Wenige Wochen vor Claude Debussy (22. August 1862) kam Elisabetha Nina Mary Frederica Lehmann zur Welt. An einem Samstag, 11. Juli 1862, in London. Vermutlich war das Wetter gut. So genau wissen wir das nicht, dabei unternahm der berühmte Meteorologe und Aeronaut James Glaisher (1809–1903) ab 1862 gemeinsam mit dem Ballonfahrer Henry Coxwell (1819–1900) die ersten bedeutenden Wetterballonfahrten, just hier in London. Dem Geburtsort von Liza Lehmann, wie man sie – der Einfachheit halber – nannte.
Lehmanns Familie war künstlerisch hochambitioniert. Ihre Mutter Amelia Lehmann (1838–1903) arbeitete als: Komponistin! Dass auf eine komponierende Mutter eine komponierende Tochter folgte: eine absolute Seltenheit im 19. Jahrhundert! Hatte sich eine Frau gegen Eltern, Ehemann und gesellschaftliche Konventionen durchgesetzt, um Komponistin zu werden, so wurde ihr Leben, ihr Werk, ihr Lebenswerk oft im Nachhinein negativ bewertet – vermutlich, um nachhaltige »Abschreckungsarbeit« zu leisten. »Denk daran, was mit Mami passiert ist!« Als hätten männliche Komponierende sich nicht reihenweise und teilweise offenen Auges ins Verderben (oder zumindest in den Rhein) gestürzt. Doch männliches Scheitern ging immer noch als epische Heroenverzweiflung durch. Für die zukünftigen weiblichen Generationen tonschöpferischer Künstlerinnen sollten es nur Negativbeispiele sein. Und, um auch hier ganz klar zu unterscheiden: Liza Lehmanns Mutter arbeitete hauptberuflich als Sängerin und Musiklehrerin, veröffentlichte aber, wie Silke Wenzel erwähnt, zahlreiche Kompositionen (von denen keine einzige Aufnahme existiert).

