Die Hirnforschung hat festgestellt, dass sich nach Einführung der Navis die zerebralen Strukturen der Londoner Taxifahrer substantiell verändert haben. Das Phänomen wurde beschrieben als Generationenwechsel. Die Alten hatten den Straßenplan der Megacity noch intus, die nachfolgenden nur noch die Bedienungsanleitung. Etwa so stelle ich mir vor, was der bald 90-jährige Zubin Mehta über das Auswendigdirigieren erzählt. Wie in der Klasse des legendären Hans Swarowsky in Wien die damals Jungen – Abbado, Barenboim, er – die Stücke solange analysiert hätten, bis sich deren Stadtpläne fast von selbst eingeprägt hatten, und im Langzeitspeicher.

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Das kommt ihm jetzt besonders zugute, denn die Augen wollen nicht mehr, er dirigiert, was er auswendig weiß, das ist eine Menge, und heute Abend Aida, im Teatro del Maggio Musicale in Florenz, wo der Maestro seit 40 Jahren auch wohnt, wo er Direttore Onorario auf Lebenszeit ist und wo man im Foyer an der Sala Zubin Mehta vorbeikommt. Ein bisschen wie einst in London, wo der alte Händel seinem eigenen Denkmal in Vauxhall Gardens Guten Tag sagen konnte.

Trotzdem sitze ich ein wenig besorgt im Saal, aber dann klingen die Geigen in diesem genialen Nichts von Vorspiel gleich so selbstverständlich betörend, dass alle Furcht verfliegt. Das hier wird gut gehen, man weiß es, obwohl vom Maestro nur ein Stück Hinterkopf zu sehen ist, an Gesten nur das Minimum und vielleicht weniger, selbst kleine Korrekturen kommen aus der Ruhe und ganz ohne Alarmgefuchtel. Viel passiert nur mit den Augen. Dirigieren auf dem Niveau ist nicht, was einer macht, sondern hat viel damit zu tun, wer einer ist, und wen die Orchestermusikerinnen und -musiker da vor sich sehen; mit Projektion also. Es lässt sich studieren am Mitschnitt des Mahler 9 Konzerts des späten, sehr kranken Claudio Abbado in Luzern: Sie spielten für ihn. Etwas davon hat dieser Abend in Florenz.

Zubin Mehta ist, höre ich, ein von Orchestern geliebter Maestro, was vielleicht mit seiner zoroastrisch-kosmopolitischen Open-mindedness zu tun hat, vielleicht noch mehr mit einer Neigung, schiere Schönheit beim Musikmachen auszukosten, nennen wir es ruhig: schwelgen. So eine Art Verweile doch. An diesem Aida-Abend ist es zu studieren: Was das reine Tempo angeht, konnte man es über weite Strecken einfach sehr langsam finden, bis sich das Ohr auf diesen Ruhepuls einstellt. Es ist nicht sehr dramatisch getrieben, es ist ein Singen, jedenfalls kein Schleppen, eine Freude an jeder Note. Und es scheint ganz leicht und, wenn mal eine Hand über die Sichtlinie kommt und die Idee einer Phrase in die Luft zeichnet, immer noch, was es bei diesem Dirigenten immer war: elegant. Am Ende, wenn Radamés und Aida sich lebendig eingemauert finden (in Damiano Michielettos wenig inspirierter Regie in einem irgendwie pyramidalen Berg aus schwarzer Asche), dann singen sie in immer entrückteren Höhen bis zum Erstickungstod, die junge Aida Olga Maslova geht mit vollem Risiko in diese Piani, und es geht sehr gut, und die Schlussszene bringt einen darauf, worum es hier den ganzen Abend ging: ums Atmen.

Als könnte er sich gar nicht mehr davon trennen, modelliert Mehta den letzten Akkord wie ins Unendliche. Schön wäre jetzt wenigstens eine Sekunde des Innehaltens, aber schon explodiert der Applaus, werden die mobilen Endgeräte entsichert. Weiter geht’s im wirklichen Leben, überhitzt und eher atemlos. Großer Jubel, als der Maestro dann im Rollstuhl auf der Bühne erscheint, er nimmt die Huldigungen, des Publikums, des Ensembles freundlich dankbar entgegen. Und gähnt. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹