen überhaupt kein Musikunterricht erteilt wird. 

»Wenn es niemanden gibt, die oder der gut und qualifiziert Musik unterrichten kann, dann schafft sich das Fach von unten ab«, erklärt Rebekka Hüttmann, Musikpädagogikprofessorin und als Vizepräsidentin der Universität der Künste Berlin zuständig für die dortige Lehrkräftebildung, gegenüber VAN. (An der Universität der Künste sind aktuell gut 460 Studierende mit dem Berufsziel Musiklehramt eingeschrieben, davon 125 für den Unterricht an Grundschulen.) In Berlin entscheiden sich laut Hüttmann viele eigentlich Interessierte gegen den Berufsweg Musiklehrer:in an Grundschulen, weil Musik als im Studium sehr zeitaufwendiges Fach für das Grundschullehramt wie alle anderen Fächer auch nur im Dreierverbund mit den Fächern Deutsch und Mathematik studiert werden kann. »Diese Kombination ist für viele einfach unattraktiv, das muss sich dringend ändern.« Und das betrifft nicht nur Berlin. Alle Musikhochschulen in Deutschland verzeichneten in den letzten Jahren einen Rückgang der Bewerbungszahlen in den Lehramtsstudiengängen, erklärte Hüttmann im September 2022 gegenüber dem Ausschuss für Wissenschaft und Forschung des Berliner Senats.

Das jetzt veröffentlichte Schulbarometer belässt es jedoch nicht bei einer Bestandsaufnahme, sondern macht auch Verbesserungsvorschläge. Einer lautet: »Dass alle Schüler:innen am Ende der Grundschulzeit die Mindeststandards im Lesen, Schreiben und Rechnen erreichen, muss nun absolute Priorität haben.« Hinter dieser Forderung steht eine Entwicklung, die nicht nur aus den Einschätzungen der Schulleiter:innen, sondern auch aus dem Bildungstrend des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) abzulesen ist. Dieses überprüft jährlich durch Tests, ob Schüler:innen die von der Kultusministerkonferenz formulierten Kompetenzziele erfüllen, im Grundschulbereich werden hier lediglich die Fächer Deutsch und Mathematik untersucht. 2021 erreichten 18 Prozent der Grundschüler:innen nicht die Mindeststandards in den Bereichen Lesen und Zuhören, noch schlimmer sah es in Mathematik (22 Prozent unterhalb der Mindeststandards) und Orthographie (30 Prozent unterhalb der Mindeststandards) aus – eine deutliche Verschlechterung gegenüber 2016. Laut Olaf Köller, Gründungsdirektor des IQB, sei dieser Negativtrend nicht allein auf pandemiebedingten Unterrichtsausfall zurückzuführen. Schulschließungen und Homeschooling hätten eine seit zehn Jahren zu beobachtende Entwicklung nur verstärkt. 

Köller stellt darum ganz ähnliche Forderungen wie das aktuelle Schulbarometer. Auf VAN Nachfrage erklärt er: »Die basalen Kompetenzen in Deutsch und Mathematik bilden die Voraussetzung für weitere Lernprozesse.« Heißt: Wer zum Beispiel am Ende der Grundschule selbst leichte Texte nicht lesen kann, wird es auf der Weiterführenden Schule in allen Fächern schwer haben. Darum meint Köller: »Wenn durch den akuten Lehrkräftemangel also befristet Unterricht entfallen muss, halte ich die Konzentration auf die Unterrichtsversorgung in den Kernfächern für zentral.« Im Dezember 2022 machte er hier gegenüber dem Onlinemagazin schulmanagement deutlich, was das für den Musikunterricht bedeuten könnte: Der akute Lehrkräftemangel könne dazu führen, »dass es eine ganze Reihe an Maßnahmen geben wird, die manch einer mit einem Griff in den Giftschrank vergleichen wird, denn angesichts der Lage muss vieles zur Disposition und Diskussion gestellt werden. Angefangen beim Deputat der Lehrkräfte, über den Umgang mit vorzeitigen Pensionierungen bis hin zu einer möglichen Veränderung der Stundentafeln und der Konzentration auf Kernfächer. Möglicherweise wird die eine oder andere Musikstunde ausfallen, um Deutsch- und Mathematikstunden zu sichern.« Köller ist als Leiter von Expert:innengremien wie der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz oder der Expertenkommission zur Schulqualität in Berlin auf dem bildungspolitischen Parkett durchaus präsent und entsprechend einflussreich. Er fordert zwar nicht, so präzisiert er auf VAN Nachfrage, dass der Musikunterricht »systematisch und über einen längeren Zeitraum entfallen« solle. Dennoch könnte sein wiederholt geäußerter Vorschlag, Musikunterricht zugunsten von Deutsch- oder Mathematikstunden hintenan zu stellen – sollte ihm die Politik folgen – dafür sorgen, dass die ohnehin schon in viel zu geringer Zahl vorhandenen Musiklehrkräfte an der Grundschule demnächst auch noch verstärkt für andere Fächer eingesetzt werden. 

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»Noch ist es nicht so weit. Noch gelten die Stundentafeln wieder wie vor der Pandemie«, erklärt dazu Georg Biegholdt, Präsident des Bundesverband Musikunterricht, gegenüber VAN. Aber: »In der tagesaktuellen Auseinandersetzung scheint alles daran gemessen zu werden, ob es dazu taugt, für die Gesellschaft nützliche Menschen hervorzubringen. Die Konzentration auf das Messbare ist aber problematisch.« Die Grundschule habe demgegenüber vielmehr »einen umfassenden Bildungsauftrag, der die gesamte Persönlichkeitsbildung, also die sprachliche, mathematische, naturwissenschaftliche, gesellschaftswissenschaftliche, historische, sportliche und ästhetische Bildung sowie die sozial-emotionale Entwicklung einschließt«. So steht es in einem jüngst veröffentlichten Gutachten zur Förderung basaler Kompetenzen in der Grundschule, verfasst von der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. (Diese Erklärung zum grundsätzlichen Bildungsverständnis findet sich allerdings nur in der Langversion. In der von Bildungspolitiker:innen eventuell häufiger frequentierten 28-seitigen Zusammenfassung fehlt dieser Passus). Die Erhöhung der Lernzeit in Deutsch und Mathematik ist in diesem Gutachten nur ein Verbesserungsvorschlag unter vielen, eine Reduzierung anderer Fächer wird hier – wie vom Vorsitzenden der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK, Olaf Köller, sonst so gerne – nicht ins Spiel gebracht. 

Musik beziehungsweise musische Fächer werden, abgesehen vom Verweis auf den umfassenden Bildungsauftrag der Grundschule, im Gutachten lediglich als Mittel zur Steigerung der sozial-emotionalen Kompetenzen erwähnt. Georg Biegholdt findet das nicht unbedingt problematisch, da nun mal die Kompetenzen insbesondere im sprachlichen und mathematischen Bereich im Zentrum des Gutachtens stünden und sich die Maßnahmen darum auf die Fächer Deutsch und Mathematik fokussierten. Er warnt gegenüber VAN jedoch davor, den Sinn des Unterrichtsfachs Musik auf seine Transfereffekte im Bereich der kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten zu beschränken: »Diese (möglichen) Effekte sollten tatsächlich immer mitgedacht werden, aber – wenn es um Musikalische Bildung geht – nie dominierend werden. Das Schulfach Musik ist kein ›Hilfsfach‹ für die ›richtigen‹ Fächer.« Auch Rebekka Hüttmann vermisst in der bildungspolitischen Debatte den Blick auf den Eigenwert der künstlerischen Fächer, auf »die Tatsache, dass es verschiedene Zugänge und Wahrnehmungsweisen und Deutungen von Welt gibt, nicht nur analytisch-kognitive, und dass es keine Hierarchie gibt zwischen diesen Weltzuwendungen. Es gibt ein riesiges menschliches Ausdrucksbedürfnis und auch dafür sind die Künste wichtig. Menschen brauchen Künste, um Welt zu verstehen, zu erschließen, zu gestalten. Und auch zu verändern, zu innovieren.« Künste brauche es gerade in der Schule, weil diese der einzige Raum sei, in dem sichergestellt werden kann, dass Kinder überhaupt mit ihnen in Kontakt kommen: »Wenn man die Künste da streichen würde, würde das bedeuten, dass es sehr viele Kinder gibt, die den Künsten gar nicht begegnen und das wäre total ungerecht. Der Zugang zu künstlerischer Bildung ist dann den Kindern vorbehalten, denen das durch das Elternhaus ermöglicht wird. Das widerspricht allem, was ich an bildungspolitischer Diskussion gerade mitkriege, nämlich dass die Schule auch eine Gerechtigkeitsaufgabe hat.«

Neue Lehrkräfte – vor allem gut qualifizierte – lassen sich nicht von heute auf morgen durch kurzfristige Umschulungen oder Fortbildungen gewinnen. Das Problem wird uns also noch einige Jahre begleiten, selbst wenn unterdessen alle Weichen gestellt werden, um mehr junge Erwachsene für das Lehramt zu begeistern. Spannend wird, was die Bildungspolitik auf kurze Sicht aus den vorliegenden Studien und Gutachten macht. Zeit ist im Schulkontext eine endliche Ressource, Fachpersonal offenbar noch mehr. Doch auch innerhalb dieser Rahmung gibt es Handlungsmöglichkeiten: die Verbesserung der Unterrichtsqualität, die Einstellung weiterer Sozialarbeiter:innen und Psycholog:innen sowie die kürzlich geforderte Schaffung zusätzlicher IT- und Verwaltungsstellen an Schulen, welche die Lehrkräfte in diesen Bereichen entlasten sollen. Die »Kröte schlucken, dass man auf einzelne Fächer  verzichtet«, wie Olaf Köller es im ZDF formulierte – das kann nicht die (Not-)Lösung sein für eine Grundschulbildung, die diesen Namen wirklich verdient. ¶

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN. merle@van-verlag.com