Flach ansteigende weiße Treppen führen hinaus ins Dunkle, auf dem dritten Absatz liegen verstreut, als hätte jemand sie dort auf der Flucht vergessen, Krone und Rose und Schwert. Mehr als drei Requisiten braucht es nicht, um an die verhinderte Liebe zweier Königskinder zu erinnern und an einen nicht zu verhindernden Krieg, der alle verschlingt. Eine Story, die sich, so oder ähnlich, schon öfters zugetragen haben soll. Viel zu oft, würde Achim Freyer an dieser Stelle ergänzen. Denn die Geschichte wiederholt sich. Freyer, der Theatertraumbildzauberer, ist tatsächlich unlängst neunzig geworden, zumindest an Jahren. Er ist immer noch so sanft und meinungsstark, wie eh und je.
Eben deshalb, weil er sich, seit seiner DDR-Jugend und Republikflucht, stets einmischte in die Fragen der Zeit; weil die poetischen Bilder und Zeichen, die er als Maler und Bühnenbildner erfindet, verstörend direkt wirken, teils ironisch, teils naiv – und nur scheinbar zeitlos sind. Aus diesen und vielen Gründen mehr stehen Dutzende von Freyers Theaterarbeiten dauerhaft im Repertoire, an vielen Stadttheatern. Einige gelten seit mehr als fünfzig Jahren als Ikonen des Regietheaters, wie die bemalten Stoffkulissen für den Rossini-Barbiere von Ruth Berghaus. Und es kommen immer wieder neue Freyerstücke dazu. Im thüringischen Gera, satte Mehrheit für die Rechten, arbeitet Freyer zurzeit an seiner ersten Inszenierung von Wagners Fliegendem Holländer, Premiere Ende Oktober. Im thüringischen Meiningen, ebenso, hatte letzten Freitag seine Lesart von Verdis Politthriller Don Carlos Premiere. Freyer zeigt die fünfaktige französische Version des Werks, in überarbeiteter Modena-Fassung, die als ein utopisch-romantisches Nachtstück mit Hörnerrufen im Wald von Fontainebleau beginnt.

