Seit anderthalb Wochen läuft die Fußball-WM in Katar. Noch nie zuvor wurde über ein internationales Sportevent in Deutschland so negativ berichtet. In Medien und Sozialen Netzwerken wird Katar für seinen Umgang mit Wanderarbeitern, der LGBTQ-Gemeinschaft und Frauen hart kritisiert. In die Kritik mischen sich dabei auch kulturelle Ressentiments und ein grundlegendes Unverständnis – oder Desinteresse – gegenüber arabischer Kultur. Wir haben uns mit dem Politologen und Katar-Experten Nicolas Fromm von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg über fehlende Nuancen in der Berichterstattung, den Wandel in Katar und Kulturaustausch als Artwashing unterhalten. Fromms Buchporträt Katar. Sand, Geld und Spiele ist im Juli bei C.H.Beck erschienen

Buchcover © C.H.Beck • Nicolas Fromm © HSU/Ulrike Schröder

VAN: Der ZDF-Kommentator des Spiels Deutschland – Spanien Sandro Wagner bezeichnete das traditionelle weiße Gewand Thawb als ›katarische Bademäntel‹. Ist das ein singulärer Ausrutscher eines Einzelnen gewesen, oder steckt dahinter mehr?

Nicolas Fromm: Das ist eher Ausdruck eines hierzulande sehr weit verbreiteten Orient-Bildes, das maßgeblich von Karl May bestimmt wird und nicht von Respekt und Augenhöhe. Als Kommentator hat man in meinen Augen aber schon eine größere Verantwortung, kulturell abwertende Aussagen und Klischees zu vermeiden und nicht zu füttern.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass sich Katar mit der Durchführung der WM die einmalige Gelegenheit biete, ›in den westlichen Industrieländern durch gelebte Gastfreundschaft und eine reibungslose WM Vorwürfe und Vorurteile zu entkräften‹. Nun scheint das Gegenteil eingetroffen zu sein. Liegt das am Westen oder an Katar?

Ich glaube nicht, dass das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, immerhin treffen dort Fußballfans aus aller Welt zusammen und erleben die Weltmeisterschaft gemeinsam vor Ort. Dieses konkrete Erlebnis wirkt auch völkerverständigend, erst recht, wenn in Doha ein bisschen andere Regeln gelten als bei den Weltmeisterschaften zuvor. Dass es immer wieder zu Irritationen und Missverständnissen kommt, liegt sicher an beiden Seiten, die nicht genug an echtem Austausch interessiert sind. Zur Zeit kommen gerade aus Deutschland nicht immer nur sachlich formulierte Kritik, sondern teils offene Anfeindungen, die überhaupt nicht hilfreich sind.

Es scheint, als habe sich insbesondere das öffentlich-rechtliche Fernsehen dafür entschieden, als moralischen Ablass dafür, dass sie überhaupt von der WM senden, über das Land nur negativ zu berichten.

Um das bestätigen oder widerlegen zu können, habe ich die Berichterstattung nicht engmaschig genug verfolgt. Ich sehe diese reflexartige Kritik aber auch mit großer Sorge, da eine echte Auseinandersetzung mit den Verantwortungen vermieden wird. So wird Katar einfach immer wieder in der Rolle des Bösewichts bestätigt, womit man es sich gerade aus deutscher Perspektive viel zu leicht macht. Wir können uns von dieser Weltmeisterschaft nicht glaubhaft abgrenzen, bereits bei der katarischen Bewerbung haben viele deutsche Akteure mitgeholfen.

Vor vier Jahren gab es zur WM in Russland kritische Berichterstattung, aber auch Kolumnen ›über Land und Leute‹, dabei hatte Russland damals schon die Krim annektiert und um LGBTQ-Rechte sah und sieht es dort auch nicht rosig aus. Katar hingegen scheint in der Berichterstattung fast wie ein Land ohne Kultur: Dort gibt es nur Sand, Öl und viel Geld. Teilen Sie den Eindruck?

Der Eindruck kann tatsächlich leicht entstehen. Das liegt zum Teil an einer sehr spezifischen und oft europäischen Vorstellung von Kultur und kulturellem Leben. So sollte man in der Golfregion die Kulturlandschaft nicht anhand der Gastspiele großer Symphonieorchester oder der Dependancen wichtiger Museen beurteilen, sondern beispielsweise einen Blick auf beduinische Musik und Erzähl-Traditionen werfen, die dort seit Jahrhunderten verwurzelt sind. Für manche Beobachter zählt allerdings nur das als Kultur, was sie von zu Hause kennen, und in dieser Hinsicht ist Katar natürlich fremd und recht kahl, das war in Russland anders.

Ibrahim Ali ist einer der ältesten Sänger Katars. Er singt im traditionellen Sowt-Genre und begleitet sich selbst auf der Oud. 

Warum ist vielen die arabische Welt noch so fremd?

Die Wahrnehmung der arabischen Welt und insbesondere der reichen Golfstaaten schwankt zwischen Bewunderung für den Wohlstand und Furcht vor dem Fremden. Die arabische Welt gilt in vielen Köpfen als exotisch und gefährlich und die immer noch omnipräsente Terror-Angst vor dem Islamischem Staat und so weiter hat sicher nicht geholfen, uns die Region näher zu bringen. Ich glaube auch, dass vielerorts auch noch ein gewisser kolonialer Anspruch mitschwingt, der in den arabischen Staaten generell ›unterentwickelte‹ Länder sieht, die sich an uns orientieren sollen. Das sehen die selbstbewussten Golfstaaten verständlicherweise anders.

›Gastgeber und Gäste haben es selbst in der Hand, die Veranstaltung zu entpolitisieren und die WM 2022 zu einem Vorbild der Weltoffenheit und des interkulturellen Austausches zu machen‹, schreiben Sie. Das Gegenteil ist eingetroffen, oder?

Das lässt sich erst nach der WM beurteilen, noch läuft das Turnier und jede Spielminute leistet potenziell einen Beitrag zur Entpolitisierung und bietet Chancen für positive gemeinsame Erlebnisse. Und auch die starke Kritik ist an sich positiv, denn sie führt dazu, dass wir uns zum ersten Mal etwas gründlicher mit der Golfregion befassen. Ich hoffe also sehr darauf, dass die Debatte nach der WM anhält und wir auf diese Weise tatsächlich noch mehr von- und übereinander lernen können.

Was vermissen Sie in der Berichterstattung?

An der aktuell zu beobachtenden Debatte fehlt mir vor allem die Ehrlichkeit, denn ein beträchtlicher Teil der Kritik ist bei genauerem Blick eine Kritik an uns selbst, an den FIFA-Funktionärsstrukturen, an unserem ausbeuterischen Wirtschaftssystem, an unserer inhumanen Migrationspolitik, an der Situation von Minderheiten und so weiter. Wir können deswegen nicht einfach nur mit dem Finger auf Katar zeigen, denn wir sitzen mit Katar im selben Boot, nicht nur als Aktionäre der Volkswagen AG.    

Ist es möglich, die Skandale, Missstände, Diskriminierungen zu thematisieren, und gleichzeitig auch Positives zu sehen? Oder würde das automatisch eine Relativierung bedeuten?

Im Gegenteil, es wäre angebracht, sich noch viel differenzierter mit den einzelnen Kritikpunkten zu beschäftigen, dabei wird Negatives und Positives automatisch sichtbar. Als Beispiel möchte ich die Rolle der Frauen in Katar erwähnen: In einigen Belangen werden dort Frauen systematisch diskriminiert, etwa im Familien- oder Erbrecht. Gleichzeitig gibt es eine immer größere Zahl von Rollenvorbildern für die jungen Frauen in Katar, also beispielsweise erfolgreiche Unternehmerinnen, Ärztinnen oder Politikerinnen. Mittlerweile sind deutlich über 50 Prozent der Universitätsabsolventen weiblich und auch die Männer wissen, dass die Zukunft des Landes von beiden Geschlechtern gestaltet werden wird. Es gibt also durchaus handfeste Probleme und Fälle von Gewalt und Unterdrückung, aber parallel dazu eröffnen sich auch neue Möglichkeiten. Beide Beobachtungen sind gleichermaßen richtig und nur von beiden Seiten beleuchtet ergibt sich ein aussagekräftiges Bild.

Foto Maurus Loeffel (CC BY-NC-ND 2.0)

Katarer sagen, dass westliche Gäste die Regeln in Katar zum Beispiel zum Thema Homosexualität tolerieren sollten. Was würden Sie antworten? Wann hören kulturelle Werte auf und fängt die Verletzung universaler Menschenrechte an?

Ich bin sehr dafür, dass wir uns ernsthaft für einen besseren Schutz von Minderheiten einsetzen, das heißt aber auf keinen Fall, dass wir erwarten sollten, dass alle Welt ihre Regeln unseren Vorstellungen anpasst. Ich vermisse in dieser Debatte vor allem die Stimmen aus der LGBTIQ-Community und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Thema derzeit hemmungslos instrumentalisiert wird, um Katar seine angebliche Unterentwicklung aufzuzeigen. Das hilft den betroffenen Personen vor Ort sicher überhaupt nicht. Dazu kommt, dass es sich beim Verbot von Homosexualität in der arabischen Welt weitgehend um einen Import der europäischen Kolonialmächte und ihrer christlichen Sexualmoral handelt und nicht um eine arabische Erfindung. Auch in Deutschland ist Diskriminierung für die Angehörigen vieler Minderheiten Alltag und wir haben noch immer keinen einzigen geouteten Bundesliga-Spieler, was Rückschlüsse auf die Homophobie zumindest im deutschen Profi-Fußball zulässt. Vor diesem Hintergrund: Kritik ja, moralische Verurteilung nein.

Sie haben bestimmt viele Kontakte nach Katar und kennen Katarer: Wie wird die kritische Berichterstattung aus dem Westen, insbesondere aus Deutschland, dort wahrgenommen? 

Man ärgert sich sehr über unsachliche oder rassistische Kommentare, das wird ziemlich genau verfolgt. Dass angemessene Kritik nicht ignoriert wird, zeigen die Fortschritte im Bereich Arbeitsschutz. Hier hat sich Katar nach Aussage der internationalen Beobachter wie Human Rights Watch, Amnesty International oder ILO zum Vorreiter in der Region entwickelt. Also nicht die Kritik wird schlecht aufgenommen, sondern die Überheblichkeit, mit der sie geäußert wird.

Sie stellen in Ihrem Buch dar, dass Katar gerade im Vergleich zu anderen Ländern in der Region in einigen Bereichen durchaus fortschrittlich sei, und schreiben, dass die WM ›die einmalige Gelegenheit ist, Veränderung im Land zu begleiten‹. Welche Wirkung wird die WM langfristig auf das Land haben? Werden durch die negative Berichterstattung eher konservative Kräfte gestärkt?

Absolut, unsachliche oder überproportionale Kritik aus dem Ausland macht die Konservativen im Land stärker, aber ich gehe nicht davon aus, dass es mittelfristig zu einem Strategiewandel kommt. Die WM ist ein vorläufiger Höhepunkt in der katarischen Diplomatie und es ist nur normal, wenn es danach vorübergehend ein wenig ruhiger wird. Grundsätzlich wird Katar an seiner Politik der Offenheit festhalten, aber es ist durchaus möglich, dass sich die Aufmerksamkeit auch ein wenig von Europa beziehungsweise ›dem Westen‹ hin zu den katarischen Partnern in Asien verschieben wird.

Es wurde viel darüber geschrieben, wie systematisch Katar die Durchführung internationaler Sport-Großveranstaltungen für das ›Nation Branding‹ eingesetzt hat. Ist die WM jetzt aber ein PR-Desaster geworden?

Das glaube ich nicht, denn nicht überall auf der Welt wird so negativ über Katar geschrieben und gesprochen wie in Deutschland. Letzten Endes geht es Katar vor allem darum, dass überhaupt über sie gesprochen wird, und dieses Ziel haben sie mit der WM definitiv erreicht, jeder kennt jetzt Katar.

Es gibt in Katar auch immer neue spektakuläre Museumsneubauten, es gibt ein Opernhaus, ein Philharmonisches Orchester, Gastspiele internationaler Künstler:innen. Kommt ›Hochkultur‹, teils westlich geprägt, eine ähnliche Rolle zu beim ›Nation Branding‹?

Das ist vor allem wichtig, um bei den internationalen Fachkräften als Standort attraktiver zu werden. Ich habe viele Beschwerden von dort lebenden Europäern gehört, das kulturelle Leben könne mit Dubai oder Abu Dhabi noch nicht mithalten. Für das Land Katar ist die Fußballbegeisterung der Bevölkerung und nun die Austragung der WM aber deutlich wichtiger.

Das Museum für Islamische Kunst in Doha gilt als eines der bedeutendsten Museen für islamische Kunst auf der Arabischen Halbinsel. Das Museum wurde von I. M. Pei entworfen und im November 2008 eröffnet. Foto Gilbert Sopakuwa (CC BY-NC-ND 2.0)

Auch hiesige Kulturinstitutionen kooperieren mit den Golfstaaten. Die Deutsche Oper gastierte gerade im Opernhaus in Muscat. Der Geschäftsführende Direktor erzählte mir: ›Wir liefern Waffen nach Saudi-Arabien, aber Hänsel und Gretel im Oman aufführen soll nicht gehen?‹ Andere kritisieren, dass man mit solchen Engagements Artwashing betreibe und ein richtiger ›Kulturaustausch‹ gar nicht stattfinde. Was meinen Sie?

Am Ende kommt es sehr auf die persönliche Einstellung an und ich habe Respekt vor jeder Person, die diese Entscheidung bewusst und unter Beachtung der verfügbaren Informationen trifft. Oft macht man es sich dabei aber zu leicht, denn in meinen Augen wäre die notwendige Konsequenz aus der oben geschilderten Situation, dass man sich auch über die konkrete Entscheidung hinaus im Sinne seiner Leitwerte verhält. Die WM oder eine kulturelle Begegnung zu boykottieren, um weiterhin zu beiderseitigem wirtschaftlichen Gewinn zu kooperieren, wäre in meinen Augen also völlig inkonsequent. Andersherum finde ich nicht gut, wenn man durch eine fragwürdige Handlung – Waffenexporte – eine andere fragwürdige Handlung – Artwashing – rechtfertigt. Am Ende kommt es auf die Differenziertheit der Argumentation an, wobei ich persönlich denke, dass kultureller Dialog und Austausch in der Regel mehr Chancen als Risiken bietet. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com