Am kommenden Samstag feiert die Komponistin und Pianistin Franghiz Ali-Zadeh (Originalschreibweise: Firəngiz Əlizadə) ihren 75. Geburtstag. Die am 28. Mai 1947 in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku Geborene studierte Klavier und Komposition ebendort mit einem Abschluss Anfang der 1970er Jahre. Von 1973 bis 1976 erarbeitete sich Ali-Zadeh, wie sich bei Boosey & Hawkes nachlesen lässt, den Titel »Kandidatin der Wissenschaften« bei ihrem Landsmann Qara Qarayev (1918–1982). Und im Umsturzjahr 1989 schrieb sie ihre Doktorarbeit mit dem (hier übersetzten) Titel Die Orchestrierung in Werken aserbaidschanischer Komponisten.

Ali-Zadeh unterrichtete ab 1976 im Fachbereich »Musikgeschichte« am Konservatorium in Baku und ab 1990 als Professorin die Fächer »Neue Musik« und »Geschichte der Orchesterstile«. Von 1993 bis 1996 war sie zunächst als Chorleiterin am Opernhaus von Mersin in der Türkei aktiv, anschließend arbeitete sie für zwei Jahre als Dozentin für Klavier und Musiktheorie am dortigen Konservatorium. 1998 und 1999 verbrachte Ali-Zadeh noch kurze Zeit in Baku, lebt aber seit 1999 überwiegend in Deutschland.

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Schon lange vor dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde Ali-Zadeh mit Kompositionspreisen bedacht, so 1980 mit dem Preis des Aserbaidschanischen Komponistenverbands. 1990 wurde sie als »Verdiente Künstlerin« der Aserbaidschanischen SSR geehrt. Im November 2000 erhielt sie den Ehrentitel »Volkskünstlerin der Republik Aserbaidschan«. Seit 1989 ist sie Mitglied der Schönberg-Gesellschaft in Los Angeles. Als Pianistin setzte sich Ali-Zadeh für die Werke zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten der ehemaligen Sowjetunion ein. Auch brachte sie Werke von Messiaen, Cage und Crumb erstmals in Baku zur Aufführung: wertvolle Vermittlungsarbeit (über politische Grenzen hinaus). Schon in den 1970er Jahren war Ali-Zadeh mit ihren eigenen Kompositionen bei Festivals im westlichen Ausland vertreten. In den 1980er Jahren folgten viele weitere Festival-Einladungen, 1993 erklangen ihre Werke beim Schleswig-Holstein-Musik-Festival.

Erstaunlich viele Stipendien ermöglichten Ali-Zadeh mehrere Auslandsaufenthalte, auch in den USA und immer wieder in Deutschland. Im Oktober 2002 brachten die Zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker ihre Auftragskomposition Schyschtar zur Uraufführung und 2003 feierte Ali-Zadehs Cello-Solo-Stück Aşk Havası seine Premiere in der Royal Festival Hall in London (Violoncello: Alexander Ivashkin). Anlässlich der Wiedereröffnung der Philharmonie Baku im Januar 2004 dirigierte niemand Geringeres als Mstislaw Rostropowitsch (1927–2007) am Pult des Philharmonischen Orchesters Baku Ali-Zadehs für diese Feierlichkeit eigens komponiertes Orchesterstück Hommage.


Franghiz Ali-Zadeh (*1947)
Music for Piano (1989/1997)

Das Werkverzeichnis von Ali-Zadeh präsentiert sich als vielgestaltig: Nach ihrer ersten veröffentlichten Komposition (der Alban Berg gewidmeten Klaviersonate No. 1, 1970) schrieb sie unter anderem ein Klavierkonzert (1972), eine Symphonie (1976), eine Rock-Oper (The Legend of the White Knight, 1985) sowie programmatische Werke wie Journey to Immortality (für Bariton, gemischten Chor und Kammerensemble, 1999), Silk Road (ein Schlagzeugkonzert, das 1999 von Evelyn Glennie mit dem Collegium Novum Zürich unter der Leitung von Howard Griffiths uraufgeführt wurde) und eine Nasimi-Passion (2017 vom Koninklijk Concertgebouworkest uraufgeführt), auf einen Text des legendären aserbaidschanischen Dichters und Philosophen Sayyid ʿImād ad-Dīn Nasīmī (ca. 1369–1417/18), der Ali-Zadeh schon zu früheren Werken inspiriert hatte.

Ihre Music for Piano (1989/1997) bedarf einer speziellen Klavier-Präparation: Eine Glasperlenkette muss stramm auf den Saiten einiger Töne der Mittellage (cis bis gis1) liegen. Das ergibt ein interessantes Zittern im Klang. Ali-Zadeh steuert die »manipulierten« Töne freilich gezielt an. Durch die kreisenden Tongruppen, die auch einer Improvisation entstammen könnten, entsteht der Eindruck etwa einer Balaban, einem in Aserbaidschan und Iran gebräuchlichen Doppelrohrblasinstrument.

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Nach einer Minute macht Ali-Zadeh allerdings Schluss mit dieser möglichen, allzu volksmusikalischen Innensicht. Laute Oktaven »stören« die Szenerie. Anschließend kehrt die Musik wieder zurück zu jenen fernen Klängen. Oben: volksmusikalische Ton-Ereignisse, unten: das durch die Präparation evozierte Zittern. Quasi Musik zweier Zeitebenen. Die Improvisation im Hier und Jetzt. Dazu der »zerknitterte« Klang der Vergangenheit. Das Klavier als ein »auf Farbe« umstellbarer Schwarz-Weiß-Fernseher, bei Gleichzeitigkeit beider Ansichten. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.