Anfang August 2020 flog der sonst in Weimar und München lebende Dirigent Vitali Alekseenok in seine Heimat Belarus, um an den Wahlen und den Protesten gegen die Regierung teilzunehmen. Trotz der brutalen Polizeigewalt, die er dort erlebte, schrieb in er in seinem Bericht aus Minsk, der Mitte August in VAN erschien: »Selbst wenn der Wendepunkt noch nicht in den nächsten Tagen kommt, wird es nicht mehr lange dauern.« Sechs Monate später ist das Regime Lukaschenko weiterhin an der Macht, erhalten durch die gewaltsame Unterdrückung der Proteste und die Verfolgung und Inhaftierung vieler Oppositioneller, von denen die meisten heute entweder im Gefängnis oder im Ausland sind. International verschwand das Thema Belarus angesichts des weltweiten Kampfes gegen die Covid-Pandemie von der Tagesordnung. Die Entführung des Ryanair-Fluges am 23. Mai und die Inhaftierung des Bloggers Roman Protassewitsch und seiner Freundin Sofia Sagepa haben jedoch nicht nur die weltweite Aufmerksamkeit für Belarus reaktiviert und schärfere Sanktionen von EU und USA nach sich gezogen. Sie haben auch die Opposition gestärkt. In vielen europäischen Städten fanden am Samstag, dem Jahrestag der Verhaftung des Bloggers Sergej Tichanowski, dem Ehemann der Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja, Anti-Lukaschenko-Kundgebungen statt, auch in Belarus selbst gibt es wieder Proteste. Hartmut Welscher sprach mit Vitali Alekseenok über die aktuellen Entwicklungen, seine Gefühle der Angst und Ohnmacht und warum es gerade einfacher ist Mahler zu hören als Schostakowitsch. 

VAN: Wann und wie hast du von der Entführung des Ryanair-Flugzeugs erfahren?

Vitali Alekseenok: Ich war gerade in Italien beim Toscanini-Dirigierwettbewerb und habe es aus den belarussischen Nachrichten erfahren. Ich war schockiert, aber habe es für mich zunächst zur Seite geschoben und mir gesagt, dass ich mich später damit auseinandersetze, weil ich an dem Tag kaum Zeit hatte. Es kamen dann immer mehr Leute zu mir, die davon in den italienischen Nachrichten gehört hatten, und haben mich gefragt, was da los sei. 

Was waren deine erste Gedanken?

Auf der einen Seite ein Gefühl der Surrealität … so als ob man etwas Absurdem das erste Mal begegnet und es gar nicht begreifen kann. Ich konnte nicht glauben, dass die belarussische Regierung so gerissen ist. Auf der anderen Seite stand die Angst. Allein die Tatsache, dass sie herausgefunden haben, dass Roman Protassewitsch auf diesem Flug war. Es gibt Berichte, dass in Minsk auch russische Staatsbürger, wahrscheinlich vom FSB, mit ihm ausgestiegen sind. Es muss eine langfristig geplante Operation gewesen sein. Es ist schon beängstigend, dass sie jetzt so gezielt gegen Einzelne vorgehen. Wer kommt als nächstes? Man kann sich noch weniger sicher fühlen. Ich glaube aber auch, dass das Regime die mediale Resonanz und die internationalen Reaktionen nicht erwartet hat. Belavia darf nicht mehr nach Europa fliegen und hat große Finanz- und Reputationsverluste erlitten. Auch dass bestimmte Kooperationen mit der belarussischen Kali-Dünger-Industrie gestoppt werden, tut finanziell weh. Jetzt würden sie, glaube ich, länger nachdenken vor so einer Aktion. 

Aber ist der Wunsch nach Machterhalt nicht größer als die Furcht vor wirtschaftlichen Folgen von Sanktionen?

Klar, der Machterhalt ist für das Regime entscheidend. Wenn sie die Macht verlieren, wandern sie ins Gefängnis. Das wissen sie auch. Deshalb kämpfen sie auf Leben und Tod, egal was passiert, auch wenn sie das Land jetzt ruinieren. Jetzt haben sie den Medien den Krieg erklärt, Telegram ist der Feind Nummer eins, Protassewitsch war ja eigentlich ›nur‹ ein einfacher Journalist und Blogger, trotzdem haben sie gegen ihn ein Kampfflugzeug in den Himmel geschickt. Sie wollen mit allen Mitteln das System zerstören und kapieren nicht, dass Blogger, Telegram oder Journalisten dann halt andere Wege der Kommunikation finden. Vom Medienportal Tut.by sind jetzt fast alle im Gefängnis, die Domain wurde blockiert … Sie können sie alle ins Gefängnis stecken, es geht trotzdem weiter, dann halt vom Ausland aus. 

Du hast in deinem Buch über die Proteste in Belarus geschrieben, dass du nach deiner Rückkehr nach Deutschland im letzten September ein paar Wochen gebraucht hast, um deine Angst vor vorbeifahrenden Autos abzulegen: ›Ich starrte in jeden Kleinbus und untersuchte ihn eingehend: welche Marke und Farbe, hat er Nummernschilder, sind die Scheiben getönt, sitzen vermummte Leute darin…‹ Ist diese Angst mittlerweile weg?

Sie ist nicht ganz weggegangen, im Unterbewusstsein ist sie immer noch da, aber nicht mehr so stark. Es nervt mich ein bisschen, dass ich immer wieder daran denken muss. Aber ich will es nicht als große Angst verkaufen. Ich war nur zwei Monate da, ich hatte einen Ausweg ins Ausland, ich wurde nicht festgenommen, ich wurde nicht gefoltert. Die Menschen, die viel mehr erlebt haben, die in Belarus sind, die haben mit diesen Ängsten jeden Tag zu tun. Für Belarussen in Belarus sind sie existentiell.

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In deinem Bericht aus Minsk für VAN im August hast du geschrieben: ›Selbst wenn der Wendepunkt nicht in den nächsten Tagen kommt, wird es nicht mehr lange dauern.‹ Diese Hoffnung hat sich nicht bestätigt. Im Februar warst du nach vier Monaten das erste Mal wieder in Belarus. Wie hast du die Stimmung erlebt?

Die Stimmung war furchtbar. Es war eine tote Stadt. Alles, was ich im August und September gesehen hatte, war nicht mehr da. Entweder waren die Menschen im Gefängnis oder im Ausland, die Cafés und alle Kulturinstitutionen waren geschlossen, es waren kaum Menschen auf den Straßen, wenn dann nur zum Einkaufen. Es war eine unterdrückte Energie. Ich glaube, es hat sich jetzt etwas gebessert. Der Winter ist vorbei, es finden kleine Proteste statt. Die Menschen haben nicht aufgegeben, aber viele sind ausgereist, viele sind im Gefängnis, es ist viel zu gefährlich, auf die Straße zu gehen. Einige haben sicher auch die Hoffnung verloren. Aber das Problem ist geblieben, die Menschen wollen Veränderung. Das bleibt, selbst wenn alle Journalisten mundtot gemacht wurden.

Könnte man aus Perspektive von Lukaschenko trotzdem sagen, dass die brutale Unterdrückung der Proteste erfolgreich war?

Als Kurzstreckenlauf ja, da ist es natürlich sehr erfolgreich. Du vernichtest alle deine Gegner. Man sagt auf russisch: ›Kein Mensch, kein Problem‹. Im Moment können sie dadurch natürlich Zeit gewinnen. Aber sie verstoßen jeden Tag gegen das Grundgesetz und sie wissen, dass sie dafür irgendwann zur Rechenschaft gezogen werden können. Deshalb versuchen sie jetzt, die Verfassung zu verändern, neue Gesetze zu erlassen, die die Gewalt legitimieren. Ich bin aber überzeugt, dass diese Menschen irgendwann vor Gericht stehen werden. 

Du hast dich in den letzten 12 Monaten politisch engagiert, gleichzeitig geht deine Karriere als Dirigent weiter. Beim Toscanini-Wettbewerb hast du gerade italienische Opern dirigiert. Wie kriegst du beide Seiten zusammen?

Es ist ein bisschen schizophren. Ich fühle mich wie in zwei Welten gleichzeitig, die nicht zueinander passen und sich kaum überkreuzen. Ich muss die Tür bewusst auf und zu machen, das ist wirklich sehr komisch. Natürlich spreche ich mit vielen Musiker:innen über Belarus. Aber dann sehen wir uns in der Probe und es geht um etwas ganz Anderes. Auf der anderen Seite hat die ganze Situation mich sehr stark verändert – wie ich Musik mache, wie ich Musik wahrnehme, überhaupt meine Prioritäten im Leben. Wie viel das Leben wert ist, Liebe und Solidarität, das kann ich wieder in der Musik spüren. Irgendwie kann ich die Erfahrungen von dort mit meinem Beruf verbinden, ich kann die Musik anders machen. Das hilft jetzt aber nicht den Belarussen, sondern macht nur mein Musikerlebnis stärker. Ich habe ein sehr schlechtes Gewissen, weil ich weiß, dass ich nicht direkt helfen kann. Ich weiß, dass wir hier mit schönen Noten den Belarussen im Gefängnis nicht helfen können. Das zerreißt uns alle, das Problem haben viele Belarussen im Ausland.

In deinem Buch schreibst du auch, dass es schwierig war, nach Deutschland zurückzukehren, und alle reden nur über die Pandemie. Zum Umgang mit der Kultur vonseiten der Politik während der Pandemie haben sich auch viele Musiker:innen geäußert, ansonsten halten sie sich oft zurück. Warum?

Ich nehme seit einem Jahr schon sehr stark wahr, wie apolitisch viele klassische Musiker sind, auch politikfremd, die wollen damit kaum was zu tun haben, und wenn sie es wollen, finden sie nicht immer die wirksamen Wege um etwas zu beeinflussen. Natürlich geht es da auch ums Geschäft. Der Musikberuf ist sehr international, man begegnet unterschiedlichen Kulturen, Gesellschaften und politischen Systemen, die oft nicht zueinander passen. Wenn du ein russischer Dirigent bist und was gegen Putin sagst, wirst du in Russland nicht mehr eingeladen. Ich finde es durchaus legitim, wenn Menschen in ihrem eigenen Universum leben und auf einer anderen Ebene Menschen etwas geben. Aber sehr oft sehe ich auch, dass Musiker einfach apolitisch sein wollen, weil es einfacher ist.

In Belarus hat sich die Kulturszene aber stark politisiert, oder?

Ja, in Belarus kannst du dir das nicht mehr leisten, in den höchsten Sphären zu leben. Ich hatte ganz interessante Gespräche mit Komponisten der älteren Generation, die sehr oft sagen, ›wir machen Musik, warum müssen wir überhaupt über Politik sprechen, das ist nicht wichtig, wir haben viel Wichtigeres zu tun, die höheren Sphären eben‹. In Belarus ist das Quatsch. Deine Verwandten und Bekannten sind im Gefängnis. Und du versuchst über einen metaphysischen Kunstbegriff zu legitimieren, dass du es nicht wahrnehmen willst. Die belarussische Kunstszene ist komplett gespalten. Entweder bist du auf der Seite der Zivilgesellschaft und Opposition, oder du hast Angst und willst es einfach ausblenden.

Gibt es Musik, die du gerade gut oder schlecht hören kannst?

Mahler war eigentlich im letzten Sommer das Einzige, was ich hören konnte. Was ich zum Beispiel auf keinen Fall dirigieren würde im Moment ist Schostakowitsch. Das ist viel zu nah. Das Schöne an der Kunst ist ja, dass wir auf der Bühne oft etwas erleben, was mit unserem Leben verbunden ist, aber noch eine gewisse Distanz hat. Und die Musik von Schostakowitsch ist sehr oft zu nah an der Realität. Das ist einfach das Leben nochmal, und das ist heftig, deswegen kann ich das gerade nicht spielen. Mahler geht es eher nicht um eine objektive Realität, sondern um eine innere. Damit fühle ich mich sehr konsonant.

Dirigent Vitali Alekseenok über die aktuellen Entwicklungen in Belarus, seine Gefühle der Angst und Ohnmacht und warum es gerade einfacher ist Mahler zu hören als Schostakowitsch. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Es wird jetzt viel über Sanktionen diskutiert. Kann man damit aber überhaupt etwas beeinflussen?

Ich glaube, wenn die EU und die ganze Welt jetzt nicht so stark reagiert hätten, dann wäre dieses beängstigende Gefühl, dass wir überall verfolgt werden, noch größer. Aber was in Belarus selbst passiert, kann der Westen kaum beeinflussen, es muss im Land passieren, es muss in der Elite passieren. Ich glaube, was das Regime stürzen könnte, wäre ein Konflikt mit Russland, das ist aber sehr unrealistisch. Realistischer wäre es, dass das Regime in sich implodiert und gespalten wird, zum Beispiel indem noch mehr Leute wie Pawel Latuschka [der ehemalige Kulturminister] abtrünnig werden. Lukaschenko muss gezwungen werden zu gehen, von alleine wird er es nicht tun. Meine größte Sorge ist, dass wir die Staatlichkeit verlieren, dass das Regime Lukaschenko so viel verkauft, dass Belarus ein Teil Russlands wird. Alles andere ist eine Frage der Zeit. Ich verliere die Hoffnung nicht. Gegebenenfalls müssen wir jetzt sehr lange warten. Aber ich weiß, dass wir irgendwann gewinnen werden.

Wie hat die Ryanair-Entführung die Einschätzung deiner eigenen Gefährdung verändert?

Ich bin mir schon lange bewusst, dass es sein kann, dass ich verhaftet werde, wenn ich jetzt nach Belarus reise. Das ist für mich kein neues Thema, nur dass jetzt selbst Menschen im Himmel entführt werden, nicht nur auf der Erde. Im Grunde ist es leider nichts Neues, alle werden eingeschüchtert. Wenn ich fast jeden Tag in der Zeitung lese, dass Menschen verhaftet werden und vor Gericht stehen, wenn ich an Maria [Kalesnikawa] und die vielen hundert anderen im Gefängnis denke, frage ich mich immer: Wie würde ich mich da verhalten? Für viele von uns ist die Bedrohung vor Gericht zu landen, real. 

Deine Familie wohnt noch in deiner Geburtsstadt Vilejka nördlich von Minsk. Du hast erzählt, dass deine Mutter dich besorgt angerufen hat, nachdem ein Interview mit dir in der Regionalzeitung erschienen war, und gesagt hat: ›Jetzt kommst du nicht mehr nach Belarus zurück.‹ Was hast du geantwortet?

Ich versuche, meinen Eltern die Angst etwas zu nehmen, weil sie das ganze Leben schon in der Angst leben. Die verstehen nicht so richtig, wie man ohne diese Angst in Belarus leben kann. Unsere Generation hat weniger Angst, darunter leidet sie auch, dafür landet sie im Gefängnis. Ich versuche es mit meinen Eltern so zu kommunizieren: Selbst eine gewisse Zeit ins Gefängnis zu gehen ist nicht so schlimm wie ein beflecktes Gewissen.  ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.