Jedes Stück Musik ist Teil eines politischen Kontexts. Diese Verbindung zur Politik zeigt sich beginnend mit der Frage, wer den Komponierenden einen Auftrag erteilt und in welchem Raum die Musik aufgeführt wird, bis hin zur Förderung der Musiker:innen durch bestimmte Stiftungen und zum sozialen Background des Publikums. Im 20. Jahrhundert wurde komplexe zeitgenössische Musik in der Regel mit Demokratie in Verbindung gebracht, da sie als eine Form des individuellen Selbstausdrucks galt, die in einem totalitären Regime nicht akzeptabel wäre. Heute kennen wir einige Demokratien, die sich wenig um das Überleben der komplexen Kunst scheren und einige Diktaturen, in denen eine erstaunliche (Schein-)Vielfalt in Sachen Neuer Musik zu finden ist.
Im heutigen Russland zum Beispiel wird die Musik von Sciarrino, Xenakis, Nono, Silvestrov und Kreidler regelmäßig gespielt. Es gibt ein breites Netzwerk von hochprofessionellen Musiker:innen, Komponist:innen und Festivals, die ein waches und unterstützendes Publikum haben. Zu meinem großen Bedauern macht das meine Heimat aber nicht zu einer Demokratie.

Warum kann zeitgenössische Musik innerhalb einer Diktatur überhaupt prosperieren? Eine Erklärung, die ich immer wieder lese, sieht hinter dieser Vielfalt ein perfides Werk der russischen Staatspropaganda, die die Kunst als Waffe und als Mittel zur Legitimierung des Regimes einsetzt. Ich befürchte: Eine solche Raffinesse im Handeln des russischen Staates zu vermuten, ist ein Anachronismus. Weder ist die aktuelle russische Propaganda so strategisch versiert, dass sie die Existenz Neuer Musik überhaupt wahrnimmt, noch ist sie daran interessiert, nach dreieinhalb Jahren Angriffskrieg und Isolation die westliche Kulturwelt irgendwie zu beeindrucken. Die einzelnen Versuche, Kulturfunktionäre des Regimes in den westlichen Kontext zu schmuggeln, wie zum Beispiel neulich Gergiev in Italien, entlarven sich gerade durch ihr plumpes Vorgehen.
Wie ist es überhaupt möglich, dass vor dem Hintergrund der Repressionen gegen Journalist:innen, Regisseur:innen (meine enge Freundin Zhenya Berkovich sitzt wegen Terrorismusvorwürfen im Lager), Künstler:innen und Galerist:innen der Kontext der zeitgenössischen Musik seine Komplexität bewahrt und sich seit der Vorkriegszeit kaum verändert hat? Dafür gibt es zwei Gründe.
Erstens ist die Situation in der zeitgenössischen Musik, die wir derzeit in Russland beobachten, das Ergebnis von fast dreißig Jahren Arbeit zur Diversifizierung der Musiklandschaft und zur Schaffung paralleler Institutionen (an dieser Arbeit war auch ich beteiligt) – in der Regel in enger Zusammenarbeit mit europäischen Musikinstitutionen. Wenn der große französische Komponist Pascal Dusapin, wie es kürzlich geschah, fast am selben Tag in Berlin und Moskau Premieren feiert, könnten wir dieses Ereignis aus zwei Perspektiven sehen: sowohl als Versuch des russischen Regimes, einen erfolgreichen europäischen Künstler zu vereinnahmen, als auch als Überbleibsel des alten polyphonen Musiksystems, für dessen Zerstörung der russische Staat einfach keine Zeit hatte.
In den letzten Jahren vor der vollständigen Invasion in die Ukraine versuchte der Staat intensiv, diese unabhängigen Institutionen der zeitgenössischen Musik unter seine Kontrolle zu bringen – durch massive Unterstützung des wiederbelebten stalinistischen Komponistenverbandes und zahlreiche Bemühungen, die gesamte Finanzierung der zeitgenössischen Musik dem Staat zu unterstellen. Diese Versuche, die ebenso ungeschickt waren wie ihre Initiatoren, waren jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Das Rhizom der zeitgenössischen Musik umfasste zu diesem Zeitpunkt ein sehr breites Spektrum unabhängiger Institutionen, von Kellergalerien bis hin zu mächtigen privaten Stiftungen, und selbst in drei Jahren Krieg und totaler Zensur gelang es dem Staat einfach nicht, dieses gesamte Rhizom (das über ein eigenes kulturelles Gedächtnis und ein eigenes Publikum verfügt) zu zerstören.
Andererseits hat die Vielfalt der zeitgenössischen Musik im modernen Russland auch einen anderen, banaleren Grund: Der Staat hält sie nicht für gefährlich und sieht darin keinen politischen Inhalt. Die Komplexität, die vor 70 Jahren als bedrohlich galt, wird heute von außen als hochgestylte Dekoration angesehen, mit der sich ein Regime schmücken kann. Und zugleich gibt es ein Publikum, für die gerade diese hochkomplexe Musik die letzte Quelle der Freiheit und Diversität darstellt.
Und jetzt kommen wir zu der Hauptfrage: Wie gehen wir damit um? Was ist für uns wichtiger: das Regime zu bestrafen oder die Reste der nicht vollständig zerschlagenen Zivilgesellschaft zu unterstützen?
Seit dem Beginn des großflächigen Angriffs Russland gegen die Ukraine dürfen die Noten der meisten westlichen Komponisten wie Sciarrino, Xenakis, Boulez, Nono oder Dusapin nicht mehr nach Russland geliefert werden. Die Musik erklingt trotzdem, weil russische Musiker:innen diese Noten über Drittländer bestellen, diese Sanktionen werden umgangen wie alle anderen auch. Neulich gab es in Moskau zum Beispiel eine Aufführung von Sciarrinos Morte di Borromini, einem sehr selten gespielten Orchesterwerk aus dem Jahr 1988. Dirigiert hat mein Freund Philipp Chizhevsky, der hier in VAN einen Antikriegsaufruf unterschrieben hatte.

Ich selbst arbeite seit 2022 aus Solidarität mit meinen ukrainischen Kolleg:innen und meiner Tochter, die in Kyjiw lebt, nicht mehr in Russland. Und ich respektiere die Kolleg:innen, die es auch nicht mehr tun. Gleichzeitig weiß ich aber nicht, wem dadurch geholfen und wer damit bestraft wird, wenn in Moskau die Musik von Xenakis oder Nono nicht mehr erklingen darf. Es gäbe andere Wege: Man könnte, würde man diese Stücke aufführen, beispielsweise einen Teil der damit erworbenen Leihgebühren für den Wiederaufbau der Ukraine spenden. Eine moralisch vertretbare Lösung wäre auf jeden Fall möglich.
Ich weiß, dass die meisten meiner Kolleg:innen, die in Russland geblieben sind, den Krieg und Putins terroristisches Regime nicht unterstützen, aber innerhalb des bestehenden kulturellen Systems haben sie fast keine Möglichkeit, diese Position zu artikulieren, und gleichzeitig sichert eben dieses System ihre Existenz. Diese Kombination aus Zensur und Unterstützung ist eine echte Gefahr. Alle Antikriegsproteste dürfen in der heutigen russischen Musik nur in einer kryptischen Form zum Ausdruck gebracht werden. Aber es gibt sie, sowohl unter Komponist:innen als auch unter Interpret:innen. Als der großflächige Ukrainekrieg 2022 begann, haben einige Orchester und Kammerensembles in Russland, die ihre Antikriegsposition artikulieren wollten, vor allem zwei Komponisten demonstrativ gespielt: den ukrainischen Klassiker Valentin Silvestrov und Karl Amadeus Hartmann. Hartmann wurde zum Symbol für innere Emigration und Widerstand. Wenn wir heute an irgendeine Zukunft denken können, wäre es vielleicht ratsam, den Austausch zwischen Westeuropa und den verbliebenen Resten der russischen Zivilgesellschaft nicht aufzugeben.
Ich will hiermit die Worte der Unterstützung für die Arbeit meiner in Russland verbliebenen Kolleg:innen finden, wie Vladmir Gorlinsky, Mark Buloshnikov, Anton Svetlichny oder Alexey Sysojev, die aus unterschiedlichen Gründen in Russland geblieben sind und deren Arbeit aus der Perspektive einer inneren Emigration heraus weiter versucht, den Zustand der zerfallenden Gesellschaft, in der sie leben, zu reflektieren und in Klängen festzuhalten. Diese Werke entstehen immer noch in einem Kontext, der zu der herrschenden Paranoia und Simplifizierung des offiziellen Diskurses in einem gravierenden Kontrast steht. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir hier in Europa eine Strategie aufbauen, die einen differenzierteren Umgang mit den Künstler:innen, die in totalitären Systemen geblieben sind, ermöglicht, ohne der Verlockung des pauschalen Kulturboykotts nachzugehen. Wir müssen lernen, mit der Ambivalenz umzugehen: Ja, die Komponist:innen in Russland, die gegen den Krieg sind, werden manchmal in großen Sälen gespielt, und mit tobendem Applaus begrüßt; nein, sie sind deswegen nicht automatisch Mitläufer:innen, und dienen nicht der Normalisierung der Diktatur, eher umgekehrt – unter immensem Druck beginnen die Leute wieder wie in Sowjetzeiten in der Neuen Musik einen Ausdruck der Freiheit zu sehen.
Es kann sein, dass ich Neue Musik überbewerte. Aber ich glaube, dass wir eine durchdachte Strategie brauchen, die jedes Bestreben nach der Freiheit in einem totalitären System unterstützt. Wie diese Strategie aussehen kann und wie wir in der Zukunft lernen, die unabhängigen Stimmen, die durch den Asphalt der Diktatur durchzudringen versuchen, von der Kulturpropaganda ebendieser Diktatur zu unterscheiden, muss erst formuliert werden. Aber ich glaube, dass eine solche Arbeit notwendig ist, auch damit wir die Gefahren in unserer Gesellschaft hier in Deutschland rechtzeitig erkennen und flexibel auf sie reagieren können. ¶

