Laila Arafah ist die jüngste hier porträtierte Komponistin überhaupt. Zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Artikels ist sie gerade einmal 18 Jahre alt. Geboren wurde Arafah 2004 im Norden Londons, wie man auf der Seite des femfestivals – einem Komponistinnen-Festival im italienischen Siena – lesen kann. Offenbar ist sie auch als Pianistin aktiv – und besucht die Purcell School for Young Musicians im englischen Bushey (Grafschaft Hertfordshire). Jedenfalls findet man auf der Webseite dieser Institution den Vermerk, dass sie dort als Pianistin bei einem Neue-Musik-Konzert mit dem schönen Titel Maths is Music … Music is Maths am 11. Mai 2022 mitwirkte. 

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»Altersentsprechend« sind die Informationen rund um diese junge Musikerin auch (noch) rar gesät. Trotzdem machte Arafah, so die femfestival-Seite, bereits regional von sich reden, gewann sie doch 2021 und 2021 den »Junior Trinity Composition Prize« sowie den ersten Preis beim Kompositionswettbewerb eines Festivals in Nord-London. Auf Arafah aufmerksam wurden wir durch den hervorragenden Videokanal »Score Follower«, der moderne Partituren (darunter erfreulich viele von Frauen) in Echtzeit, im Zusammenwirken mit der abgespielten Musik in hervorragender Bild- und Tonqualität präsentiert.

Zuletzt erfährt man noch, dass Laila Arafahs Musik bereits von der renommierten London Sinfonietta gespielt wurde und dass sie sich in ihrer Musik – so ein bisschen Programmtextprosa darf nie fehlen – mit Loops, Zeitkonzepten und disparaten Materialien auseinandersetzt.


Laila Arafah (* 2004)
For your solo Sibelius (2021)

»Disparat«? Ist es schon »disparat«, ein Stück für ein Notenschreibprogramm zu schreiben, das es – als bisher Einziges für diese »Besetzung« – auf den »Score Follower«-Kanal geschafft hat? Nein. »Es ist eine alte Geschichte«, so möchte man mit Schumann/Heine singen/dichten. Denn seit es Musiknotationssoftware gibt, so lange gibt es auch schon die Idee, damit zu »komponieren«, ja, grundsätzlich, küchenphilosophisch gesehen müsste man sagen: Das Abspielen deiner Musik mit der von dir verwendeten Notationssoftware ist bereits eine Uraufführung – beziehungsweise: Die Verwendung von Notenschreibprogrammen hat das Komponieren verändert. (Es war wohl der die Nicht-Digitalität seines Lebens wie seine viel zu langen Orchesterwerke stolz vor sich hertragende Wolfgang Rihm, der einmal anmerkte, dass sich wiederholende Muster in der Musik seiner Studierenden seit Einführung von Notationssoftware – das Stichwort heißt: Copy and Paste – gehäuft hätten. »Sagt der Richtige!« – möchte man entgegnen). Schon die Erfindung des selbstspielenden Klaviers vor mehr als 100 Jahren faszinierte Komponistinnen und Komponisten derart, dass sie den Gestus der wuseligen »Unspielbarkeit« in wiederum für ganz »normale« Pianistinnen und Pianisten spielbare Klaviermusiken »übersetzten«. Kurz gesagt und auf ein (späteres) Beispiel transferiert: Ohne Conlon Nancarrows (1948–1992) avantgardistisch-jazzige Nutzung des Player Piano wären György Ligetis Etüden für Klavier (erster Band: 1985) nicht so schön vertrackt, wie sie sind. (Ein kleiner Player-Piano-»Hit« ist auch Marc-André Hamelins Circus Galop, an der Hamelin angeblich von 1991 bis 1994 arbeitete – und das ein YouTube-User einmal mit den Worten kommentierte: »A friend of mine tried to play it. He died.«)

Viele Videos, die Musik mit »mitlaufenden Noten« zeigen, kommen im MIDI-Soundgewand daher. Und noch vor 20 Jahren gaben die entsprechenden Notationsprogramme die notierten Noten auch nur in MIDI-Qualität wieder. Seit einigen Jahren liefern die bekannten Anbieter mit der jeweiligen Software auch jeweils eigene Instrumentalsoundbibliotheken aus, die zusammen mit der Software installiert werden. Die Qualität hat sich dadurch entscheidend verbessert. Die beiden bekanntesten Anbieter heißen »Finale« und »Sibelius«. Laila Arafah benutzt offensichtlich »Sibelius«, denn ihr Stück lautet: For your solo Sibelius und stammt aus dem Jahr 2021.

Arafahs Piece haut einem gleich von Beginn an lustig die Zähne aus. Oben stromern in herrlich unangenehmen Höhen schnell abschreitende Skalen herum – und nach einem Takt brodelt es im (Sibelius-)Klavier tief umher. Ein leichtes Changieren, dann ein Glissando nach oben. Und nun findet man sich in Computerspielen der 80er und 90er Jahre wieder. Man vernimmt vielleicht Pistolenschüsse, dann erscheinen sogar Melodiefragmente, die jedoch durch Maschinengewehr-Klänge komplett vernichtet werden. Ein lustiges Stück für eine ungewöhnliche Besetzung! ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.