Am Brucknergeburtstag, ausgerechnet, waren die Philharmoniker gar nicht zuhause in Wien, sie brachten ihr Ständchen, die Erste, mit Christian Thielemann im Wolkenturm von Grafenegg dar. Gleichfalls open air gab es eine Vierte im Geburtsort Ansfelden, mit dem Cleveland Orchestra und Franz Welser-Möst. Die Romantische dann nochmal im Musikverein, und endlich Schumanns Klavierkonzert und Tschaikowskys Fünfte. Kann man immer bringen, auch wenn die Kopplung von philharmonischem Mainstream mit Mainstream für keinen Originalitätspreis taugt. Und über die ökologisch-künstlerischen Abwägungsfragen mit Blick auf transatlantische Orchesterreisen ist auch schon viel Bedenkliches geschrieben worden.
Wo sie nun aber schon da sind, die Damen und Herren aus Nordost-USA, soll man auch zuhören und nicht nörgeln. Und hört, nach den initialen Ausrufezeichen des Klaviers im a-Moll-Konzert, gleich einen Holzbläsergesang von derart sprechender Schönheit, feinst nuancierten Herbstfarben, dass alle Bedenken über zu viel CO2 und zu wenig Programmambition für den Moment weggeblasen sind. So ist das mit Musik, jedenfalls wenn sie so gut gespielt wird wie an diesem Abend, mit der Wärme und Homogenität der Streicher, dem euphorisierend strahlenden Blech, der Beseeltheit der Holzbläser. Soviel musikalische Exzellenz, und dies über den Abend hin nicht nachlassend. Welser-Möst: einmal mehr der Maestro des Mezzoforte, nämlich der Hundertundmehr sehr verschiedenen Arten, eine Phrase zwischen bloß laut oder extra leise spielen zu lassen. Soviel Finesse en détail, darüber waltet FWMs heiliger Ernst, kein philharmonisches Angebergetue. Oder wäre auch der ewig strenge Blick bloß Pose?
Interessant gerät bei Schumanns Konzert die Begegnung zwischen einem fast verhalten meisterhaften Musikmachen des Orchesters und dem eher auf Effekt zielenden Víkingur Ólafsson, Blick in den Himmel, mutmaßlich den Geist Schumanns herabflehenwollend. Ob er sich neigte? – Geschmackssache.
Bei Tschaikowsky dann ließ Welser-Möst die Exzellenzen aus Ohio mehr von der Leine, aber alles im Rahmen symphonischer Wohlaufgehobenheit. Herrlich zu hören, aber vor dem Blick in Tschaikowskys Abgründe doch eine Spur zu zurückhaltend. Müsste einen der Einbruch der Katastrophe am Ende des zweiten Satzes nicht doch markerschütternder erwischen? Immerhin bietet der Komponist ja an: con alcuna licenza. Rührend dann aber, wie sich der Dirigent kurz vor Finale, wenn das dunkle Schicksal denn doch noch triumphal niedergerungen wird (einmal noch, bis das in der nächsten Symphonie dann nicht mehr geht), Tschaikowskys Marsch ins Licht einfach vorspielen lässt, Arme unten, der Dirigent als Zuhörer. Happy End, alle froh.
Auf der Ringstraße prallt das Goldene-Saal-Feeling dann hart auf die österreichische Wirklichkeit drei Wochen vor den Nationalratswahlen. »Dein Herz sagt ja«, ruft einem Herbert Kickl, der Kanzlerkandidat der FPÖ, entgegen, die in den Umfragen weit vorn liegt. ›Dein Herz sagt ja‹, das klingt ein bisschen wie ›Du willst es doch auch‹. Und die Frage, was denn?, führt einen mit einem Klick zum Wahlprogramm. Überschrift, ja wirklich: »Festung Österreich.« Liebe Österreicher (auf Deutsch: liebe Thüringer, Sachsen, Brandenburger usw.), wollt ihr das wirklich? Und wollen wir uns den Musikverein als Teil einer kulturellen Festung vorstellen? Aber der Goldene Saal, er hat ja schon manches erlebt. ¶

