Ein Regie-Trend der letzten Jahre in der Oper sind Überschreibungen: Auf die Theaterhandlung der Musik wird eine parallele, in sich schlüssige Handlung gelegt. Dieses Vorgehen löscht die Gestalt des Werks keineswegs aus (die Essenz eines großen Werks ist immer vielseitig), sondern kann sie neu beleuchten und intensivieren. Wenn das gelingt, kann es von erregender musikdramatischer Dringlichkeit sein. Bei den Bayreuther Festspielen seit 2019 – mittlerweile Hassobjekt der pauschalen Regieverächterszene – gibt es Paradebeispiele dafür, im Guten wie im Schlechten. Als Meisterwerk der Überschreibung leuchtet Tobias Kratzers Tannhäuser-Inszenierung hervor, in der der Titelheld als trauriger Revolutionsclown auftritt und die ein Feuerwerk an Geist, Timing und Komik ist. Als Debakel trotz fundierten Regisseurshandwerks muss dagegen die Familien- und Kinderschiebe-Ring-Saga von 2022 gelten, welche Valentin Schwarz überambitioniert aus Wagners Tetralogie zu basteln suchte, die ihm jedoch letztlich mimegleich zu einer Verschmiedung epischen Ausmaßes geriet. Dazwischen machte Dmitri Tcherniakov 2020 den Fliegenden Holländer zur Geschichte einer trotzigen, aufrührerischen Senta, die begeisternd Billie Eilish glich.
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