Zwei venezolanische Komponistinnen wurden hier bereits porträtiert: Teresa Carreño (1853–1917) und Josefina Benedetti (*1953). Modesta Bor folgt als dritte komponierende Vertreterin ihres Landes. Geboren wurde sie heute vor genau 96 Jahren, am 15. Juni 1926 auf der Isla Margarita, draußen im Meer, vor der Küste Venezuelas. 1926 wurde das Land von Diktator Juan Vicente Gómez regiert; »mit harter Hand«, wie es so unschön heißt.

Besonders viele Fakten findet man über die frühe Modesta Bor nicht. Erst bekam sie wohl Lektionen in Musiktheorie und Klavier. Zuhause wird mit Sicherheit ein Klavier »herumgestanden« haben, das irgendwann traktiert wurde; vielleicht aber auch regelmäßig durch zumindest einen Elternteil. Der Musikunterricht erfolgte jedenfalls in Juan Griego auf besagter Insel. Später studierte sie am »Escuela Superior de Música José Ángel Lamas« in Caracas – benannt nach José Ángel Lamas (1775–1814), dem, wie man liest, »wichtigen« (musikalisch aber nicht schwergewichtigen) Aushängeschild Venezuelas in Sachen »Klassik«. Bors Studienfächer waren Musiktheorie, Klavier, Musikgeschichte, Ästhetik, Harmonielehre, Orchestration, Kontrapunkt und Komposition; eng orientiert an den musikalischen Fächern der traditionellen mitteleuropäischen Musikschulen und Konservatorien. Modesta Bors Kompositionsprofessor in Caracas war Vicente Emilio Sojo (1887–1974), welcher nicht nur bis heute durchaus gespielte Gitarrenwerke vorlegte, sondern die Gitarre als klassisches Instrument derart in den Fokus der ambitionierten Musiköffentlichkeit rückte, dass man – durch Sojos Mitwirkung – bald auch an den europäischen Konservatorien »Klassische Gitarre« studieren konnte.

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Die folkloristischen Seiten der Musikpraxis (nicht nur in Bezug auf die freilich auch in Venezuela beliebte Gitarre) ihres Heimatlandes ließen auch Modesta Bor nicht kalt; so nahm sie 1948 die Stelle der Musikabteilungsleiterin am Nationalen Forschungsinstitut für Volkskunde in Caracas an. Hier arbeitete sie drei Jahre, bis man bei ihr 1951 schließlich ein Guillain-Barré-Syndrom diagnostizierte – eine neurologische Erkrankung, in deren Verlauf es beispielsweise zu diversen Lähmungen kommen kann. Bis dato hatte Bor offenbar auch eine ambitionierte Laufbahn als Pianistin verfolgt. Wie viele Musikerinnen, die wegen Krankheit, »Bindung ans Haus« (durch Kinder und/oder tyrannische Ehemänner) oder aus anderen Gründen ihre Karrieren als Interpretinnen (meist Klavier und/oder Gesang) unter- oder sogar abbrechen mussten, widmete sich auch Bor nun verstärkt dem Komponieren. Um ihren ästhetischen Erfahrungs- und Möglichkeitsraum in Sachen Komposition noch weiter auszubauen, verließ Modesta Bor ihr Heimatland – und studierte von 1960 bis 1962 am Moskauer Konservatorium bei Armeniens Kompositionslegende Aram Chatschaturjan (1903–1978); bei einem Komponisten also, für den das klingende Interieur der Geschichte seines Mutterlandes ebenso wichtig war wie für viele Komponistinnen und Komponisten, die eben explizit nicht aus der mitteleuropäischen »Filter Bubble« der Lehranstalten von Paris, Wien und Leipzig hervorgingen.

Mit ihren Werken war Bor durchaus schnell erfolgreich. Sie erhielt Preise und Stipendien – und verdingte sich von 1971 bis 1973 beispielsweise für den »Chor der venezolanischen Telefongesellschaft«. Von 1973 bis 1990 unterrichte sie Komposition an einer Musikschule in Caracas und initiierte und dirigierte von 1974 bis 1989 als Musikabteilungsleiterin der Universidad Central de Venezuela viele Musikveranstaltungen dieser Institution. Hinzu kamen Festivals und zahlreiche Publikationen. 1990 zog Bor in den Westen ihres Heimatlandes, nach Mérida, wo sie an der Universidad de los Andes Komposition und andere Fächer unterrichtete.

Modesta Bor starb mit 71 Jahren am 7. April 1998 in Mérida.


Modesta Bor (1926–1998)
7 Sarcasmos für Klavier (1978–1980)

Als vielfältig tätige Chordirigentin folgten viele Chorwerke »auf den Fuß« (beziehungsweise »auf die Stimmen« ihrer Chöre, darunter auch Kindergesangsensembles). Etwa 200 Vokalwerke entstanden, aber auch Kunstlieder, Kammermusiken und Orchesterstücke. Pamela Youngdahl Dees hört in den Werken Bors »Volksmusikelemente kombiniert mit einem Fokus auf Kontrapunktik«. Angesichts von Bors zwischen 1978 und 1980 komponierten 7 Sarcasmos für Klavier (1978–1980) muss man sich vielleicht aber – rein den Titel betrachtend – an Sergei Prokofjews Sarkasmen op. 17 (1912–1914) erinnern. Doch die Sarkasmen von Modesta Bor funktionieren anders.

Selbst aus der Klaviermusik der Komponistin Modesta Bor klingt ihre Erfahrung als Chordirigentin in Argentinien. Ihr Porträt in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Witzig, wie man die Chorleidenschaft Bors allein im ersten Stücke (Moderato) hineininterpretierend mithört: vierstimmiger Satz, rhythmisch einfache Bewegungen, nur die Basssprünge wären vielleicht etwas abenteuerlich für Laienchöre zu realisieren. Beim Hören hängt sich das Ohr wohl auch eher an der lustigen (wie bitteren) Bitonalität auf. Die rhythmische Einfachheit wird durch kleine Ritardando-Inszenierungen leicht ausdifferenziert. Interessant auch, wie Passagen mit deutlicher Melodie-Dominanz in solche eher durchweg ganzheitlich-akkordischer Prägung übergehen. Man denkt möglicherweise an das ein oder andere Stück aus Béla Bartóks Mikrokosmos (1926–1932), wodurch auch die zahlreichen pädagogischen Ausflüge im Leben Modesta Bors mitgedacht wären.

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.