»Sieh die Musik, hör den Tanz«

Wenn ich in diesem Herbst die Tschechische Philharmonie höre, sowohl live beim Heimspiel im Prager Rudolfinum als auch auf den vielen neuen Aufnahmen mit dem derzeitigen Chefdirigenten Semyon Bychkov, kommt mir oft dieses Zitat des Choreografen George Balanchine in den Sinn. Was ist anders an ihren Interpretationen der Klassiker? Offensichtlich besonders ist der dunkle, rustikale Klang der Streicher und die unaufgeregte Direktheit der Blechbläser. Aber Bychkov schafft es außerdem, Mahlers Vierte spielerisch schimmern und die Erste mit einer jugendlichen Unbekümmertheit hüpfen zu lassen. Bei den Tschaikowsky-Einspielungen meine ich immer wieder fast zu spüren, wie Ballerinas hinter den Kulissen darauf warten, abzuheben. Ganz einfach: Die Tschechische Philharmonie bringt die Musik zum Tanzen.

Wie Balanchine verließ auch Bychkov Russland in Richtung USA. Das wurde zum Diskussionspunkt, als der ehemalige Chefdirigent von Orchestern in Frankreich, Deutschland und den USA 2017 die Leitung der Tschechischen Philharmonie übernahm. Konnte man einem Außenstehenden die Melodien, Rhythmen und die Energie anvertrauen, die so typisch »tschechisch« sind?

Aktuell gastieren Bychkov und die Tschechische Philharmonie in New York, wo sie in der Carnegie Hall nicht nur Smetanas Má vlast spielen, sondern auch die Solokonzerte von Antonin Dvořák, der 1896 das erste Konzert der Tschechischen Philharmonie überhaupt dirigierte. Die Solo-Parts übernehmen Yo-Yo Ma, Gil Shaham und Daniil Trifonov. Ich spreche mit Bychkov im Vorfeld dieser Carnegie-Aufführungen über seine Zeit in Prag, das Erbe und die Zukunft des Orchesters und die Frage, wie es in Zeiten der zunehmenden Globalisierung der klassischen Musikindustrie seinen unverwechselbaren Charakter behalten kann. 


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