Am Morgen, als der Krieg in Europa begann, vor drei Jahren, da war immer wieder die Rede vom Aufwachen in einer anderen Welt, und das leuchtete mir sehr ein, anders als sonst andere Formeln, die gesucht werden, in der Politik und in den Medien, um eine brisante aber unklare Lage auf den Begriff zu bringen. Dieses Aufwachen wurde beschrieben als eines aus Träumen von Frieden und Verständigung und »regelbasiertem« Miteinander. Mit TrumpTwo erscheinen sie jetzt ferner denn je. Man sei vorbereitet, hieß es aus europäischen Kreisen, doch dass das große amerikanische Irrlicht statt eines toughen Deals mit Putin dem russischen partner in crime die Ukraine einfach schenken würde, und Europa womöglich noch dazu: Wer war darauf vorbereitet? Europa muss sich jetzt selbst kümmern um seine Sicherheit, und bei den Kalkulationen, was das denn alles kosten könne, wird einem schwindlig. Und weil das Geld sowieso knapp geworden ist, die Wirtschaft strukturell geschwächt, und weil jeder Euro nur einmal auszugeben ist, braucht es keine prophetischen Gaben für die Prognose, dass wir von den kommenden Verteilungskämpfen auf allen Ebenen bislang nur einen klitzekleinen Vorgeschmack erlebt haben. Und die schnellen Signale, dass an der »Kultur« zu sparen sei, was anderswo, nämlich militärisch, gebraucht wird, darf man getrost hochskalieren – das war erst der Anfang.

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Macht es Sinn, einmal mehr zu wiederholen, dass das, was die Größenordnungen angeht, gar keinen Sinn ergibt? Wie viele geschlossene Opernhäuser braucht es für ein Flugabwehrsystem? – Um mal bei den großen Brocken anzufangen. Haushaltssanierungen durch Abbau von »Kultur« sind so offensichtlich unsinnig, dass sich der Gedanke aufdrängt, dass es dabei gar nicht um Budgets geht, sondern um das Statement, dass jetzt aber Schluss mit lustig sei, erst recht mit dem zweckfrei Schönen, passt ja nicht mehr in die Zeit. Die neue Umstandslosigkeit, mit der da, zwischen Köln und Berlin vom Tisch gewischt wird, was vor kurzem noch als unverzichtbar beschworen wurde, gehört zur neuen Wirklichkeit, nach dem Aufwachen.

Und wo wir beim Beschwören sind: Es gibt da ein paar zivilisatorische Errungenschaften, von demokratischen, jedenfalls nicht autokratischen Verfasstheiten, von ein paar Spielregeln von Vernunft, jedenfalls nicht einem Irrationalen, von einem auf Information und jedenfalls nicht Desinformation verpflichteten Medien-und Gemeinwesen: Was wir so, es ist nicht ewig her, unter der Überschrift »Werte« gefasst hatten. Sobald das Wort fällt, zieht es ein anderes magnetisch an: dass sie nämlich »beschworen« werden. Es schwingt darin die leise Verzweiflung mit, dass diese Werte keineswegs universell geteilt werden, dass sie also, um ihnen Geltung zu verschaffen, beschworen werden müssen, und wir wissen gut, dass Beschwörungen oft vergeblich bleiben.

Mein kleiner Beschwörungsbeitrag in dieser Kolumne wäre nun, in der Phase der Selbstbesinnung, die jetzt ansteht, wo transatlantische Gewissheiten nicht mehr gelten, im Moment größter Verwirrung und gefühlter Ohnmacht, die Sache der Kunst (um nicht der notorischen Verwechslung von Kunst/Markt und »Kultur« zu folgen) als einen Teil der Resilienz Europas zu erkennen. Auch als Teil der europäischen Diversität, kompliziert, aber vital. Das Disruptive dieser Tage macht Angst, es kann aber auch eine mächtige Ressource sein, wichtige Dinge neu anzusehen, Veränderungen tatsächlich anzugehen, und nicht mehr nur so zu tun, als ob. Das geht, glaube ich, nicht mehr. Ohnmacht lähmt, und um aus diesem schrecklichen state of mind herauszufinden, wäre es ein Anfang, sich, jenseits der persönlichen filter bubbles, der Echo-Kammern des Gewohnten, zu besinnen, was die Lage ist, das größere Bild, und was darin Musik (als Kunst) bedeutet. Nicht durchdrehen. Weitermachen, aber anders. Der neuen music of changes aufmerksam zuzuhören. Das Ganze im Blick halten; worum es geht. Das Wohltemperierte Klavier (pars pro toto) taugt nicht als Schutzschild gegen den neuen antieuropäischen Imperialismus. Wohl aber als Erinnerung daran, was hier – auch – zu beschützen ist. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹