Das Schaffen von Nikolaj Karlowitsch Medtner (1880–1951), einem russischen Komponisten und Pianisten mit deutschen Wurzeln, vereint mehrere außergewöhnliche Elemente. Seine Werke sind stets tonal gefestigt, dabei aber von großer rhythmischer und kontrapunktischer Dichte und zeigen sich formal höchst variabel und experimentierfreudig. In ihrer ästhetischen Anlage repräsentiert Medtners Musik einerseits eine Orientierung an deutschsprachiger Kunst und Kultur, insbesondere an der musikalischen Architektur Beethovens und der Poesie Goethes, steht aber im Umfeld des russischen Silbernen Zeitalters zugleich der Ideenwelt des Symbolismus nahe. Medtners zeitlose Formkonzepte erscheinen am faszinierendsten in der Gattung der Sonate, die sich von vierzehn Beiträgen für Klavier solo über instrumentale und vokale Kammermusik bis hin zu seinen drei Klavierkonzerten erstreckt. Viele von Medtners Kompositionen tragen suggestive Attribute oder Untertitel, beispielsweise Tragödie-Fragment, Canzona serenata oder Märchen-Sonate, die auf einen narrativen Hintergrund oder eine metaphysische Bedeutungsebene verweisen und die Werke zu intertextuellen, symbolistisch inspirierten Gattungshybriden werden lassen. In diesem Artikel begegnet uns die slawische Sagengestalt Rusalka, der Medtner mit seinem späten dritten Klavierkonzert ein episch-musikalisches Denkmal setzt.

Medtner war, ebenso wie seine russischen Zeitgenossen Aleksandr Skrjabin und Sergej Rachmaninow, ein composer-pianist: Jede seiner Kompositionen enthält einen Klavierpart, und außer seinen drei Konzerten für Klavier und Orchester hat er, bis auf einige unvollendete Werke und Instrumentationen aus der Jugendzeit, keine symphonische Musik hinterlassen. Allerdings gelten die Konzerte innerhalb des reichhaltigen Repertoires des frühen 20. Jahrhunderts eher als Geheimtipps, derer sich bisher nur eine Handvoll eingeschworener Spezialist:innen annimmt.

