Für Symphomanen und Brucknerados hat der wie üblich grauselige Berlin-Dezember nochmal das philharmonische Füllhorn geöffnet: in der ersten Adventswoche die Zweite, in der zweiten die Achte, in der dritten die Neunte. Das heißt zweimal c-Moll und einmal d-Moll, bei abnehmender harmonischer Orientierungs- und Bindungskraft. Und das Ganze mit drei völlig unterschiedlichen dirigentischen Temperamenten. Der Abend mit Simone Young ist am interessantesten, der mit Andris Nelsons am dramatischsten (und für mich am fragwürdigsten), der mit Herbert Blomstedt am berührendsten.
Bezeichnend sind die Kontexte, in den die drei Dirigenten Bruckners Symphonien stellen. Blomstedt koppelt die Neunte gewohnheitsgemäß mit Mozart, Nelsons die Achte (und mit Abstand längste) mit gar nichts anderem, Young die Zweite mit Wolfgang Rihm. Letzteres ist keine moderne Alibi-Beigabe, allein schon wegen der Dauer von einer geschlagenen Dreiviertelstunde; andererseits auch nicht ganz fernliegend, Kent Nagano etwa kombinierte dasselbe Rihmwerk schon 2011 beim Deutschen Symphonieorchester mit Bruckner, damals mit dessen Siebter. Dass Rihms »nächtliche Szene« Das Gehege nun bei den Berliner Philharmonikern unter Simone Young wieder vor Bruckner zu hören ist, passt aber auch deshalb, weil der bereits kranke Rihm in dieser Saison noch einmal Artist in Residence sein sollte; nach seinem Tod im Juli ist er es nun in absence, posthum, ehrenhalber.

