Die Erwartungen waren groß an diesen neuen Ring in der Berliner Staatsoper, der mit einem hochkarätigen Sängerensemble schon allein von der Besetzung her einiges versprach. Dazu hatte vor sechs Wochen die Meldung für Aufsehen gesorgt, dass Christian Thielemann (für den ersten und dritten Zyklus) und Thomas Guggeis (für den zweiten Durchlauf) die musikalische Leitung anstelle des erkrankten Daniel Barenboim übernehmen würden. Und schließlich handelt es sich ja bereits um die dritte Neuproduktion von Wagners Tetralogie binnen zehn Jahren in der Opernhauptstadt Berlin, so dass nach den szenischen Enttäuschungen von Guy Cassiers an der Staatsoper (2010–2013) und Stefan Herheim an der Deutschen Oper Berlin (2020–2021) ein gewisser Druck auf der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov lastete.

Johannes Martin Kränzle (Alberich), Komparserie • Foto © Monika Rittershaus

Das Rheingold, der Vorabend des Rings, beginnt verheißungsvoll. Tcherniakovs Regiekonzept, die Handlung im Forschungszentrum E.S.C.H.E. anzusiedeln, in dem Experimente zur »Untersuchung menschlicher Verhaltensmodelle« stattfinden, sorgt in dem von ihm selbst gestalteten Bühnenbild zunächst für Hochspannung. Alberich wird hier nicht von Rheintöchtern geneckt, sondern befindet sich in einem als »Stresslabor« bezeichneten Raum und wird von den drei Versuchsleiterinnen bearbeitet.

Das Bühnenbild hat dabei sowohl horizontal als auch vertikal wesentlich mehr zu bieten, als im zunächst sichtbaren Ausschnitt zu erkennen ist. So fährt die Bühne bald nach links oder rechts, aber auch nach unten und oben wird der Raum bespielt. Dadurch sind in den ersten Szenen stets neue Räume zu entdecken, in denen das Personal des Forschungszentrums fleißig arbeitet, sich im Konferenzraum bespricht, Vorträge gehalten werden oder Experimente mit Probanden stattfinden. Den Kostümen, Requisiten und Interieurs nach ist die Handlung hier ungefähr in den 1960er-Jahren angesiedelt, es wird viel Kaffee, Tee und Alkoholisches konsumiert und noch mehr geraucht.

Claudia Mahnke (Fricka), Siyabonga Maqungo (Froh), Mika Kares (Fasolt), Peter Rose (Fafner), Anna Kissjudit (Erda), Lauri Vasar (Donner), Rolando Villazón (Loge), Michael Volle (Wotan) • Foto © Monika Rittershaus

Durch die Bewegungen des Bühnenbilds bleibt alles sanft im Fluss, so wie auch Thielemann und die bestens aufgelegte Staatskapelle die Rheingold-Partitur auf organisch fließende Weise zum Klingen bringen. Dabei wird wirklich sehr fein musiziert und gesungen, die Interaktion zwischen offenem Orchestergraben und Bühne mit akustisch günstigen, nach hinten geschlossenen Räumen funktioniert bestens: ein Kammernspiel.

Wotan, von Michael Volle hinreißend gespielt und gesungen, gibt den Institutsleiter; seine Frau Fricka (ebenfalls exzellent: Claudia Mahnke) scheint eine Mitarbeiterin zu sein, die ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Der Feuergott Loge wird von Rolando Villazón verkörpert, der mit seinem Hang zum Overacting ein ständiger Hingucker ist. Für seine stimmlichen Probleme gibt es die einzigen vereinzelten Buhs des gelungenen Vorabends.

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In Die Walküre, ungefähr zwanzig Jahre später spielend, setzen sich die Experimente zunächst mit drei jüngeren Menschen (Siegmund, Sieglinde, Hunding) fort, die durch eine verspiegelte Scheibe in dem nunmehr geöffneten und sich drehenden Bühnenbild vom gealterten Institutsleiter Wotan beobachtet werden. Maske und Kostüme (Elena Zaytseva) sind in der ganzen Produktion beeindruckend, die zwei Alterssprünge der Figuren zwischen den ersten drei Teilen der Tetralogie wirken sehr realistisch. Auch die verwandtschaftlichen Beziehungen des Personals untereinander werden durch Details im Haupthaar subtil angedeutet. Das Walküren-Ensemble ist exquisit, selten bekommt man den Walkürenritt und die nachfolgende Szene so pointiert zu hören. Allen voran Anja Kampe, die ihre Brünnhilde in Die Walküre sehr überzeugend gestaltet und mit einem unglaublich schönen Piano aufwarten kann, aber in Siegfried und Götterdämmerung gelegentlich etwas zu viel forciert.

Andreas Schager (Siegfried), Stephan Rügamer (Mime) • Foto ©Monika Rittershaus

Die Spannung hält auch im zweiten Teil des Rings musikalisch und szenisch, verliert sich dann jedoch in Siegfried allmählich. Selbstverständlich ist der namensgebende Protagonist hier auch Teil eines (Langzeit-)Experiments, der während des Vorspiels projizierte Film zeigt einen verstörten Jungen in seinem Spielzimmer. Übermütig und heldisch gesungen von Andreas Schager, zerstört dieser Siegfried seine Spielsachen, macht Feuer und zerlegt die Möbel, um erst zum Aktende kurz zurückzuschrecken, wenn hinter der verspiegelten Scheibe der Versuchsleiter für ihn sichtbar wird.

Leider zerfranst die Inszenierung anschließend im Laufe des dritten Teils, die ausgelegten Regiefäden werden nicht mehr wirklich überzeugend weitergedacht und gelegentlich durch kleinere Gags kaschiert. Nichts gegen Humor auf der Bühne, ob Situationskomik, feine Ironie oder auch mal platte Kalauer, doch hier hätte man sich ein konsequenteres Weiterdenken der Regie gewünscht. Auch das fast immer gleiche Bühnenbild, ob sich nun verschiebend oder drehend, beginnt zu langweilen, die Figuren bewegen sich in den wiederkehrenden Räumen förmlich im Kreis.

Johannes Martin Kränzle (Alberich), Michael Volle (Der Wanderer) • Foto © Monika Rittershaus

Dabei gibt es bis zum Ende des vierten Teils, der Götterdämmerung, noch einige gelungene Einzelszenen mit sehr guter Personenregie, die für sich allein jeweils funktionieren. Großartig gespielt und gesungen ist beispielsweise der Zwist zwischen Alberich (Johannes Martin Kränzle) und Wotan, die sich um den von Fafner gehüteten Nibelungenhort zanken. Alberich, in Siegfried merklich gealtert und nur noch mit Gehhilfe unterwegs, ist hier ein renitenter Rentner, der mindestens ebenso wenig zur Aufgabe bereit ist wie sein störrischer Widersacher. Jedoch fügen sich die diversen Szenen nicht mehr zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Durch das nicht stringent zu Ende geführte Regiekonzept leidet bedauerlicherweise auch die Glaubwürdigkeit der Protagonisten, was mitunter zu darstellerischem Leerlauf, vielen Ersatzhandlungen (Trinken, Rauchen, Essen) und einigen sängerischen Klischeeposen führt.

In der Götterdämmerung sind bei den Gibichungen die Büro- und Besprechungsräume des Forschungszentrums leicht verändert, die Wände statt teakholzgetäfelt mittlerweile mit kalten, grauen Marmoroberflächen renoviert. Auch die Kleidung und Requisiten wie Smartphones deuten einen weiteren Zeitsprung in die späten Nullerjahre bis heute an. Weiterhin wird viel getrunken und angestoßen, was hier auch tatsächlich zur Handlung des Stücks passt. Das cleane, moderne Setting und der vorherrschende Business-Look konterkarieren die eigentlich archaische Szene herrlich, wenn laut Libretto auf einem Stierhorn geblasen wird und sich Hagens Mannen versammeln. Bei Tcherniakov treffen – fast paritätisch – auch gleich Frauen mit ein und nehmen im Halbrund des Saals Platz. Der Speereid von Siegfried, mit dem ihm Hagen verhängnisvoll seine Falle stellt, findet selbstverständlich nicht mit Speer statt, sondern wird von unzähligen Telefonen der Anwesenden gefilmt.

Lauri Vasar (Gunther), Andreas Schager (Siegfried), Mandy Fredrich (Gutrune), Mika Kares (Hagen), Anja Kampe (Brünnhilde), Staatsopernchor • Foto © Monika Rittershaus

Warum aber auf der Jagd, in deren Picknickpause Siegfried von Hagen ermordet wird, die Mannen dann Basketball spielend in Sportmontur unterwegs sind, erschließt sich nicht weiter. Wie in einer Umkleidekabine sitzen sie nun auf Bänken vor dem vor dem Eingang des E.S.C.H.E. Zentrums, mit Bällen, Handtüchern und Trinkflaschen. Für sich gesehen ein hübsches Bild, das aber beliebig bleibt und keinen Sinn innerhalb der Inszenierung ergibt.

Dem toten, aufgebahrten Siegfried erweisen zum Trauermarsch die Institutsmitarbeiter die letzte Ehre, dazu tauchen auch die gealterte Erda (in Rheingold und Siegfried von Anna Kissjudit packend gesungen) sowie der greise Wotan als stumme Figuren wieder auf, gespielt von den Originaldarstellern Kissjudit und Volle. Sehr gelungen ist die Idee, dass sich die Szenerie zu Brünnhildes Schlussgesang leert und nur noch Wotan mit ihr an Siegfrieds Leichnam stehend verbleibt. Direkt an den Gottvater gewendet, vermitteln ihre Worte »Meine Klage hör, du hehrster Gott« höchste Dringlichkeit. Hier ist man plötzlich wieder ganz nah am Stück. Dass Brünnhilde anschließend das Forschungszentrum E.S.C.H.E. verlässt, das einmal mehr auf den Bühnenvorhang projiziert wird, und es gewissermaßen auflöst, wirkt dann als Schlussbild eher banal. Eine Behauptung wird nicht dadurch überzeugender, dass sie ständig wiederholt wird. Musikalisch jedoch ist dieser Ring in Gänze durchaus ein Triumph – für das Sängerensemble, Thielemann und die Staatskapelle –, auch wenn im ersten Zyklus vor allem in der Götterdämmerung nicht mehr alles ganz rund läuft.

Bebelplatz am 3. Oktober 2022, kurz vor Beginn von Die Walküre • Foto © Sebastian Solte

Muss man also Albrecht Thiemanns Vorschlag für ein allgemeines Ring-Moratorium zustimmen? Und wäre nicht allemal für Berlin eine Nachdenkpause angebracht gewesen? Andererseits, warum sollte Wagners Endzeit-Tragödie in Zeiten wie diesen nicht aufgeführt werden? Denn die (Erst- oder Wieder-)Begegnung mit diesem monströsen Meisterwerk lohnt sich in jedem Fall. Und da, wo die Regie Unstimmigkeiten oder Leerstellen erzeugt, fängt das eigene Denken, die eigene Kontextualisierung ja erst an. Insofern kann auch oberflächliches oder gar misslungenes Regietheater willkommene Impulse geben. Wo bei Tcherniakov, dessen Konzept nicht erst dieses Jahr entwickelt wurde, höchstens subtile Anspielungen an heutige Realitäten zu finden sind (so wird Siegmund nicht getötet, sondern von schwarz gekleideten, behelmten Polizisten festgenommen), ruft das Stück selbst, sein Text und die Musik, unzählige Assoziationen hervor: das Verheizen von Menschen durch tyrannische Götter, die Anhäufung unermesslicher Reichtümer, die Unterwerfung bestimmter Ethnien, die Ausbeutung der Natur, das unerbittliche Streben nach Vorherrschaft und Macht bis in den eigenen Untergang hinein. So läuft es einem mehr denn je kalt den Rücken herunter bei den Worten Wotans: »Auf geb’ ich mein Werk; nur Eines will ich noch: das Ende, das Ende!« Was schießt einem durch den Kopf, wenn zur Blechbläser-gepanzerten Musik in der Götterdämmerung lauthals »Gute Waffen! Starke Waffen, scharf zum Streit!« skandiert wird? Und wer denkt bei Walhall nicht an die Paläste heutiger Herrscher, zumal wenn Walküren zur Mobilisierung eingesetzt werden?

Vor allem musikalisch ein Triumph: Dmitri Tcherniakovs Neuinszenierung von Wagners ›Ring‹ an der Berliner Staatsoper. In @vanmusik Klick um zu Tweeten

Insofern passt ein neuer Ring leider auch in unsere Aktualität wieder besser denn je. An einem Ort wie der Staatsoper Unter den Linden ist man dazu durch die Plätze und Gebäude in unmittelbarer Nähe zwangsläufig mit unserer Geschichte und Gegenwart konfrontiert, mit dem Schrecklichsten und dem Erhabensten unserer Zivilisation. »Linde Kühlung erkies’ ich mir unter der Linde!« geht hier nicht mehr. ¶

Sebastian Solte

... studierte Informationswirtschaft, Volkswirtschaftslehre und Musikwissenschaft. Er ist als Musikmanager tätig und gründete das Unternehmen bastille musique, das die Bereiche Künstleragentur, Live-Produktion und Plattenfirma kombiniert.