Am 8. Juni 1924 kam Helene Alexander (bald nur noch »Leni« genannt) in Breslau zur Welt. Aber schon 1927 (Leni war drei Jahre alt) zogen die Eltern mit ihr nach Hamburg. Mutter Ilse war eine angesehene Opernsängerin – bis ihr Ehemann sie an der Fortsetzung ihrer sängerischen Laufbahn hinderte. Offenbar war Max Alexander eifersüchtig oder bezeichnete aus anderen (gesellschaftlichen) Gründen das Auftreten seiner Ehefrau als Bühnenkünstlerin als »unschicklich«. Ilse Alexander musste sich fortan auf Oratorien- und Konzertgesang konzentrieren. Und nach dem Verbot von Veranstaltungen mit Beteiligung jüdischer Künstlerinnen und Künstler durfte Ilse Alexander ohnehin nur noch bei Konzerten des Jüdischen Kulturbundes auftreten. Bettina Frankenbach berichtet: »Leni Alexanders Familie war ursprünglich nicht religiös – dies änderte sich erst, nachdem ihre Mutter ein zweites Mal geheiratet hatte. Nach der Scheidung von Max Alexander hatte diese 1932 den Hamburger Rechtsanwalt Dr. Siegfried Urias geheiratet, der Vorsitzender der Baukommission des Tempels in der Oberstraße war (heute Rolf-Liebermann-Studio des NDR). Er brachte Leni Alexander den jüdischen Glauben nahe, und ihre jüdische Identität spielte mit zunehmendem Alter eine immer bedeutendere Rolle in ihrem Leben.«

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Leni Alexander zeigte früh große Talente am Klavier und durfte eine Zeit lang in der Hamburger Steinway-Klavierfabrik auf nagelneuen Instrumenten proben (und vermutlich konzertieren). Im April 1939 gelang es der jüdischen Familie Alexander, über die Niederlande nach Chile zu emigrieren. Überraschend schnell fand sich Leni Alexander in ihrer neuen Heimat zurecht, flugs lernte sie Spanisch. Und bereits mit 17 Jahren heiratete sie den deutschen Architekten Ernst Bodenhöfer, in größerem Abstand folgte die Geburt dreier Kinder. Der große chilenische Pianist Claudio Arrau (1903–1991) half Leni Alexander, in Chile die besten Klavierlehrer zu finden. Zu den Klavierstudien kamen Kontrapunkt- und Harmonielehre-Stunden. Nach einer Montessori-Ausbildung arbeitete Alexander zunächst an einer Institution für Montessori-Pädagogik, wo sie Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung unterrichtete. Gleichzeitig studierte sie Psychologie an der Universität von Santiago de Chile. Der niederländische Pianist und Komponist Fré Focke (1910–1989) wurde zu dieser Zeit ihr Klavier-Mentor.

Leni Alexander wurde zu einer der frühen Gustav-Mahler-Rezipientinnen, in einer Zeit nach dem Krieg, in der Mahler quasi in Vergessenheit geraten war. (Noch 1960 bezeichnete ihn Leonard Bernstein gewissermaßen als »unbekannten Komponisten«.) Bei einem Gastaufenthalt in Frankreich lernte Leni Alexander Pierre Boulez kennen. Seiner Empfehlung, bei Olivier Messiaen und René Leibowitz zu studieren, kam Alexander zwar nach, doch empfand sie gerade Leibowitzs Zwölftonstrenge als kreativ einengend. Ab 1955 gab Leni Alexander nun selbst Kompositionsunterricht, im gleichen Jahr wurde sie Mitglied und bald Aktive im Vorstand der chilenischen Komponistenvereinigung. Ende der 1950er-Jahre beschäftigte sie sich zunehmend mit Elektronischer Musik und bereiste immer wieder Deutschland, zwecks Teilnahme an den legendären Darmstädter Ferienkursen.

Die Komponistin Leni Alexander pendelte zwischen Santiago de Chile, Paris und Darmstadt und empfand Zwölftonstrenge als kreativ einengend. In @vanmusik Klick um zu Tweeten

1969 zog Leni Alexander mit ihrem Sohn nach Paris. Von ihrem Mann hatte sie sich getrennt. Der Rest der Familie folgte im Zuge des Militärputschs in Chile 1973. Alexander engagierte sich nun auch für Amnesty International und andere Wohltätigkeitsorganisationen. 1974 nahm sie einen Job als freie Mitarbeiterin bei Radio France an, so konnten auch ihre elektronischen Kompositionen einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt werden.

1989 kehrte Leni Alexander nach Chile zurück. Sie starb im Alter von 81 Jahren am 7. August 2005 in Santiago de Chile.


Leni Alexander (1924–2005)
Fünf Epigramme für Orchester (1952)

Die Fünf Epigramme (Cinco Epigramas para Orquesta) komponierte Leni Alexander, deren Schaffenskatalog Werke für die Bühne, fürs Radio, Kammermusik sowie Orchesterarbeiten enthält, im Jahre 1952. Das Stück legt los wie eine zerknatschte Variante einer Musik von Gershwin oder Bernstein. Eine Trompete schimpft herrlich, das Orchester macht die Blutgrätsche. Eine orientierungslose Flöte bläst dazwischen. Dann folgen völlig überraschend verlangsamte Inseln, ein Glockenspiel wandert blind durch den Wald, dazu »gesellen« sich ähnlich losgelassene (wie eingefangene) Orchesterindividuen. Ein Fagott versucht sich an einer Melodie. Atonal. Brütend. Faszinierend! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.