In den ersten Wochen nach dem russischen Angriff spielte Denys Karachevtsev Bachs Fünfte Cellosuite vor zerbombten Gebäuden in Charkiw. Die Videos davon gingen um die Welt und wurden zu ikonischen Bildern des Kriegsbeginns. Der 30-jährige Karachevtsev ist Cellist am Opernhaus in Charkiw und unterrichtet am dortigen Konservatorium. Seit Juni lebt er in Berlin, gibt weiter online Unterricht und macht sein Konzertexamen an der Anton Rubinstein Musikakademie. Ich treffe ihn an einem Montagabend in Kreuzberg. Denys kommt mit seiner Freundin Anna, einer Dolmetscherin, die im Gespräch ab und an aushilft, wenn es auf Ukrainisch leichter geht, über die Erlebnisse der letzten sieben Monate zu reden. 

VAN: Wie bist du nach Berlin gekommen?

Denys Karachevtsev: Wir haben mit dem Opernhaus im Mai eine Tournee nach Litauen und in die Slowakei gemacht. Die wurde zu einer Art Evakuierungsmission. Ein Teil des Ensembles tourt immer noch, in humanitärer Mission, ein anderer versucht in Charkiw einen kleinen Konzertbetrieb aufrechtzuerhalten und spielt in eher kammermusikalischer Besetzung für unser Publikum und die Armee. Ich versuche, von hier aus mit verschiedenen Projekten auf die Situation in der Ukraine aufmerksam zu machen. 

Kannst du dich noch an den Beginn des Krieges erinnern?

Es war wie im Theater. Ich wachte in der Nacht um vier oder fünf Uhr von den ersten Raketeneinschlägen auf. Ich lebte in einem Viertel genau gegenüber vom Militärflugplatz von Tschuhujiw. Ich schaute aus dem Fenster und der ganze Himmel stand plötzlich in Flammen. Uns war sofort klar, dass der Krieg begonnen hat. Am Morgen sind wir dann zu den Eltern von Anna gefahren, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Meine Mutter lebt nicht mehr in der Ukraine, sondern in der Türkei. Sie hatte mich kurz vor dem Angriff noch in Charkiw besucht, es aber glücklicherweise noch am Tag vorher geschafft, in die Türkei zurückzukehren.

Hattet ihr Vorbereitungen getroffen für den Fall eines russischen Angriffs?

Wir hatten bis zuletzt gehofft, dass es nicht so weit kommt. Aber gleichzeitig war uns bewusst, dass wir für den Fall der Fälle vorbereitet sein müssten. Ich hatte schon eine Tasche gepackt mit den wichtigsten Sachen und in meinem Auto einen vollen Benzinkanister. Der hat sich in den Wochen darauf als sehr nützlich erwiesen, weil ich mit meinem Auto dabei helfen konnte, Menschen zu evakuieren. 

Du hast gesagt, es war wie im Theater. Braucht es eine Weile, bis man realisiert, dass der Krieg nun die neue Realität ist?

Es hat tatsächlich einige Zeit gedauert, bis man realisiert, dass das, was man um sich herum sieht, die grausame Wirklichkeit des Krieges, wirklich passiert. Ich konnte sehr lange das Gefühl nicht loswerden, als wären wir in einem schlechten Film. 

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Du hast dann ein paar Wochen später, am 20. März, damit angefangen, in zerbombten Hausruinen Bachs Fünfte Cellosuite zu spielen. Wie kamst du auf die Idee?

Es gibt künstlerische Ideen, die irgendwie um einen herum in der Luft schweben. Wir wollten der Welt zeigen, was unserer Stadt angetan wird und dass wirklich jede und jeder auf seine eigene Art und Weise helfen kann, auch wenn man keinen militärischen Beruf ausübt, auch als klassisch ausgebildeter Musiker. 

Warum gerade Bach, warum die Fünfte Suite?

Die Musik von Bach hat man immer als eine geistliche Musik wahrgenommen, als würde sie irgendwie auf eine Art und Weise schweben, ein bisschen über allem Weltlichen, aber auch Trost schenkend. Es gibt eine Deutung der Suiten [von Steven Isserlis, d. Red.], dass sie eine Art spirituelle Meditation über das Leben und Leiden Christi sind, mit der Fünften Suite als Porträt der Kreuzigung und der Sechsten als Wiederauferstehung. Das schien mir ganz passend zum aktuellen Leiden in der Ukraine. Und wir hoffen alle, dass wir auferstehen werden. 

Wie hast du die Gebäude ausgesucht?

Es sind fast alles Orte, die ich gut kenne, die mir am Herzen liegen, mit denen ich eine Erinnerung verbinde. Im ersten Video spiele ich zum Beispiel in der Nähe des Theaters, an dem ich gearbeitet habe. Der Park, in dem ich sitze, heißt passenderweise ›Siegespark‹. Wir sind einfach losgefahren und haben die Videos gedreht. Die Angriffe waren damals so stark, dass die meisten Menschen die Schutzbunker wie die U-Bahn Stationen kaum verlassen haben und fast keiner auf der Straße war. Wir hatten einfach Glück, dass uns nichts passiert ist. Irgendwann hatte man aber auch das Gefühl, als würde man sich an die Angriffe und das Risiko gewöhnen. Im Grunde war es egal, was man machte, ob man Einkaufen ging, zu Hause war oder auf der Straße Cello spielte – die Raketen konnten einen überall treffen. 

Deine Videos haben international riesige mediale Resonanz erzeugt, auch im Internet gingen sie viral. Du bist quasi über Nacht berühmt geworden. Hast du das erwartet?

Nein, aber, um auf deine frühere Frage zurückzukommen: Auch das war irgendwie ein bisschen wie im Film, es war keine ›normale‹ Realität, es hatte etwas Irreales. Insofern passte es ganz gut zur Gesamtsituation und hat sich auch nicht unnatürlich angefühlt. Es war einfach alles verschoben. Ich glaube, ich habe das alles unter den Bedingungen gar nicht so hundertprozentig bewusst wahrgenommen, weil die Geschehnisse des Krieges eine solche Wucht hatten. Das Wichtigste an dem Projekt war und bleibt für mich aber, dass ich als Musiker etwas bewirken kann, für mein Land und die Stadt, die ich liebe. Das war und bleibt der Kern. In den ersten Wochen gab es diese Flut von Anfragen, aber mir war immer bewusst, dass das nicht lange anhalten würde und die Aufmerksamkeit mit der Zeit nachlässt. Ich habe das Projekt auch nicht als Antrieb für meine  Karriere betrachtet, obwohl ich danach einige Jobangebote bekommen habe und zu Projekten eingeladen wurde. 

Hast du beim Spielen daran gedacht, wie viele dir vielleicht zusehen und das auch musikalisch bewerten? 

Nein, gar nicht. Es ging darum, unseren kulturellen Widerstand zu zeigen. Natürlich, unter den Umständen, auf der Straße, mit nur einem Durchgang – wir konnten ja nicht mehrmals ansetzen – mit diesem Sound, das kann man nicht mit der Konzertsituation vergleichen, ich habe mich selbst auch nicht nach den ›normalen Kriterien‹ bewertet. Es gab natürlich ›Fehler‹, aber die spielen für mich im Rahmen dieser Performance keine große Rolle. Beim Dreh des sechsten Satzes schlug eine Rakete genau neben uns in einem Wohnblock ein. Das war schrecklich, man kann hören, dass ich plötzlich viel schneller spiele als geplant, weil der Adrenalinspiegel so hoch war. Aber nachdem das Video dann von Yo-Yo Ma geposted wurde, habe ich einfach gedacht: ›Ok, so schlecht kann es nicht gewesen sein.‹ [lacht]

Wie haben dich die letzten sieben Monate als Musiker verändert?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass unsere Kunst nicht nur darin besteht, die Idee der Komponistinnen und Komponisten zum Klingen zu bringen, sondern auch etwas vom eigenen Inneren hinzuzufügen. Insofern spielt jedes Ereignis, das ich erlebt habe, alles, was ich durchgemacht habe, eine Rolle, und die letzten sieben Monate waren in der Hinsicht natürlich besonders extrem. Was ich aber vor allem verstanden habe ist, dass meine eigene Stimme wichtig sein kann. 

Du lebst in Berlin, warst gerade bei einem Festival in Holland, von dem du schöne, harmonische Bilder gepostet hast, gleichzeitig bekommst du die ganzen Informationen und Bilder aus deiner Heimat im Kriegszustand. Wie kriegt man diese Disparität zusammen?

Gute Frage. Ich bin ein Mensch, der versucht, in jeder Situation auch eine helle Seite zu sehen, die gute Seite. Als ich nach Europa kam, war ich natürlich zunächst überrascht, dass die Menschen hier ihr ganz normales Leben weiterführen, weil ich selbst noch in einer ganz anderen Realität lebte. Das Leben ist halt so, selbst die verrücktesten Dinge werden irgendwann zur Normalität, plötzlich gibt es Platz für anderes, man kann nicht ewig im Schockzustand leben. Selbst wir betrachten die verrückten Dinge, die wir jetzt durchmachen, mittlerweile ›professioneller‹: Was können wir tun, was wäre nützlich, was käme in Frage? Ich würde aber nicht sagen, dass der Krieg aus dem Feld der Aufmerksamkeit gerückt ist. Es ist jetzt glaube ich die Aufgabe aller ukrainischer Kunstschaffenden, die Menschen zum Denken und Fühlen anzuregen, damit diese Tragödie, wie wir sie jetzt in der Ukraine erleben, sich nicht wiederholt. 

Es gibt viele Russ:innen, die schon lange in Berlin leben, es werden jetzt vermutlich nochmal einige dazukommen, die vor der Teilmobilisierung fliehen. Kommt es da zu Spannungen?

Das Schöne an Berlin ist, dass hier ganz viele verschiedene Leute zu Hause sind. Es gibt natürlich viele Russen, aber sehr viele haben ihr Land schon vor langer Zeit verlassen, vor dem Angriff, vor der Krim-Annexion, vor dem Krieg im Donbass, weil sie das Regime in Russland nicht länger ausgehalten haben. Was die neu ankommenden Russen angeht, die entweder der Mobilisierung entkommen wollen oder schon aus der Armee desertiert sind, das ist eine sensible Frage. Es ist eine sehr humane Einstellung der deutschen Regierung, dass Deutschland bereit ist, diese Leute aufzunehmen, aber es birgt auch ein Risiko, dass es da zu Konflikten kommen wird.

Wie stehst du zu der Diskussion, ob ukrainische Musiker:innen russisches Repertoire spielen oder mit russischen Musiker:innen auftreten sollten?

Ich finde, es sollte darum gehen, wie man der Ukraine helfen kann. Der Krieg ist jetzt nicht nur auf dem Kampffeld, sondern überall. Putin und sein Regime versuchen, jedes Mittel zu ihren Gunsten zu nutzen: Gas, Öl, aber auch Kultur. Russische Kultur kann zu einer Waffe werden, dessen müssen wir uns bewusst sein. Natürlich sind Putin und russische Kultur nicht dasselbe, aber er versucht, sie so zu instrumentalisieren. Ich persönlich empfinde russische Kultur als vergiftet. Sie fühlt sich so an, das ist traurig. Wir spielen nicht mit russischen Künstler:innen auf einer Bühne und kooperieren mit niemandem unter der russischen Flagge, egal welche Position sie oder er einnimmt, das ist jetzt für uns eine prinzipielle Position. Ich weiß, dass es viele Menschen in Russland gibt, die uns unterstützen. Aber diejenigen, die uns unterstützen und die ganze Situation verstehen, würden uns auch nicht in so eine heikle Position bringen, mit russischen Musiker:innen oder Musik aufzutreten. Sie hätten Verständnis dafür, dass es jetzt nicht an der Zeit ist, auf einer Bühne zu spielen, das kommt nicht in Frage.

Der ukrainische Cellist Denys Karachevtsev, der mit Videos von Bachs Fünfter Cellosuite vor zerbombten Gebäuden in Charkiw bekannt wurde, über Kunst in Zeiten des Krieges, Medienrummel und die russische Kultur als Kampfzone. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Die Gegenoffensive der ukrainischen Armee hat in den letzten Wochen große Teile der besetzten Region Charkiw befreit. Wie ist die aktuelle Lage und Stimmung?

Die Gegenoffensive war natürlich sehr wichtig und die Stimmung ist ziemlich optimistisch. Es wurden auch Ortschaften befreit, die mir persönlich sehr nahe stehen, wie die Stadt Balaklija, wo meine Großeltern wohnten und die mir seit meiner Kindheit sehr vertraut ist. In Charkiw selbst ist es ruhiger geworden, die russischen Truppen stehen nun außerhalb des ukrainischen Staatsgebietes, aber natürlich ist es immer noch nicht entspannt. Wir vertrauen weiterhin auf unsere Regierung und unsere Armee. Wir vermissen alle unser Zuhause und hoffen auf den schnellstmöglichen Sieg. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com