1.000 Tage Krieg in der Ukraine – die »runde Zahl« brachte vorletzte Woche das Wesen eines jeden Krieges für einen Moment zurück ins Bewusstsein: den Schrecken und das Leid. Ukrainer erzählten über die Wunden, die zweieinhalb Jahre Krieg hinterlassen haben, Medien zogen Zwischenbilanz: mehr als 12.000 getötete Zivilisten, mindestens 2.406 getötete oder verletzte Kinder, fast 10 Millionen ukrainische Geflüchtete, davon 6 Millionen im Ausland, Hunderttausende toter Soldaten. 

Es ist nicht die Bilderschwemme an sich, die uns abstumpfen lässt, wie Susan Sontag noch 1977 in ihrem Essay Über Fotografie befand, sondern eher die eigene Angst, Hilflosigkeit und Demoralisierung im Angesicht des Schreckens, wie sie 25 Jahre später in ​​Das Leiden anderer betrachten feststellte: »Menschen können für Schrecken unempfänglich werden, weil sie den Eindruck gewinnen, dem Krieg – jedem Krieg – sei kein Ende zu machen. Mitgefühl ist eine instabile Gefühlsregung. Es muß in Handeln umgesetzt werden, sonst verdorrt es.« Dies erklärt vielleicht, warum der Krieg neuerdings immer öfter abstrahiert wird – etwa in der Frage, welche Formulierungen in thüringischen Koalitionsverträgen stehen, und warum mit der Sehnsucht nach Frieden zunehmend Politik gemacht wird.

Für Ukrainer wie den Geiger Oleh Kurochkin bleibt der Luxus der Abstraktion bis auf Weiteres unerschwinglich. Als wir Anfang April 2022 sprachen, einen Monat nach Beginn des russischen Angriffskriegs, hatte er gerade am umstrittenen Solidaritätskonzert ›Für Frieden und Freiheit‹ im Schloss Bellevue teilgenommen. Damals war Kurochkin noch Stipendiat der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker; seit Januar 2023 ist er erster Stimmführer beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB). »Ich habe gerade das Gespräch, das wir vor zweieinhalb Jahren geführt haben, nochmal gelesen«, erzählt er mir per Video-Zoom, »und ich spüre, dass ich damals noch viel mehr Energie hatte, darüber zu reden, darüber nachzudenken, mich zu engagieren.«


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... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und London und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com