In der Künstlerinnenbiographie Angela Gheorghiu: A Life for Art [Ein Leben für die Kunst] füllt ein langes Interview der Sopranistin mit dem Journalisten Jon Tolansky ein ganzes Buch. Gheorghiu erinnert sich dabei unter anderem an eine Aufführung von La traviata in Salzburg zu Beginn ihrer Karriere. Sie wurde damals bereits nervös, als sie erfuhr, dass der ursprünglich eingeplante Dirigent durch Riccardo Muti ersetzt worden war. Sie hatte ausdrücklich darum gebeten, nicht mit ihm zu arbeiten, da der italienische Maestro, so Gheorghiu, in dem Ruf stand, Musikerinnen und Musiker besonders stark kontrollieren zu wollen. »Ich hatte fünfundzwanzig Jahre Kommunismus erlebt, in denen mir ständig gesagt wurde, was ich zu tun und wie ich es zu tun hatte, und in denen ich keine Meinungsfreiheit hatte«, erinnert sie sich.

Es half nichts: Muti war vom ersten Probentag an dabei und es entwickelte sich eine spannungsgeladene Dynamik, die darin gipfelte, dass der Dirigent den Korrepetitor feuerte und selbst dessen Job übernahm. Am Ende einer Probe tauchte der Tenor Roberto Alagna – Gheorghius Ehemann und enger Freund Mutis – auf, obwohl er nicht zur Besetzung gehörte. »Weil ich dich wie meinen Sohn liebe, lasse ich dich zu meinen Proben kommen«, sagte Muti zu dem Tenor. Alagna konterte: »Weil ich dich wie meinen Vater liebe, singt Angela hier.«

Diese Situation wirkt wie eine Neuauflage von La Traviata, mit zwei Männern, die sich anmaßen, über Gheorghius Kopf hinweg über sie zu entscheiden. Im Gegensatz zu Violetta fügte sich Gheorghiu jedoch nicht. »Ich muss hier La traviata singen«, schnauzte sie die beiden Männer an. »Sie sollten hier eigentlich gar nicht dirigieren und du hast hier nichts zu suchen, also Ruhe bitte… mi lasciate fare?« (»Lasst ihr mich [meine Arbeit] machen?«)

Diese Geschichte ist nur ein Beispiel von vielen, die Gheorghiu über ihre gesamte Karriere begleiten: legendäre Entlassungen und Streitigkeiten, die sie als eine temperamentvolle Diva darstellen, sowohl auf der Bühne als auch abseits davon. Es sind jedoch auch Stimmen zu ihrer Verteidigung zu hören, wie etwa von Marina Poplavskaya in einem Interview aus dem Jahr 2021, in dem sie auf die geschlechtsspezifische Bedeutung des Wortes »Diva« hinwies. Von allen Sopranistinnen, die sie zur Veranschaulichung dieses Punktes anführen konnte, wählte Poplavaksaya Gheorghiu: »In der Zeitung habe ich ekelhafte Artikel über sie gelesen. Wer sind diese Leute? Sie hat ihre Meinung, sie äußert sie höflich. Sie wirft ja niemandem eine Tasse Kaffee ins Gesicht.«

Wie denkt wohl Gheorghiu selbst darüber? Unser Gespräch beginnen wir mit einem ganz anderen Thema: ihrem neuen Album A Te, Puccini, auf dem die selten gespielten Kunstlieder des Komponisten zu hören sind, darunter eine Weltersteinspielung seiner Melanconia. »Wissen Sie, ich glaube sehr, sehr an Aufnahmen«, meint die Sopranistin dazu. Auf der Bühne steht sie aber auch weiterhin: Mit La Bohème des Komponisten kehrt sie jetzt an das Londoner Royal Opera House zurück, wo die Aufführungen am Donnerstag, dem 25. Januar beginnen.


Jetzt abonnieren, um weiterzulesen.

Unbegrenzter Zugang zu allen aktuellen Artikeln und dem Archiv

VAN als unabhängiges Magazin wird maßgeblich über Abos getragen. Mit Ihrem Abo ermöglichen Sie unsere Arbeit und sichern die Zukunft von VAN.


Sie haben schon ein Abo?

… berichtet über Musik und Kunst für Paper, die Washington Post, NPR, Gramophone und andere. Sie war Teil der Redaktion bei Time Out New York und WQXR/Q2 Music. Auf der Bühne der Brooklyn Academy of Music konnte man ihre Texte auch schon hören – beim Next Wave Festival. Seit 2020 ist sie festes Mitglied der VAN Redaktion. olivia@van-verlag.com