Man darf ein identifikatorisches Motiv vermuten: Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov hat ein Vier-Stunden-Stück über den russischen Regisseur Sergey Paradjanov (1924–1990) geschrieben. Unter Cineasten ist Paradjanov eine Größe, Filme wie Die Farbe des Granatapfels oder Schatten vergessener Ahnen gelten in ihrer surreal-poetischen Eigenart als Meilensteine des Arthouse-Kinos. Weil er für die Schönheit in einer hässlichen Welt kämpfte, weil er immer nah am Unmöglichen segelte, machte er sich den sowjetischen Unterdrückungsapparat zum Feind, musste ins Lager, wurde auf prominenten Druck hin befreit, aber mit Filmverbot belegt, widmete sich dem Collagieren von magischen Alltagsgegenständen.

Ignoriere die Gitterstäbe. Und wenn das nicht geht, schmücke sie mit den Früchten deiner Fantasie. – Der Satz fällt, gesprochen von einer der zehn Paradjanov-Verkörperungen, die Serebrennikov in die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord imaginiert hat. Vier Stunden theatrale Poesie, rührend, intensiv, laut, leise, ziemlich pathetisch. Ohne Pathos geht es nicht, auch so ein Satz. Mit Kunst auf die Zumutungen des Lebens zu reagieren, sich mit überschießendem Einfallsreichtum zu entknebeln, wenn es eng wird: An einen wie diesen charmanten Großsprecher, das selbsternannte und mutmaßliche Genie Paradjanov, wird Serebrennikov bestimmt gedacht haben, als er selbst, im Putin-Gefängnis sitzend, später im Hausarrest in Moskau, per Video und über Assistenten im Westen inszenierte: Così fan tutte in Zürich, einen finsteren Parsifal in Wien, Schostakowitschs Nase zur Eröffnung der Intendanz von Serge Dorny in München.

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Legende, eine Koproduktion mit dem Thalia-Theater, mit einem fabelhaften osteuropäisch-deutschen Ensemble aus Schauspielern, die verrückt gut auch tanzen und singen können, kommt komplett ohne Paradjanov-Filmschnipsel aus. Das ist raffiniert, denn so will man das natürlich erst recht sehen. Serebrennikov erzählt die Legende Paradjanov in zehn einzelnen Legenden aus seiner Welt, die Referenzen kann man im dicken Programmbuch nachlesen, es geht aber auch so. Familien-Beerdigungen, etwas über das Verkaufenkönnen von allem Möglichen, rätselhafte Rituale, Velázquez’ Infantin im Museum von Kyjiw, jede Menge Teppiche, ein Wunschbaum, die Legende vom eingemauerten schönsten Jüngling, ein großes Lear-Tableau.

Oper kommt auch vor, Massenets Werther stirbt Serienselbstmorde, Traviata stirbt als Diva am Ende. Osteuropäische Folklore geht in die Beine, die Herren des georgischen Staatskammerchors füllen den Riesenraum der Kraftzentrale gewaltig zwischen pp und ff, ansonsten klingt es zuweilen wie eher nichtsotolles Musical.

Jedenfalls ein starker Abend, und ein Zeitwunder: Erst kommt’s einem lang vor, nach hinten gefühlt immer kürzer, und erst zum Ende findet Serebrennikov keines, will sagen: zu viele. Da kann er sich nicht lösen von dem so glorios erreichten emotional-pathetischen Hochplateau. Alles in allem: ein Ding. Gerard Mortier, die Legende der Ruhrtriennale, hätte es eine »Kreation« genannt. Theater mit Musik am Tellerrand der Oper. Wird sich Serebrennikov, wenn er sich jetzt einen Don Carlo für den Wiener Staatsopern-Guckkasten ausdenkt, an die Freiheiten erinnern, die er sich längst schon genommen hat, jenseits der gut bewachten Tellerränder? Schön wäre das. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹

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